Auf der Suche nach Lebensraum und Arbeit: Wir sind doch alle Migranten . . .

Museumsdirektor Prof. Dr. Rainer Maria Weiss (links) und der Kaufmännische Geschäftsführer Thorsten Römer begrüßten Hamburgs Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Dr. Melanie Leonhard, zur Eröffnung. In ihrem Grußwort erläuterte sie, wie das Thema Migration tatsächlich alle vier Themenbereiche in ihrem Ressort berührt. Fotos: Wolfgang Becker

Archäologisches Museum Hamburg zeigt „Zwei Millionen Jahre Migration“.

„Zwei Millionen Jahre Migration“ lautet der Titel der aktuellen Sonderausstellung im Archäologischen Museum Hamburg. Am Museumsplatz in Harburg entfaltet sich die Wanderungsgeschichte der Menschheit eindrücklich und stellt eines schon mal gleich klar: „Wirtschaftsflüchtlinge“ hat es schon immer gegeben – übrigens auch von Deutschland aus, als sich um 1900 insgesamt 15 Millionen Menschen auf den Weg nach Nord- und Südamerika machten, um dort Arbeit, Land und ein besseres Leben zu finden. Diese Welle der Armutsmigration ist um ein Vielfaches größer als das, was seit zwei Jahren von Nordafrika aus nach Europa schwappt. Das machte Prof. Dr. Rainer Maria Weiss in seinem kurzweiligen Einführungsvortrag vor mehreren Hundert Gästen bei der Eröffnung deutlich. Hamburgs Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Dr. Melanie Leonhard, hatte noch einen ganz anderen Aspekt parat: Ohne Migration wäre Harburg heute vielleicht immer noch ein Dorf mit 5000 Einwohnern – so war es nämlich bis zum Beginn der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit der Industrialisierung kam die Arbeit, und mit der Arbeit kamen die Menschen von überall her. Kurz: Harburg ist erst durch den Zuzug vieler Tausend Migranten zu dem geworden, was es heute ist – ein Lebensraum für etwa 150 000 Menschen.

Wie war das mit dem Neanderthaler?

Für Archäologen sind derartige Zeitträume kaum der Forschung wert. Das betonte Weiss. Die Migration ist ein menschliches Dauerthema und hat ihren Ursprung in Afrika. Genetisch nachweisbar sind die Menschen von dort bereits in ihrer frühesten Entwicklungsgeschichte unterwegs gewesen. Schließlich wurde das Klima auf dem afrikanischen Kontinent zu heiß, die Lebensgrundlage schwand. Was taten die Menschen? Sie sahen sich nach besseren Verhältnissen um und diffundierten über mehrere Tausend Jahre Richtung Norden nach Asien und Europa, so der derzeitige Stand der Forschung. Der Neanderthaler auf dem Werbeplakat wich am Ende vor etwa 40 000 Jahren dem Homo sapiens, der eingewandert war. Bis heute sind Neanderthaler-Gene allerdings immer noch im menschlichen Erbgut nachweisbar, denn der moderne Mensch vermischte sich teilweise mit dem archaischen Ureinwohner, so Weiss.

Migrant oder Nicht-Migrant?

In der Ausstellung, die ihren Ursprung im Neanderthal-Museum in Mettmann hat und in Harburg noch etwas erweitert wurde, sind die Wanderbewegungen der Migranten nachzuvollziehen.

Hier erläutert der Homo sapiens sapiens in Gestalt von Museumsdirektor Rainer Maria Weiss das Zusammentreffen von Neanderthaler und modernem Menschen als Folge der Migration.

Weiss: „Erstaunlicherweise gibt es für den weitaus größten Teil der Geschichte keinen Nachweis, dass Migration zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt hat.“ Die Ausstellung beginnt indes mit einer provokanten Eingangssituation: Jeder Besucher hat zwei Eingänge (und auch zwei Ausgänge) zur Verfügung: einen für Migranten, einen für Nicht-Migranten. Er muss also wählen und sich hinterfragen.

Weiss: „Wenn es uns gelingt, dass ein Nicht-Migrant nach dem Rundgang den Ausgang für Migranten wählt, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Im Übrigen sei genetisch längst klar, dass die Europäer ihren Ursprung im Bereich Anatolien beziehungsweise im heutigen Iran/Irak haben. Weiss: „Ob uns das nun gefällt oder nicht: Jeder von uns ist genetisch zur Hälfte ein Türke.“

Kooperation mit der Ballin-Stadt

Das Archäologische Museum Hamburg kooperiert mit dem Auswanderermuseum Ballin-Stadt Hamburg auf der Veddel. Dort wird die jüngere Geschichte der Auswanderungswelle erzählt, die Ende des 19. Jahrhunderts zu einer deutschen Massenmigration führte – allerdings in Übersee. Wer ein Ticket aus Harburg nachweist, bekommt auf der Viertel zwei Eintrittskarten zum Preis von einer. Andersherum funktioniert der „Deal“ auch.

Die Ausstellung „Zwei Millionen Jahre Migration“ endet am 2. September 2018. Eintritt für Erwachsene: sechs Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 zahlen nichts. Öffungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr.