Zum guten Ton gehört ein gutes Feuer

Ziegelwerk Rusch in Droch­tersen: Inhaber Matthias Rusch betreibt den letzten Ringofen an der Niederelbe – Klinker in Handarbeit – Kunden in ganz Nordeuropa.

Am Ritscher Außendeich in Drochtersen ist die Welt noch in Ordnung: saftige Weiden, weites Land und ein paar eigentümliche windschiefe Fachwerkgebäude, die wie eine überdimensionale historische Kegelbahn ansehen. Ein Museumsdorf? Weit gefehlt – hier betreibt Matthias Rusch in vierter Generation die letzte Ringofenanlage an der Niederelbe. Mitten im Kehdinger Land brennt er Ziegel wie in alten Zeiten. Und das sehr erfolgreich, denn die Kunden kommen mittlerweile aus ganz Nordeuropa.

Der Besuch beim Ziegelwerk Rusch ist wie eine kleine Zeitreise. Die langgestreckten Gebäude, die den Besucher empfangen, sind ehemalige Trocknungsschuppen für Ziegel – heute sind sie stillgelegt, stehen aber unter Denkmalschutz. Industrie 4.0 und die ganze digitale Pokémon-Kultur – das gehört auf die andere Seite des Deichs. Der Ring-ofen wurde 1881 von Johann Rusch gebaut. Seit Urenkel brennt auf der Anlage pro Jahr zwei Millionen Steine: Sand + Ton + Feuer = Backstein. Das ist die alte und bewährte Formel.

Blütezeit der Ziegeleien

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„Wir arbeiten mit den vier Elementen: Erde, Feuer, Wasser, Luft“, sagt der 45-Jährige. 20 Mitarbeiter sind im Einsatz, um den Ofen in Betrieb zu halten, aber auch, um die deutlich gestiegenen Anforderungen an den Vertrieb zu bewältigen. Rusch: „Die Ziegelwerke wurden früher in der Regel im Nebenerwerb von Landwirten betrieben. Es gab etwa 100 Betriebe an der Niederelbe. Nach dem Hamburger Brand 1842 hatte der Senat per Erlass verfügt, dass die Stadt statt mit Holz nun mit Backstein aufgebaut werden sollte. So entstand die Hamburger Backsteinkultur, die zugleich eine Blütezeit der Ziegeleien auslöste, denn die Ziegel wurden immer dort produziert, wo Ton zu finden ist. Also: Hier bei uns.“

Auf den weiten Flächen des Elburstromtals ist eine bis zu zwei Meter mächtige Tonschicht zu finden – abgelagertes Sediment, das der Fluss vor tausenden Jahren mitbrachte. Bis heute wird in der Gegend im Tagebau Ton gewonnen. Rusch: „Allerdings nur bis zu einen Meter Tiefe.“ Zurzeit wird der Ton entlang der künftigen A20-Trasse entnommen. Betroffen sind etwa 37 Hektar Fläche – die zu erwartende Tonmenge würde bei der heutigen Produktion des Ziegelwerks etwa für 75 Jahre reichen.

Ziegeleien in Deutschland

Deutschlandweit gibt es derzeit noch 22 Ringofenanlagen, darunter eine einzige in Schleswig-Holstein. Die meisten Ziegeleien, die noch echten Handstrichziegel liefern können, sind im Münsterland zu finden. Von dort stammen auch aus Ton gebrannte Dachziegel. Rusch: „Die gibt es hier bei uns nicht – im Wesergebiet ist der Ton anders beschaffen und besser für Dachziegel geeignet.“ Auf einer Landkarte hat Rusch Fähnchen gesetzt – für jedes deutsche Ziegelwerk eines. „Zwei habe ich in diesem Jahr schon abgenommen. Und ich fürchte, es kommen noch weitere hinzu.“

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