Chance oder Bürde?

Fotos: Martina BerlinerMan muss die Mitarbeiter auf dem Weg in die Digitalisierung mitnehmen, meint Christian Günner (links) im Dialog mit Daniel Rebhorn. Fotos: Martina Berliner

Zweiter Hamburger Wirtschaftsdialog: „Digitalisierungs­hauptstadt Hamburg“.

Der vom Northern Institute of Technology Management (NIT) veranstaltete zweite Hamburger Wirtschaftsdialog zum Thema Digitalisierung hat in „analogem“ Umfeld stattgefunden: in einem kleinen Eimsbüttler Buchladen mit Café. NIT-Geschäftsführerin Verena Fritzsche und Sven Enger, Digitalexperte und Initiator des Digital Think Tank, hatten das Lokal für den Austausch zum Thema „Digitalisierungshauptstadt Hamburg – Chance oder Bürde?“ bewusst gewählt. Ein gemütliches Umfeld schien ihnen für den Gedankenaustausch förderlich. Und sie behielten Recht: Zwischen Bücherregalen und Kuchentheke führten rund 40 Führungskräfte aus mittelständischen Hamburger Unternehmen mehr als zwei Stunden lang eine lebhafte Diskussion darüber, wie sich die Gesellschaft während des immer rasanteren Wandels der Arbeitswelt entwickeln könnte.

Den Auftakt bildeten zwei Impulsvorträge. Christian Günner, Bereichsleiter Kunden und Systementwicklung bei Hamburg Wasser, zeigte auf, welches Potenzial ein großes Infrastrukturunternehmen für eine digitale Stadt hat. Daniel Rebhorn, Managing Partner beim E-Commerce-Dienstleister „diconium Group“ und für den Anlass eigens aus Stuttgart angereist, vertrat die Sicht des Digitalisierung-Pioniers und -Experten, der sich bereits seit zwei Jahrzehnten mit der Transformation befasst.

Baustellen­koordinierung

Besonderes Interesse weckte beim Publikum ein noch im Aufbau befindliches Projekt von Hamburg Wasser: die Baustellenkoordinierung. In Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb für Straßen, Brücken und Gewässer soll künftig eine branchenübergreifende Prozesskoordinierung stattfinden, damit Bauvorhaben möglichst effizient durchzuführen sind. Um Kosten, Lärm und Verkehrsstaus zu minimieren, müssen aller-dings alle an Baumaßnahmen beteiligten Firmen ihre Aufträge offenlegen. Alle Daten bezüglich Art und Zeitpunkt der geplanten Maßnahmen sind in die neue Plattform einzuspeisen und stets zu aktualisieren.

Das stelle nicht nur eine enorme Herausforderung in Bezug auf die Datensicherheit dar, sondern erfordere enge Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Vor allem sei Bereitschaft zu Transparenz und Öffnung nötig, sagte Christian Günner. „Es ist neues, gemeinsames Denken gefragt. Wir brauchen den Blick über den Tellerrand und vor allem flachere Hierarchien bis hin zur Auflösung.“ Für die erfolgreiche Umsetzung der Digitalisierung ist die menschliche Bereitschaft zur Umorientierung mindestens so entscheidend wie die entsprechende technische Infrastruktur und rechtliche Rahmenbedingungen. Darüber herrschte Einigkeit in der Runde.

Absolut alternativlos . . .

Verschiedene Meinungen gab es über den Weg dorthin. Kann die Veränderung evolutiv erfolgen oder ist Disruption unvermeidlich? Daniel Rebhorn hegt keinen Zweifel an der Notwendigkeit scharfer Schnitte. „The electric light did not come from the continuous improve of candles“, zitierte er einen Gleichgesinnten („Das elektrische Licht entstand nicht durch die Weiterentwicklung der Kerze“). Der Wandel ist aus seiner Sicht absolut alternativlos und eine riesige Chance. Die Bürde spürt er indessen auch selbst. Für eine vakante Führungsposition in seinem Unternehmen suche er schon seit neun Monaten vergeblich einen geeigneten Kandidaten, berichtete er.

Man müsse die Mitarbeiter auf dem Weg in die Digitalsierung mitnehmen, meint Christian Günner. „Hürden aus dem Weg räumen, das Kommunikationsverhalten ändern, Motivation erzeugen, Veränderungen belohnen, auch über das Tarifsystem.“

Nicht jeder der Anwesenden konnte diese Rücksichtnahme nachvollziehen. Ein Diskussionsteilnehmer lateinamerikanischer Herkunft beklagte mangelnde Flexibilität, fehlende Eigenverantwortlichkeit und hohes Anspruchsdenken vieler deutscher Arbeitnehmer. Wer sich nicht auf neue Anforderungen einstellen könne oder wolle, verliere eben seinen Job, erklärte er achselzuckend. „Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.“ mab

Nächster Termin der Veranstaltungsreihe ist am Donnerstag, 28. September, 18 Uhr in der Bucerius Law School. Thema des Abends: „Digital Leadership – Chancen, Visionen und der Alltag“.

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