Schöne neue Welt

JanssenJan-Keno Janssen eröffnete den HHIS mit einem Ausflug in die virtuelle Welt.

3D-Druck und Virtual Reality – der Blick in die Zukunft ist faszinierend und erschütternd zugleich

Jan-Keno Janssen trägt einen eigenwilligen Haarknoten, der ihn zumindest ein bisschen als Mitglied der jungen Generation ausweisen könnte. Aber vielleicht sind derlei Attribute auch völlig überbewertet, wenn sich das Leben überwiegend in der virtuellen Welt abspielt. Janssen ist Redakteur beim Fachmagazin c’t und Spezialist für virtual reality. Kurz: Der Mann kennt sich mit den Spielzeugen von morgen aus – wobei auch hier die Grenze zwischen Entertainment und ernster Anwendung diffus zu sein scheint. Mit seinem Referat über den Stand der Entwicklung im virtuellen Bereich eröffnete er im Harburger KulturSpeicher den ersten Hamburg Innovation Summit inhaltlich.

Es sei ein universeller Menschheitstraum, künstliche Welten so zu spielen, dass das Gehirn meint, Reales zu sehen. Mit dieser Aussage leitete Janssen seine Ausführungen über die Oculus-Brillen ein, die zum Jahresende auf den Markt kommen sollen. In Kurzform: Der Träger sieht sich in einer künstlichen Welt und steuert seine Bewegungen über die Ausrichtung des Kopfes. Das künstliche Sichtfeld entspricht dem menschlichen.

De facto rollt eine neue Generation von Steuerungstechnologie auf den Markt zu, die im ersten Schritt vor allem die Nutzer von interaktiven Computerspielen begeistern dürfte. Jetzt sitzen sie noch vor dem Bildschirm, künftig sitzen sie mittendrin. Janssen: „Das Gehirn ist allerdings irritiert, wenn ich entspannt auf dem Sofa sitze, zugleich aber mit einem Maschinengewehr durch den Dschungel laufe und Angreifer erschieße.“ Körper und Geist laufen dann in unterschiedlichen Modi. Janssen: „Und davon wird einem übel . . .“ Also: Für Ego-Shooter und Co ist das System (noch) nicht so perfekt geeignet.

Der Fachmann ist dennoch sicher: „Oculus-Brillen werden sich stärker auswirken als die Einführung des iPhones.“ Ein Weltraumflug funktioniere beispielsweise gut. Auch virtuelle Rundgänge durch Städte oder Gebäude sind ohne Magenverstimmung gut zu absolvieren. Was vermutlich niemanden überrascht: Die Porno-Industrie ist höchst interessiert, virtuelle Produkte auf den Markt zu bringen. Ein anderes Beispiel: Ist eine 360-Grad-Kamera vor Ort, lasse sich virtuell an einer Massendemonstration teilnehmen. Der Betrachter sei zwar nicht wirklich anwesend, aber dennoch mittendrin und könne sich alles anschauen. Janssen: „Das ist auch ein Thema für den Journalismus: Einen Bombenanschlag in Damaskus kann man dann direkt hautnah miterleben.“ Sein Fazit: „Das Potenzial ist unendlich.“

Wer die neue Technologie live erleben wollte, hatte dazu beim Hamburg Innovation Summit Gelegenheit – gleich mehrere Aussteller zeigten Oculus-Brillen. Noch ist das eine pixelige Angelegenheit, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die abgebildeten Räume und Landschaften glasklar abgebildet werden.

Über ein ganz anderes, aber mindestens ebenso weitreichendes Zukunftsthema referierte Peter Sander, Innovations-Manager bei Airbus. Er führte im Zeitraffer in die Welt des 3D-Drucks ein und präsentierte erste Flugzeugbauteile, die bereits heute im Airbus montiert sind. Die Technologie ist ein Frontalangriff auf den klassischen Maschinen- und Werkzeugbau. Sanders These: „Alle industriell gefertigten Bauteile werden künftig gedruckt. Die Technik ist nachhaltig, spart massive Kosten ein, macht Lagerhaltung und Werkzeugbau überflüssig. Künftig wird es keine Ersatzteillager für Flugzeuge geben, sondern ein weltweites Netz aus Druckerstationen. Bereits jetzt sind große Schiffe unterwegs, die eigene Drucker an Bord haben, um sich Ersatzteile auszudrucken.“ Und: „Wir haben es mit einem Step-Change zu tun. Einem grundlegenden Technologiewandel. Wer heute noch eine Kühlerfabrik hat und sich freut, ist in zehn Jahren weg – wenn er nicht rechtzeitig umschwenkt.” Gerade filigrane Strukturen lassen sich kostensparend ausdrucken.

Das erste Titanbauteil, das in einem Airbus fliegt, ist eine Halterung im Bereich der Kabine. Es ist nur halb so teuer wie ein konventionell gefertigtes Teil und wiegt deutlich weniger. Sander geht noch einen Schritt weiter: „Ich greife CFK an.“ Kurz: die leichten Titanbauteile sind eine ernstzunehmende Konkurrenz für Kohlefaserverbundwerkstoffe. Der Airbus-Innovator stellt eine harte Prognose auf: „Mehr als die Hälfte der industriellen Infrastruktur wird binnen zehn Jahren vom Markt verschwinden. Wer das heute erkennt und einsteigt, der ist weit vorn.“

Mit 428 Teilnehmern ist der erste Hamburger Innovation-Summit (HHIS) auf großes Interesse gestoßen. Beiträge über die Technologie von morgen, Barcamps, die Ausstellung und die Preisverleihung am Abend bildeten einen insgesamt runden Tag im Zeichen der Innovation.

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