Olympische Spiele eine historische Chance für die Metropolregion Hamburg

Quelle: FHH/gmpNoch ist dieser Plan ein Konzeptentwurf, aber so könnte der Kleine Grasbrook umgestaltet werden. Vom nördlichen Elbufer aus betrachtet stehen vorn das Schwimmstadion (links) und der Olympische Dom, dahinter das große Olympiastadion für  75 000 Besucher. Dahinter ist wiederum das olympische Dorf für die Athleten zu sehen. Im Bereich links werden temporäre Sportstätten gebaut. Beide Bereiche werden über Brücken verbunden. Zu sehen ist hier die Ebene eins. Auf der Ebene null, die auf der jetzigen Betonsohle liegt, werden Parkplätze und logistische Versorgungskanäle untergebracht. Das heißt: Der gesamte olympische Aktionsraum liegt mit acht Metern Höhe im flut-sicheren Bereich, also höher als heute. Die Olympischen Spiele in Hamburg sollen zudem so kompakt gestaltet werden, dass Fahrräder als Transportmittel eingesetzt werden können. Quelle: FHH/gmp

Das Plädoyer von Handelskammer-Syndikus Reinhard Wolf beim Wirtschaftsverein für den Hamburger Süden

Ein voller Saal, mehr als ein Dutzend Fragen – die Vorstellung, dass 2024 oder 2028 Olympische Spiele in Hamburg stattfinden könnten, begeistert nicht nur die Mitglieder und Gäste des Wirtschaftsvereins für den Hamburger Süden. Auch Reinhard Wolf, Olympia-Beauftragter der Handelskammer Hamburg, ist „Feuer und Flamme“. Er hatte leichtes Spiel, seine Zuhörer anzustecken und beantwortete die Frage, ob Olympische Spiele auch ein Gewinn für den Süden der Hansestadt sein könnten, erwartungsgemäß mit Ja.

Logistik-Konzept von HC Hagemann

In der April-Ausgabe hatte Business & People der olympischen Idee das Titelthema gewidmet. Mittlerweile ist an dem Konzeptentwurf weiter gefeilt worden. Unter anderem hat das Harburger Unternehmen HC Hagemann bereits ein Logistik-Konzept für die Bauphase erstellt. Da die Spiele, wenn Hamburg denn den Gang durch die Institutionen übersteht, auf dem Kleinen Grasbrook stattfinden sollen, setzen die Planer auf die leistungsfähige Binnenschifffahrt, um die Großbaustelle zu versorgen.

Wolf stellte klar: „Olympia ist auch ein Wirtschaftsthema.“ Der Wirtschaftsverein hat sich bereits positioniert. Vorstandsmitglied Andreas Schildhauer: „Wir stehen voll hinter der Bewerbung.“ Er hatte sogar noch den „Feuer und Flamme“-Anstecker parat, mit dem Hamburg sich um die Spiele 2012 beworben hatte, im Bundesentscheid dann aber an Leipzig gescheitert war. Den Zuschlag hatte im weiteren Auswahlverfahren bekanntlich London bekommen.

Demonstrationen in Berlin

Wolf startete seinen Vortrag gleich mit einer „guten Nachricht“ für Hamburg, wie er sagte: „In Berlin finden bereits Demonstrationen gegen Olympische Spiele statt. In Hamburg steht das N von (N)Olympia wenigstens noch in Klammern. Wir hoffen, dass wir die Gegner überzeugen können.“ Nach dem Schock von München wird der Rückhalt in der Bevölkerung ein Hauptkriterium bei der Nominierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sein. Der DOSB war konsterniert, nachdem die Bayern den Winterspielen 2022 im vorigen Jahr per Bürgerentscheid eine Absage erteilt hatten. Jetzt sind übrigens noch Peking und Almaty (Kasachstan) im Rennen – allseits bekannte Wintersportorte, wie Wolf ironisch anmerkte. Möglich, dass der Bayern-Flop die Chancen Deutschlands bei der Vergabe der nachfolgenden Sommerspiele begünstigt. Wolf: „Wenn wir den Termin 2024 bekommen, dann wäre das 52 Jahre nach München.“ Deutschland ist also irgendwie mal wieder an der Reihe, so das Kalkül. Bleibt noch die Frage nach dem Austragungsort – Hamburg oder Berlin.

Foto: Wolfgang Becker

Sie sind „Feuer und Flamme“: der Olympia-Beauftragte der Han­dels­kammer Hamburg, Reinhard Wolf (links), und Andreas Schildhauer, Hafenexperte und Vorstandsmitglied des Wirtschaftsvereins für den Hamburger Sü­den. Den An­stecker hat Schildhauer noch von der ersten Hamburger Bewerbung. 

Wolf räumte ein, das bei der Hamburg-Bewerbung für 2012 Fehler gemacht wurden. Das soll im neuen Anlauf vermieden werden. Die Olympischen Spiele sieht er als Riesenchance, Hamburg als Topstandort auf die Weltkarte zu
rücken. Zugleich ist der Mega-Sportevent ein Stadtentwicklungsprojekt, das die Verbindung zwischen Harburg/Wilhelmsburg und Hamburg herstellt. Da Nachhaltigkeit ein großes Thema beim IOC ist, wird genau geschaut, wie sich die Spiele auf das städtische Gefüge auswirken. Verfahren wird heu-te nach der Devise „Die Stadt soll sich nicht den Spielen, die Spiele sollen sich der Stadt anpassen.“

Auf dem Kleinen Grasbrook befinden sich heute der Auto-Terminal, das Fruchtzentrum und das Überseequartier. Auf der großen Halbinsel in der Mitte, dem so genannten Mittleren Kleinen Grasbrook, sollen das olympische Dorf, das Stadion, das Schwimmstadion und der olympische Dom gebaut werden. Nach Olympia werden Teile der Sportstätten zurückgebaut – etwa das Stadion. Aus dem Dom würde ein perfekter Kreuzfahrt-Terminal, aus dem Schwimmstadion eine große Schwimmhalle im Zentrum Hamburgs. Das olympische Dorf mit seinen 3000 Wohnungen ließe sich um weitere bis zu 2000 Wohnungen erweitern. Damit wä-re ein neuer Stadtteil im Herzen Hamburgs entstanden, in dem 10 000 Menschen leben und 20 000 arbeiten.

Bei der Verlegung der vorhandenen Hafenbetriebe soll Moorburg als Alternativstandort ausgeklammert werden. Wolf: „Es gibt Ideen, aber die bleiben vorerst noch vertraulich. Wir werden aber dabei auch an die Stadtgrenzen gehen, möglicherweise darüber hinaus. Eventuell kommt auch Stade infrage. Aber das ist alles noch in der Diskussion.“

Wettbewerbe im Landkreis Harburg

Während auf dem westlich gelegenen Teil des Kleinen Grasbrooks temporäre Sportstätten gebaut werden sollen, darf sich Wilhelmsburg auf weitere neue Entwicklungen mit Bestand einstellen. Auf der dann freien Fläche der verlegten Reichsstraße könnte ein Mediendorf mit 4000 bis 4500 Wohneinheiten entstehen, außerdem ein Jugenddorf und ein Quartier unter dem Motto „Friends & Family“. Die Vielseitigkeitsreiterei wäre ein Thema für Luhmühlen, die Schießwettbewerbe könnten in Garlstorf stattfinden. Hamburg müsste etwa 42 000 Hotelzimmer bereit stellen, hat derzeit gute 30 000. Hier sieht Wolf vor allem eine Chance für die Hotellerie im Umland – bis hin nach Bremen, Hannover und Berlin.

Wolf: „Von den 35 Sportstätten, die nötig sind, haben wir bereits 30. Es fehlen nur fünf – leider die teuren.“

Er geht nach bisher vorliegenden Eckdaten davon aus, dass Olympia Hamburg 2024 etwa zwei Milliarden Euro kosten wird – mehr sei nicht zu erwarten. Die eigentliche Organisation schlage mit drei Milliarden Euro zu Buche, trage sich aber selbst und erwirtschafte vermutlich einen Überschuss – so wie in London und Sotchi. Zusätzlich seien erhebliche Infrastrukturmaßnahmen zu erwarten, die dann vom Bund vorgezogen würden – die A26 Ost (Hafenquerspange), die Verlängerung der U2 nach Wilhelmsburg (bis 2028 wäre auch die Erweiterung bis Harburg zu schaffen) und beispielsweise der Ausbau des Harburger Bahnhofs zum Südtor. Wolfs Fazit: „Olympische Spiele wären eine historische Chance für Hamburg.“


 

Olympia in Zahlen

Die Olympischen Spiele bedeuten, dass binnen 16 Tagen  44 „Weltmeisterschaften“ in einer Stadt ausgetragen werden. Mehr als 10 000 Athleten aus 204 Nationen werden er-wartet, dazu rund 24 000 Me-dienvertreter. Benötigt werden 42 000 Hotelzimmer. Verkauft werden 8 000 000 Tickets (London). Erreicht werden etwa 5 000 000 000 Kontakte durch TV und Internet (London). Die Kosten dürften bei etwa 14 000 000 000 Euro liegen (Stand London), wobei die ausrichtende Stadt selbst mit bis zu 2 000 000 000 Euro be-teiligt wäre. In London ließen sich im Vorwege 168 000 Un-ternehmen auf einer eigens ge-schaffenen Internet-Plattform registrieren (Compete For Olym-pia). 13 700 Aufträge wur-den an kleine und mittelständische Unternehmen vergeben. Das Auftragsvolumen betrug insgesamt
3 100 000 000 Euro. Die Subunternehmen der großen Baufirmen waren darin nicht enthalten. wb

Der Zeitplan

Am 31. August wurden die Konzepte von Hamburg und Berlin beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingereicht. Am 6. Dezember tagt die Mitgliederversammlung, die zuvor eine Empfehlung bekommen hat. Am
8. De-zember wird das IOC (International Olympic Commitee) eingeschaltet. Im Frühjahr 2015 müsste ein Referendum (Bürgerentscheid) stattfinden, wobei es sowohl Hamburg als auch Berlin ablehnen, dies vor der Entscheidung zu tun. Im November 2015 muss der DOSB eine Absichtserklärung abgeben. Bis Februar 2016 muss die ausgewählte Stadt vollständige Bewerbungsunterlagen erarbeiten – das sogenannte Mini-Bid-Book. Im Sommer 2016 erfolgt dann die Auswahl der Candidate Cities, die dann auch schon mit den olympischen Ringen werben dürfen. Zu der deutschen Stadt dürften sich Rom, Madrid, Istanbul und eventuell Paris gesellen, wenn es denn überhaupt eine europäische Stadt wird. Die Entscheidung über die Host-City für 2024 fällt dann im Sommer 2017 – sieben Jahre vor der Ausrichtung. Sollte Nordamerika die Nase vorn haben, wäre Europa für 2028 gesetzt – und Hamburg hätte vier Jahre Zeit, sich auf das nächste Bewerberverfahren einzustellen.