Warum die Verlegung der Reichsstraße vor allem auch ein Bahn-Projekt ist

Fotos: Wolfgang BeckerGut zu erkennen: Die neuen Gleise sind auf diesem Abschnitt bereits verlegt. Die Reichsstraße soll auf der alten Gleistrasse (links) verlaufen, die derzeit noch in Betrieb ist. Das Foto wurde in Nordrichtung von der Karl-von-Thielen-Brücke am Rotenhäuser End aufgenommen.

Ortstermin in Wilhelmsburg: Zurzeit sind insbesondere die Gleisbauer aktiv – Einen besseren Güterbahn-Anschluss an den Hafen wird es auch geben.

Auch wenn noch kein Asphalt zu sehen ist: Die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße (B75) schreitet mit großen Schritten voran. Das Jahrhundertprojekt ist allerdings nicht nur eine Herausforderung für die Straßenplaner – auch die Bahn ist in beträchtlichem Maße involviert und konkret betroffen, denn die neue Straße verläuft auf der bisherigen Gütertrasse im Westen des Baugebiets. Im laufenden Schienenverkehr wird deshalb zurzeit ein neues Gleis gebaut. Mit dem Bund kamen die Planer zudem überein, gleich ein zweites Gleis in den Hafen hinein zu realisieren, um die Kapazitäten für die Abfertigung der sogenannten Hinterlandverkehre Richtung Skandinavien und Südosteuropa zu erhöhen. Kurz: Die Vision der Reichsstraßenverlegung war der erste Dominostein, der eine ganze Reihe von Aktivitäten ausgelöst hat. Der Stand der Baumaßnahme wurde jetzt bei einem Ortstermin vorgestellt.

Ältere Semester, die früher oft die Bahnstrecke Harburg-Hamburg nutzten, werden sich an den regen Güterverkehr erinnern, der beim Blick aus dem Fenster etwa zwischen Wilhelmsburg und Veddel zu sehen war. Hier wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kräftig rangiert – bis dann endlich der Güterbahnhof Maschen in den Jahren 1977 bis 1980 schrittweise ans Netz ging. Die alten Bahnanlagen, darunter ein großer Lokschuppen sowie diverse Betriebsgebäude blieben stehen – die Gleise wurden nur noch genutzt, um Güterzüge aufzustellen und im zeitlich geeigneten Moment in den fließenden Schienenverkehr einzufädeln.


Hier war ein bevorzugtes Bombenabwurfgebiet . . .

Foto: Wolfgang Becker

Martin Huber (Wirtschaftsbehörde): „Die Baustelle wächst extrem schnell.“

Martin Huber, Amt für Verkehr und Straßenwesen (Wirtschaftsbehörde): „Ich habe nachgezählt: Auf dem Plan unseres Baugebietes liegen 44 Gleise, von denen die meisten rückgebaut werden. Dabei wurden im Untergrund weitere entdeckt – sozusagen prähistorische Gleise, die ausgegraben und verschrottet wurden.“ Auch der Boden musste im Zuge der Gleisneubauten 1,5 Meter tief ausgekoffert, seitlich gelagert und auf Kontaminierung untersucht werden. Und: Das Gebiet war im Zweiten Weltkrieg Hauptziel der alliierten Bomber – entsprechend aufwändig war die Räumung der Kampfmittel, von denen im Vorwege einige zutage gefördert wurden.

Das Straßenprojekt „Verlegung der Reichsstraße“ ist damit zumindest im ersten Zeitabschnitt vor allem ein Bahnprojekt. Die Verlegung der Gleise schafft allerdings nicht nur Platz für die neue Straße. Bernd Rothe, Prokurist der DEGES und Bereichsleiter für Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen: „Wir modernisieren die Strecke und machen sie fit für die Zukunft – mit neuen digitalen Signalen, einem wartungsarmen Unterbau und stark verbessertem Lärmschutz.“ Sobald die neue Strecke fertig ist, werden die alten Gleise demontiert – dann beginnt der eigentliche Bau der 4,6 Kilometer langen vierspurigen Reichsstraße neu, die als Hauptpendlerstrecke dann täglich 60 000 bis
70 000 Fahrzeuge aufnehmen soll (Prognose für 2025).

50 Millionen Euro für den Lärmschutz

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DEGES-Prokurist Bernd Rothe erläutert an der Karte die Umsetzung des komplexen Projekts.

Auch die kalkulierten Kosten machen deutlich, wie die Verhältnisse sind: Der Straßenbau schlägt mit 135 Millionen Euro zu Buche, der Gleisbau mit weiteren 100 Millionen. Im Gesamtbetrag sind allein 50 Millionen Euro nur für den Lärmschutz enthalten. Laut Bernd Rothe ist es mit diesem Projekt erstmals gelungen, eine Gesamtlärmbetrachtung zu machen – die sowohl für den Straßen- als auch den Bahnlärm gibt. 15 Kilometer Lärmschutz werden gebaut – nach den neuesten Forschungserkenntnissen, wie Huber betonte.

Auch logistisch betrachtet ist die Operation Reichsstraße ein großer Schritt nach vorn. Mit dem Bund kamen die Planer – Hamburg, DEGES, Deutsche Bahn, Hafenbahn – überein, ein zweites Gleis in den Hafen zu verlegen. Dies war eigentlich erst für zehn Jahre später angedacht worden, doch durch die Einbindung in die aktuelle Baumaßnahme und Gleismodernisierung (15 Kilometer neue Gleise, Aufstellgleise für 800-Meter-Güterzüge) spart der Bund 20 bis 30 Millionen Euro, wie Frank Limprecht, Leiter Großprojekte Nord der Deutschen Bahn, sagte. Die Gleis- und Signalanlagen sollen schrittweise in Betrieb gehen – Start ist bereits am 3. Oktober 2016, weitere Schritte folgen bis Juli 2017. Die Eröffnung der Reichsstraße, deren Anschluss im Süden vor den Elbbrücken bereits deutlich sichtbar vorbereitet wird, soll 2019 erfolgen. Huber: „Diese Baustelle wächst extrem schnell. Und wir sind voll im Zeitplan.“

Von Wolfgang Becker