„Landkreis Harburg ist das Tor zu Hamburg“

Foto: Wolfgang BeckerLinks: Prognos-Bereichsleiter Peter Kaiser referierte im ISI Zentrum für Gründung, Business & Innovation vor den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses (Kreistag) und des WLH-Aufsichtsrates. Rechts: WLH-Chef Wilfried Seyer hält die Prognos-Studie aus dem Jahr 1966 in Händen. Die damals beschriebenen „guten Aussichten“ sind offenbar genutzt worden. Fotos: Wolfgang Becker

Prognos-Referat bei der WLH: Peter Kaiser über das gute Abschneiden des Kreises im Zukunftsatlas 2016.

Für Peter Kaiser war es ein „leichter“ Termin, denn er hatte vor allem Positives im Gepäck: Auf Einladung der Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg GmbH WLH referierte der Bereichsleiter Regionale Strategien & Prognosen der Prognos AG vor Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses (Kreistag) und des WLH-Aufsichtsrates über das gute Abschneiden des Landkreises Harburg im Ranking der 402 Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands. Im Zukunftsatlas rangiert der Landkreis Harburg auf Platz 70 und ist damit der wirtschaftsstärkste Kreis in der Metropolregion Hamburg sowie nach Vechta die Nummer zwei der Landkreise in Niedersachsen. Wie es dazu kam, erläuterte Kaiser, der dazu extra aus Bremen angereist war.

Die Prognose von 1966

In seiner Begrüßung zog WLH-Geschäftsführer Wilfried Seyer die Kopie einer Prognos-Prognose aus dem Jahr 1966 hervor – darin wurde dem Landkreis Harburg eine „überraschend geringe Wirtschaftskraft“ bescheinigt – allerdings mit „durchaus positiven Erfolgsaussichten“. Diese war vor 50 Jahren vom Regierungspräsidenten in Lüneburg in Auftrag gegeben worden und lag schon leicht vergilbt im Kreisarchiv, als Seyer vor 18 Jahren die WLH aufbaute. Die Wirtschaftslandschaft hatte sich bis Ende der 90er-Jahre zwar etwas verändert, aber es war noch kräftig Luft nach oben.

Heute, 50 Jahre nach dem eher ernüchternden Zeugnis, hat sich das Bild gewandelt. Der Landkreis steht in puncto Wirtschaftskraft besser da denn je und machte im kommunalen Ranking seit 2004, damals erschien der erste Zukunftsatlas, 79 Ränge gut und gehört aktuell zu den Top 10 der Aufsteiger. Kaiser: „Damit ist der Landkreis im Bereich ‚hohe Chancen‘ angekommen.“ Will heißen: Erfolgsaussichten auf eine weitere Steigerung der Position sind vorhanden.

Bei der Erstellung des Zukunftsatlasses werden vier Bereiche geprüft: Demografie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb & Innovation sowie Wohlstand & Soziale Lage. Insgesamt gibt es 29 Indikatoren. Der Blick auf die Deutschlandkarte offenbart einen erfolgreichen Süden, einen schwachen Osten sowie ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Die „Metropolisierung“, so Kaiser, führe zu Wachstum in den Großstädten und im direkten Umland. Die Wirtschaftskraft in der Peripherie schrumpfe dagegen. Dieser Trend lasse sich besonders ausgeprägt im Osten Deutschlands beobachten. Zugleich machten den Städten steigende Sozialprobleme zu schaffen – zum Beispiel in Bremen, Gelsenkirchen, Berlin, Neumünster und Dortmund.

Demografie

Bei den vier genannten Themenbereichen, die dem Ranking zugrunde liegen, schneidet der Landkreis Harburg zum Teil hervorragend ab, es gibt aber auch Bereiche, die noch steigerungsfähig sind. Als sehr positiv beurteilte Prognos die Bereiche Demografie – der Landkreis wächst und steht bei der Geburtenrate sogar auf Rang 43 – und den Arbeitsmarkt. Es gebe allerdings zu wenig junge Erwachsene.

Beschäftigung

Mit einer Arbeitslosenquote von nur 4,1 Prozent sei der Stand der Vollbeschäftigung fast erreicht. Kaiser: „Ein sehr beachtliches Ergebnis!“ Beim Blick auf den Beschäftigungszuwachs, einem erklärten Ziel der WLH, rangiert der Landkreis unter den Top 15. Kaiser: „Seit 2008 ist die Zahl der Arbeitsplätze in der Region um 20,5 Prozent gestiegen.“ Ein Top-Wert. Die Arbeitsplatzdichte sei dagegen gering – was an der Nähe zu Hamburg und dem hohen Pendleraufkommen liege.

Wettbewerb & Innovation

Im Bereich Wettbewerb & Innovation landete der Landkreis Harburg dagegen im Mittelfeld. Zwar sei die Wirtschaftskraft deutlich höher als im Bundesdurchschnitt, aber es arbeite nur ein geringer Anteil der Arbeitnehmer in den Zukunftsbranchen, so der Referent. Diese seien vor allem der Maschinenbau, die Industrie und hier beispielsweise der Fahrzeugbau. Speziell gelte dies für Forschung & Entwicklung – kurz F&E. Der Anteil der hier Beschäftigten liegt bei 0,1 Prozent – und der Landkreis weit abgeschlagen auf Rang 367. Die Zahl der Gründungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie ist ebenfalls gering – hier sieht Kaiser jedoch durchaus gute Zukunftschancen.

Zugleich hat Prognos jedoch eine überdurchschnittlich hohe Patentintensität attestiert. Eigentlich ein Widerspruch, aber: „Patente werden nach dem Wohnort des Patentinhabers gezählt“, so Kaiser. Das bedeutet: Viele Menschen, die beispielsweise in Hamburg wissenschaftlich tätig sind und Patente innehaben, wohnen im „Hamburger Speckgürtel“. Das Defizit im Bereich der innovativen Branchen begründet Prognos unter anderem mit dem Fehlen einer Universität im Landkreis. Die gibt es allerdings in direkter Nachbarschaft in Harburg, Lüneburg, Buxtehude und Stade. Hinzu komme, dass die Industriequote im Landkreis Harburg sehr gering sei, so Kaiser.

Wohlstand & Soziale Lage

Mit Rang 19 erreicht der Landkreis dagegen einen Spitzenwert im Themenbereich Wohlstand & Soziale Lage. Es herrsche eine sehr hohe Kaufkraft – typisch für die Lage im Speckgürtel. Die kommunale Pro-Kopf-Verschuldung halte sich mit 807 Euro in Grenzen, so der Gast aus Bremen.

Kaisers Fazit: „Hamburg ist das Tor zur Welt, aber der Landkreis Harburg ist das Tor zu Hamburg. Die Situation ist unter dem Strich richtig gut, darauf sollte man sich jedoch nicht ausruhen!“ wb