Dieser Mann kann durch Wände schauen

Foto: Wolfgang BeckerDr. Thomas Leineweber ist spezialisiert auf Endosonographie und verfügt mit diesem neuen Ultraschallgerät über die neueste Technik. Die Helios Mariahilf Klinik Hamburg blättert damit ein neues Kapitel im Leistungskatalog auf. Foto: Wolfgang Becker

Ein Pionier der Endosonographie: Dr. Thomas Leineweber über Diagnoseverfahren und den Stand der Technik.

Pixel kennt jeder, aber was sind eigentlich Voxel? Pixel sind Bildpunkte, die Farbwerte auf einer digitalen Rastergrafik definieren – zum Beispiel auf dem TV-Bildschirm. Die sogenannten „Picture Elements“ sind zweidimensional. Ein Voxel ist dagegen ein Volumen-Element innerhalb eines digitalen Rasters, also ein dreidimensionaler Pixel. Das klingt alles sehr theoretisch, hat aber praktische Bedeutung bei der Erzeugung von dreidimensionalen Bildern bei medizinischen Ultraschall-Anwendungen – ein Spezialgebiet von Dr. Thomas Leineweber, Chefarzt für Gastroenterologie und Allgemeine Innere Medizin an der Helios Mariahilf Klinik Hamburg in Harburg. Er ist ein Pionier der Endosonographie, bei der ein Endoskop mit Ultraschallkopf beispielsweise in den Magen oder den Darmtrakt eingeführt wird. Kurz: Dr. Leineweber kann durch Wände schauen.

„Seit 1995 ist diese Technologie mein Thema. Ich gehöre sozusagen zur ersten Generation derer, die sich mit dem endoskopischen Ultraschall befasst haben“, sagt der 53-Jährige, der im Januar die Chefarztstelle übernahm. Dr. Leineweber ist Kursleiter der DEGUM-Stufe III und lehrt regelmäßig an der „Endo Club Akademie“ auf dem Gelände des UKE Hamburg (DEGUM ist die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin). Er sagt: „Mich interessiert vor allem eines: Wie kann ich das Wissen weitergeben? Leider haben wir es mit einer extrem flachen Lernkurve zu tun. Es braucht einerseits erfahrene Gastro­enterologen mit exzellenten Endoskopiekenntnissen, andererseits ein sicheres Gespür für die Diagnostik mit Ultraschall und Begeisterung für die Technik. Ein guter Arzt für Endosonographie sollte auf hohem Niveau endoskopieren und sonographieren können. Das macht die Sache so kompliziert.“

Zur Person
Dr. Thomas Leineweber ist gebürtiger Südwestfale und Trompeter mit einem Faible für Orchestermusik. Sein Medizinstudium absolvierte er in Berlin, promovierte dort am Deutschen Herzzentrum und war schon fast auf dem Weg, Kardiologe zu werden – doch dann stieß er auf das Thema Gastroenterologie. Die Endosonographie steckte zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen. Nach Stationen in Bad Oldesloe, Lübeck sowie in mehreren Asklepios-Kliniken in Hamburg (Altona, Nord, Wandsbek) ist er nun in bei Helios Harburg angekommen. Mit Frau und zwei Kindern lebt er im Norden Hamburgs.

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Tragische Geschichte
Dass die moderne Endosonographie heute in der Diagnostik langsam mit der wesentlich teureren Computertomographie (CT) und der Magnetresonanztomographie (MRT) gleichzieht, ist zunächst der technischen Entwicklung, aber auch dem „Voxel-Man“ zu verdanken. Dahinter verbirgt sich die tragische Geschichte eines wegen Mordes zum Tode verurteilten Texaners, der in den 90er-Jahren verfügte, dass sein Körper nach der Hinrichtung für medizinische Zwecke bereitgestellt werden sollte. Joseph Paul Jernigan wurde am 5. August 1993 im Alter von 39 Jahren durch die Giftspritze getötet, anschließend eingefroren und in 1871 Scheiben von je einem Millimeter Stärke geschnitten. Die Scheiben wurden fotografiert und digitalisiert. Jernigan lieferte damit – ohne es vorher zu wissen – den Basisdatensatz für den männlichen Körper und wurde im Rahmen des „Visible Human Project“ zum Voxel-Man. Ein wesentlicher Schritt in Richtung Visualisierung des menschlichen Körpers und einer Verbesserung des Lernens auch in der Endosonographie

Endoskopischer 
Ultraschall
Unter dem Titel „EUS meets Voxel-Man“ (Der endoskopische Ultraschall trifft Voxel-Man) hat Dr. Leineweber gemeinsam mit weiteren Kollegen die Fährte nach Texas aufgenommen und eine Brücke zwischen dem Ultraschall und der digitalen Datenbasis geschlagen. Er sagt: „Mit dem klassischen Endoskop kann ich mir optisch beispielsweise die Magenwand anschauen. Der endoskopische Ultraschall kann jedoch in sieben Schichten die Magenwand darstellen und auch noch hinter die Tapete gucken. So hoch ist die Auflösung.“ Und nicht selten findet sich dort „hinter der Wand“ die eigentliche Ursache für Beschwerden, zum Beispiel in der Bauchspeicheldrüse oder im Gallengang. Dr. Leineweber hat viele Tausend Untersuchungen und Eingriffe mit dieser Methode gemacht und verfügt über ein sicheres Gespür, aber auch eine hohe Kooperationsbereitschaft mit der bildgebenden „Konkurrenz“: „Ich arbeite mit der Radiologie sehr gut zusammen. Wenn ich mir nicht sicher bin, hilft vielleicht ein CT oder ein MRT. Aber immer öfter ist es andersrum. Am Ende ist es immer das Ziel, einen sicheren Befund zu haben, um dem Patienten bestmöglich zu helfen.“ Mit der Endosonographie bietet die Helios Mariahilf Klinik Hamburg eine neue Technologie an, die es in dieser Form am Standort bisher nicht gab.

Aber Dr. Leineweber räumt auch augenzwinkernd ein: „Unser Anspruch ist es, besser als die Radiologie zu sein. Dafür brennen wir.“ Für ihn ist „Qualität gleich Technik plus Geisteshaltung“. Was die Technik angeht, hat Helios nach der Berufung Leinewebers sofort hochgerüstet und „das derzeit beste Gerät am Markt“ beschafft, wie der Arzt sagt: ein Ascendus-Ultraschallgerät von Hitachi. Die Japaner gelten technologisch als führend. Kostenpunkt: 250 000 bis 300 000 Euro. Leineweber: „Das klingt teuer, ist aber im Vergleich zu CT und MRT sehr günstig. Man kann sagen: Wir machen mit billigen Mitteln Bilder mit einer Superauflösung. Und darauf kommt es an: Wer die besten Bilder macht, bestimmt das Schicksal des Patienten.“

Ein weiterer Vorteil der Endosonographie: Sie liefert Live-Bilder aus dem Körper, in Echtzeit. Leineweber: „Da können Sie zuschauen, wie die Gallensteine im Gallengang hin- und herflutschen. Technik auf diesem hohen Niveau gab es bislang nicht.“ wb

http://www.eus-meets-voxel- man.de/deutsch/eus/index.html

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