Die erste Naht ist virtuell

Thomas Malicki demonstriert den Übungseinsatz am virtuellen Arbeitsplatz. Die Anzeige auf dem Display am Rechner sieht er auch im Helm.Thomas Malicki demonstriert den Übungseinsatz am virtuellen Arbeitsplatz. Die Anzeige auf dem Display am Rechner sieht er auch im Helm.

B&P VOR ORT Das Handwerk rüstet digital auf – SLV Nord bietet erstmals virtuelles Schweiß-Training an – Lernen durch Augmented Reality

Alle reden von Digitalisierung – Sven Noack, Geschäftsführer der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt Nord gGmbH im Harburger Elbcampus, handelt. Unter seiner Führung hat die SLV Nord jetzt einen lang gehegten Plan umgesetzt und 120 000 Euro in die Einrichtung eines virtuellen Trainingszentrums für die Ausbildung von Schweißern investiert. An sechs Arbeitsplätzen können angehende Schweißer mit Hilfe der Augmented Reality (computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung) üben, eine korrekte Naht zu schweißen. Noch in der Startphase hatte B&P-Redakteur Wolfgang Becker Gelegenheit, selbst einmal den Brenner in die Hand zu nehmen und sich im virtuellen Schweißen zu versuchen – ein erkenntnisreicher Selbstversuch.

Die sechs Rechner des spanischen Herstellers Seaberry sehen aus wie echte Schweißgeräte. Thomas Malicki, Bildungskoordinator der SLV Nord, erklärt: „Selbst die Brenner und die Bedienelemente sind identisch aufgebaut, aber die Optik täuscht: Hier stehen sechs Soldamatic-Computer, die über ein kleines Netzwerk mit einem Server verbunden sind. Auf den Server greift der Trainer zu und kann sich jederzeit in den Schweißvorgang seiner Schüler einschalten und Tipps geben.“

„Da ist noch Luft nach oben“

Schweißen sieht einfacher aus, als es ist: Der Brenner muss im korrekten Winkel und im richtigen Abstand zum Werkstück gehalten werden. Auch auf die Geschwindigkeit kommt es an. Mit einer konstanten, fast statischen Bewegung wird der Brenner geführt. Die Software wertet die Daten aus und gibt optische Korrekturhilfen auf einem kleinen Bildschirm, der im Schweißhelm montiert ist. Der Schüler sieht permanent, ob seine Brennerführung stimmt. Sind alle Markierungen grün, ist die Haltung korrekt. Der Bewegungsablauf erfordert gute Koordination. Nach vier 25 Zentimeter langen Nähten bekommt der Redakteur sein erstes Prüfungsergebnis: 53 Prozent – durchgefallen. Oder wie Maschinenbaumeister und Schweißfachmann Thomas Malicki diplomatisch sagt: „Da ist noch Luft nach oben . . .“

Normalerweise müsste nach jeder Übung ein neues Werkstück eingespannt werden. So beim virtuellen Schweißtraining: Die Übung wird wiederholt und führt nach und nach zu besseren Ergebnissen. Ist die Prüfung bestanden, folgt der nächste Score. Malicki: „Es hat so ein bisschen was von einem Computerspiel. Man will unbedingt das nächste Level erreichen. Am Ende führt das sogar dazu, dass die jungen Leute ihre Pause ausfallen lassen, weil sie der Ehrgeiz gepackt hat.“ Er ist begeistert von dieser neuen Möglichkeit, junge Leute an das Schweißen heranzuführen. Der virtuelle Lehrgang sei die perfekte Vorbereitung für den Ernstfall, der dann in der Schweißwerkstatt stattfindet und bei dem richtige Funken fliegen.

Christiane Pohlmann, Leiterin des Bereichs Aus- und Weiterbildung, teilt diese Begeisterung. Sie ist auch für die virtuelle Schweißwerkstatt verantwortlich. Sie sagt: „Das System arbeitet mit Augmented Reality. Der Lehrgangsteilnehmer sieht also über zwei Kameras am Helm seine eigene Hand auf dem Display. Der Computer simuliert einen Lichtbogen, und er stellt dar, wie sich das Schweißgut verflüssigt.“ Das bekommt ein Schweißer im realen Leben so nie zu sehen. Pohlmann: „Der große Vorteil ist die rechnergesteuerte Fehleranalyse. Da können selbst erfahrene Schweißer noch etwas lernen.“

Das neue Angebot der SLV Nord, die 2017 ihr 25-jähriges Bestehen feierte, richtet sich an Kunden aus der Industrie und aus dem metallverarbeitenden Mittelstand. Sven Noack: „Durch das System können wir die Grundfertigkeiten wiederholgenau sehr schnell vermitteln. Wir sparen nicht nur Zeit, sondern auch Material. Wir können beispielsweise auch im Auftrag von Firmen die Kompetenzüberprüfung von Bewerbern objektiv durchführen.“ Bei Tests mit Großkunden kam heraus, dass Prüflinge, die virtuell an das Schweißen herangeführt wurden, deutlich besser abschnitten als Teilnehmer, die auf herkömmliche Weise ausgebildet wurden.

„Wir sparen Zeit und Material“

Doch nach dem virtuellen Einstieg kommt dann irgendwann die Realität: Beim Schweißen entsteht Rauch, es fliegen Funken, es wird warm. Thomas Malicki: „Der Beruf des Schweißers ist herausfordernd und nicht ungefährlich. Arbeitsschutz hat einen hohen Stellenwert. Und: Der Schweißer ist permanent einer Prüfsituation ausgeliefert – sowohl was seine Arbeit als auch seine Fähigkeiten angeht. Das ist ein Beruf mit hoher Verantwortung.“

In der SLV Nord werden alle Arten des Schweißens vermittelt. Ob Wolframinert-Gasschweißen, Metallschutzgasschweißen, Lichtbogenhand- oder Gasschweißen – wer lernen will, kann das in Harburg tun. 3500 Schweißerprüfungen nehmen Noack und sein Team pro Jahr ab, die dann allerdings nicht virtuell erfolgen. Das hohe Investment, das nun zum Einstieg in die digitale Welt des Schweißens führt, trägt die Handwerkskammer Hamburg (die SLV Nord ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft) nicht komplett. Rund 60 Prozent übernehmen das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle BAFA und die Stadt Hamburg im Rahmen eines Förderprogramms. wb

Web: https://www.slv-nord.de/

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Dieser Artikel ist zuerst in der Magazin-Ausgabe 18 von Business & People erschienen. Die komplette Ausgabe sowie viele weitere Ausgaben können Sie kostenlos in unserer App „Business & People“ lesen. Hier bekommen Sie weitere Informationen unserer vorteilhaften App.