Agrar-Lehrling ohne Hof

lehrling-kjell--02Sie sind zur Ausbildung in Fredenbeck stationiert: Niklas Andre (links) aus Langenhorn und Kjell Wittmack aus Ohrensen-Lüsthoop.

Begeistert von Traktor und Co: Darum haben sich zwei junge Männer für eine landwirtschaftliche Ausbildung entschieden

Nur wenige Kilometer voneinander entfernt auf zwei Höfen in Fredenbeck machen zwei junge Männer eine landwirtschaftliche Ausbildung, bei denen die Eltern zu Hause keinen Hof haben. Der 21-jähriger Niklas Andre aus Hamburg-Langenhorn absolviert sein erstes Lehrjahr auf dem Hof von Wilhelm und Antje Mießner, der 17-jährige Kjell Wittmack aus Ohrensen-Lüsthoop startet mit seiner Ausbildung auf dem Hof von Cord und Dörthe Neumann. Zwei ungewöhnliche Azubi-Porträts.

Den Masterabschluss im Visier


Niklas Andre ist nach eigenen Worten fasziniert von der Natur, von der Landwirtschaft und von Tieren. In Langenhorn nahe der schleswig-holsteinischen Grenze bei Norderstedt findet er diese Idylle nicht. Nach dem Abitur begann er das Studium der Agrarwissenschaften in Kiel. „Doch nach 13 Jahren Schule hatte ich bald die Nase von der Schulbank voll.” Deshalb entschloss er sich, erst einmal eine praktische Ausbildung in der Landwirtschaft zu machen: „Praktika sind während des Studiums ohnehin gefordert.“ Einen Ausbildungsplatz fand der Großstädter schnell bei Wilhelm und Antje Mießner in Fredenbeck. Hier werden jeden Tag 130 Kühe gemolken und weibliche Nachzuchten aufgezogen. Die Familie Mießner bewirtschaftet 145 Hektar Nutzfläche – mit Maisanbau und Gras für die Viehfütterung.

Der Arbeitstag für Niklas Andre beginnt um 5.45 Uhr: Melken, die Kühe füttern, die Kälber tränken. Das Futter wird den Kühen mit einem Mischwagen in den Futtertrog gegeben. Es muss dann ab und zu „herangefegt“ werden. Der Auszubildende lernt den Umgang mit Tieren kennen und ist viel an der frischen Luft: „Ständig wechselnde Eindrücke wirken auf mich ein.“ Bei der Familie Mießner hat er Familienanschluss.

„Ich komme aus einer Beamtenfamilie“, sagt Niklas Andre. Sein Berufswunsch habe die Eltern zunächst überrascht. „Sie haben mich aber unterstützt.“ Sein zweites Lehrjahr absolviert er ab August ebenfalls in Fredenbeck: im Milchviehbetrieb von Jan und Anke Alpers, die gerade einen neuen Milchviehstall bauen. Parallel zu seiner Ausbildung ist Andre weiterhin an der Universität in Kiel eingeschrieben, lässt sich dort regelmäßig sehen und schreibt sogar Klausuren. „Irgendwie geht das schon.“ Nach der Lehre will der junge Mann weiterstudieren. „Ich will den Bachelor- und Masterabschluss machen.“ Arbeiten möchte er später einmal im Bereich Land- oder Betriebstechnik.

Das Ziel: Landwirt im Nebenerwerb

Kjell Wittack machte seinen erweiterten Realschulabschluss, bevor er seine Ausbildung auf dem Hof Neumann in Fredenbeck startete. „Ich habe mich schon immer für landwirtschaftliche Maschinen interessiert, bin auf dem Hof Schmidt in Ohrensen ständig mitgefahren und durfte dort auch selber Trecker fahren, als ich dann den Treckerführerschein hatte.“ Er mag nicht nur Trecker fahren, sondern auch mit dem schweren Gerät ackern und notfalls daran schrauben, um selbst kleine Reparaturen auszuführen. Für Kjell war die Berufsrichtung nach eigenen Worten schon lange klar: „Von Anfang an wollte ich Landwirtschaft lernen.“ Auch er wird von seinen Eltern unterstützt. Sein Vater ist Vermessungsingenieur und seine Mutter Therapeutin.

So ging es bei Kjell los: Erst Bobbycar, dann Trettrecker, danach Kettcar, Rasentruck und dann Trecker fahren. Inzwischen hat der Auszubildende sich schon einen eigenen Trecker gekauft: „Einen Deutz, Sechszylinder natürlich.“ Auch einen kleinen Resthof in Oersdorf haben die Eltern vor einiger Zeit gekauft. „Mein Ziel ist es, Landwirt im Nebenerwerb zu werden“, sagt der junge Auszubildende.

Am meisten Spaß bereitet Kjell nach eigenen Worten die Arbeit mit Trecker und Maschinen. „Melken geht so.” Neumanns bewirtschaften 115 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und halten 140 Milchkühe. Jedes zweite Wochenende hat der Auszubildende Dienst auf dem Hof. An zwei Tagen in der Woche besucht er die Berufsfachschule in Stade, konkret: die Kooperative Fachschule Agrar. Sein zweites Lehrjahr wird Kjell Wittack auf dem Hof Schmidt in Ohrensen absolvieren, also dort, wo er schon ständig als kleiner Junge mithalf. Das dritte Lehrjahr wird er auf dem Zuchtbetrieb der Stader Saatzucht ableisten.

Von Hans-Lothar Kordländer