Peter Schlosser, Inhaber der Speditions-Assekuranz in Hollenstedt – „Bei uns ist immer eine nette Dame am Telefon . . .“

Fotos: Wolfgang BeckerUnerwartete Erscheinungen in einer Männerwelt“: Sina (rechts) und Sara Schlosser sind mit dem Thema Transport aufgewachsen. Fotos: Wolfgang Becker

Peter Schlosser, Inhaber der Speditions-Assekuranz in Hollenstedt, versichert Transporte aller Art und ist bei 23 Mitarbeitern der einzige Mann im Betrieb

Schon mal was von der Elektro-Ameise gehört? Oder vom Möbelhund? Sina und Sara Schlosser, Prokuristinnen der Speditions-Assekuranz in Hollenstedt, müssen sich das Lachen fast verkneifen: „Wir haben es hier aber manchmal auch wirklich mit komischen Begriffen zu tun . . .“ Die beiden sind Versicherungskauffrauen und führen das 1987 gegründete Geschäft gemeinsam mit ihrem Vater, der sich mittlerweile auf Buchhaltungsfragen, Akquise, den Besuch bei Kunden und seine ehrenamtliche Arbeit als Richter konzentriert. Seine Töchter, 29 und 32 Jahre alt, verantworten zusammen mit der Prokuristin Karin Krause derweil mit großem Elan die Schadens- und die Vertragsabteilung.

Speditions-Assekuranz – das klingt nicht gerade nach Hochspannung. Doch wenn Sina und Sara Schlosser aus ihrem Berufsleben erzählen, wird ganz schnell deutlich, dass dieser Zweig der Versicherungsbranche fast abenteuerliche Aspekte hat.


„Bei uns geht es manchmal zu wie im Krimi“, sagt Sina Schlosser.

Und das hat seinen Grund: Anders als bei Privatversicherungen sind Transportversicherungen nicht in enge Kategorien gepresst. Häufig gibt es kein Regelwerk, nach dem beispielsweise die Versicherungsprämie für einen Lkw mit Rattengift bestimmt wird. Wird so eine Ladung gestohlen? Eher unwahrscheinlich. Ist sie besonders wertvoll? Nein, so etwa 30 000 Euro. Ist sie gefährlich? Ja, für Ratten.

Doch was ist, wenn so ein Lastwagen auf der Autobahn in Brand gerät, sich beim Löschen giftige Dämpfe entwickeln, der Asphalt schmilzt und die Autobahn für drei Tage gesperrt werden muss? Passiert ist dieser Fall im Dezember 2014 auf der A7 bei Göttingen. Gesamtschaden: schätzungsweise eine bis 1,5 Millionen Euro. Sara Schlosser: „Es wird noch gerechnet.“ Die Transportversicherung war in Hollenstedt abgeschlossen worden. Nun kann der Makler am Ende nichts dafür, aber beide räumen ein, dass sie auf diesen Unfall auch gut hätten verzichten können.

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Inhaber und Gründer Peter Schlosser und ein Teil seiner „Damenmannschaft“: 22 Frauen arbeiten bei der Speditions-Assekuranz in Hollenstedt, darunter seine Töchter Sina (links neben ihm) und Sara (rechts). Ganz links: Prokuristin Karin Krause.

 

Der familiengeführte Betrieb ist binnen nicht einmal drei Jahrzehnten von der Ein-Mann-Firma zu einem mittelständischen Unternehmen gewachsen, das deutschlandweit Kunden hat und darüber hinaus vor allem in Skandinavien und in Osteuropa aktiv ist. Seitdem in der EU die Dienstleistungsfreiheit gilt, dürfen beispielsweise rumänische Frachtführer Transporte in Deutschland machen. Der Fachbegriff Kabotage meint das Erbringen von Transportdienstleistungen innerhalb eines Landes durch ein ausländisches Verkehrsunternehmen. Da die Frachtführerhaftpflichtversicherung gesetzlich vorgeschrieben ist, wird also eine Kabotageversicherung fällig. Sina Schlosser: „Dann kriegen wir einen Anruf aus Rumänien. Aber wir sind hier sprachlich multikulti. Das geht.“ Weitere Versicherungsangebote: Speditionshaftung, Warentransport, Kfz-Haftpflicht und Kasko, Maschinenkasko, Maschinenbruch, Hakenlast, Lager- und Büroinhalt, Gebäude, Elektronik, Rechtsschutz und vieles mehr.

Spannend wird es, wenn besonders wertvolle Fracht transportiert werden muss. Ein Lastzug, der komplett mit der neuen Playstation von Sony beladen ist, bringt es schnell auf eine Million Euro Warenwert. Bei Tabak kommt das Doppelte zusammen, den Wert der Steuer inklusive. Beides wäre ein lohnendes Ziel für Diebe, die gern gleich den gesamten Lastzug mitnehmen. Sara Schlosser: „Dann haben wir strenge Vorgaben der Versicherer zu beachten: zwei Fahrer an Bord, Halt nur auf bewachten Parkplätzen, GPS-System zur Ortung und so weiter. Beim Sicherheitstransport tragen die Fahrer einen Panic-Button um den Hals. Wird er betätigt, rollt die Sicherheitsmaschinerie an. Dann gibt es einen Rund-um-Alarm, und es ist sofort Hilfe unterwegs.“

Die Versicherungsprämien sind entsprechend hoch. Der Normalfall einer so genannten Kabotage-Versicherung liegt jedoch bei 25 Euro pro Tour. In der Praxis zahlen die Frachtführer eine Jahresprämie für alle anfallenden Transporte. Die Speditions-Assekuranz versichert Transporte aller Art – auf der Straße, auf der Schiene, in der Luft und auf See. Sina Schlosser: „Ich versichere auch ein komplettes Seeschiff.“ Das spezialisierte Maklerunternehmen arbeitet für alle Versicherer – von A wie Allianz bis Z wie Zurich. Bei Sondertransporten werden die Prämien mit den Versicherern am Telefon verhandelt: „Das ist unser Job“, sagen die Schwestern. Dazu dürften auch Transporte mit Nachschub für die Bundeswehr in Afghanistan zählen oder von 800 Grad heißem flüssigen Stahl – ebenfalls Fälle aus der Praxis, wie Sara Schlosser sagt. Und dann fällt ihr noch die skurrile Geschichte ein, bei der ein Liter Bullensperma aus einem Sammeltransport verschwand. Vermutlich ein Auftragsdiebstahl, doch der wurde nie aufgeklärt, sodass die Versicherung 15 000 Euro zahlen musste. Es handelte sich wohl um einen besonders guten Bullen.

Dass das Unternehmen bis auf den Chef nur aus Frauen besteht, ist sicher ein Sonderfall in der Branche, möglicherweise aber auch ein Erfolgsrezept, wie Sina („Wir haben gerade heute wieder eine Frau eingestellt.“) und Sara Schlosser sagen: „Wir sind schon eine unerwartete Erscheinung inmitten einer Männerwelt. Aber das ist auch ein Vorteil: Bei uns ist immer eine nette Dame am Telefon . . .“ Die beiden Versicherungskauffrauen scheuen sich nicht, persönlich beim Kunden vorzusprechen: „Das machen wir ständig. Die eine wohnt in Bremen, die andere in Hamburg – da haben wir kurze Wege zum Kunden. Und wenn der in Stuttgart sitzt, dann steigen wir eben in den Flieger.“ Durch die Hafennähe ergeben sich jedoch allein aus diesem Umfeld viele Aufträge. Die jungen Frauen, die beide noch in diesem Jahr heiraten werden („Dann hört endlich das Durcheinander bei den Namen auf!“), fühlen sich wohl in der Männerdomäne. „Wir sind so aufgewachsen“, sagt Sara Schlosser. „Schon als Kind kannte ich den Unterschied zwischen einem Chassis, einem Auflieger und einer Wechselbrücke.“

Es scheint, als sei zumindest ein Teil der logistischen „Drehscheibe Hamburg“ in Hollenstedt zu finden. Übrigens direkt im Gewerbegebiet neben der Autobahn – dort, wo die Kunden unterwegs sind . . . wb

www.speditions-assekuranz.de, www.sped-ass.de