„Auch Kinder wollen Sieger sein“

Herbert SchulteHerbert Schulte an seinem Schreibtisch am Veritaskai in Harburg: Er hat selbst frühzeitig die Weichen gestellt und sich im vorigen Jahr dazu entschlossen, als Partner in die Kanzlei Dierkes Partner einzusteigen. Seine Mitarbeiter hat er mitgenommen. Foto: Wolfgang Becker

Das sollten Unternehmer bedenken, die nicht „loslassen“ können Steuerberater Herbert Schulte (Dierkes Partner) gibt Tipps zur Unternehmensnachfolge

Oft wird der richtige Zeitpunkt verpasst: Wenn es um das Thema Nachfolge geht, tun sich viele Unternehmer aus verschiedensten Gründen schwer. Zum einen fällt es nicht leicht, nach Jahrzehnten des Aufbaus das Kommando abzugeben, zum anderen muss ein geeigneter Nachfolger auch erstmal vorhanden sein. Finanzielle Gründe, erbrechtliche und gesellschaftsrechtliche Fragen, die Altersversorgung, vielleicht auch nur die Angst, ohne Unternehmen irgendwie keinen Lebensinhalt mehr zu haben – es gibt viele Ansätze, um sich mit diesem sensiblen Thema auseinanderzusetzen. Allerdings: Antworten müssen gefunden werden – und zwar so rechtzeitig, dass eine Lösung möglich wird, die alle Beteiligten zufriedenstellt, mahnt Herbert Schulte, Steuer- und Unternehmensberater sowie Partner in der Kanzler Dierkes Partner in Harburg.

„Mitarbeiter 
schauen nach vorn“
„Der klassische Fall ist ein familiengeführtes mittelständisches Unternehmen. Der Chef ist Mitte 50 und noch voller Elan. In dieser Phase werden noch Pläne für die Zukunft geschmiedet, obwohl das Rentenalter bereits in Sichtweite rückt. Der Unternehmer ist auf seinem beruflichen Höhepunkt. Alles läuft gut, das Unternehmen verdient Geld. Auch wenn es komisch klingen mag, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die Weichen für die Nachfolge zu stellen und entsprechende Entscheidungen zu treffen“, sagt Schulte und spricht aus eigener Erfahrung. Genau in dieser Phase entschied der bis dato selbstständige Steuerberater im vorigen Jahr, bei Dierkes Partner einzusteigen.
Das Problem: Wird der richtige Zeitpunkt verpasst, besteht die Gefahr, dass das Lebenswerk tatsächlich gefährdet wird. Da ist sich Herbert Schulte sicher. Der Grund: „Mitarbeiter schauen nach vorn. Die wollen eine Perspektive haben. Wenn die nicht gegeben ist und der ‚Alte‘ immer weitermacht, dann macht sich Unruhe breit und irgendwann wandern Mitarbeiter ab – die guten zuerst. Auch Neueinstellungen sind in der Situation eher schwierig, weil sich die Veränderungen auf der Führungsebene dann schon abzeichnen. Da ist Unruhe programmiert.“ Sein Rat: Wer als Unternehmer der Ansicht ist, ohne ihn gehe es nicht, der müsse sich die ernste Frage stellen, wie die Zukunft des Unternehmens aussehen soll.
Gerade in inhabergeführten mittelständischen Unternehmen dominieren zwei Wege aus der Misere: Entweder ein Kind entwickelt Ambitionen, die Nachfolge anzutreten, oder die Firma wird verkauft. Erfahrungsgemäß wünschen sich Inhaber, dass ihr Lebenswerk von der nächsten Generation weitergeführt wird. Schulte: „Das ist der Idealfall. Allerdings müssen Senior und Junior einen gemeinsamen Weg finden.“ Nicht selten glaubten ältere Unternehmer, es sei die Pflicht des Sohnes oder der Tochter, in die Fußstapfen zu treten. Schulte: „Wenn dann der Satz ‚Das ist aber Deine Pflicht!‘ fällt, herrscht oft Sprachlosigkeit. Ein Unternehmer, der seinem Kind die Firma übertragen will, muss damit rechnen, dass der Nachwuchs ganz andere Pläne hat und Nein sagt. Das muss man zulassen und aushalten.“ Sein Appell: „Beide Seiten brauchen den Mut, offen zu sagen, was sie wirklich wollen.“ Wo das nicht geschieht, kann Mediation oder Coaching helfen. Auch psychologischer Beistand könne im Einzelfall sinnvoll sein. Wichtig sei aber auch, dass es dem Senior mit seiner Übergabeentscheidung gut gehen muss und er, wenn er noch leistungsfähig ist, mit seiner Arbeit ebenfalls einen guten Beitrag zur Entwicklung des Unternehmens beitragen kann.

Die Perspektive 
ist wichtig
Was die Altvorderen oft aus dem Auge verlieren: „Auch Kinder wollen Sieger sein“, sagt Herbert Schulte. „Sie müssen eine Perspektive im Unternehmen haben – und die sollte sich gut anfühlen. Wenn das nicht gegeben ist, wird der Stabwechsel an die junge Generation zum Problem.“ Er rät zu einem weichen Übergang. Verantwortung könne in Form von Projekten, die Firma in Form von Gesellschaftsanteilen übertragen werden. Ein Fall für Tim Wöhler, Spezialist für Unternehmensnachfolge und ebenfalls Partner bei Dierkes Partner. Herbert Schulte: „In der Situation sollte unbedingt ein Fachmann für die rechtlichen Aspekte hinzugezogen werden. Und auch für den Steuerberater gibt es da viele Ansätze zur Optimierung.“ Wichtig sei aber, dass es beiden Generationen im Unternehmen mit dem Übergang der Verantwortung gut gehe. Nur wenn alle Stränge reißen, müsse ein anderer Weg eingeschlagen werden.

Alternative: Der Verkauf
Die Alternative ist der Verkauf des Unternehmens. Schulte: „Wichtig ist, dass entsprechende Überlegungen nicht im Unternehmen kommuniziert werden. Hier ist Stillschweigen das Gebot der Stunde. Mitarbeiter mögen keine Veränderung, sie wollen Ergebnisse sehen. Sickert etwas durch, werden sie unruhig und sehen sich möglicherweise anderswo um. Wenn dann plötzlich die Leistungsträger weggehen, verliert das Unternehmen sofort an Wert. Ein Käufer will aber ein erfolgreiches Unternehmen haben. Einen Siegerbetrieb. Und genauso muss sich das Unternehmen aufstellen und präsentieren.“ Im Einzelfall könne das bedeuten: Saubere Dienstfahrzeuge, schicke Overalls für die Mitarbeiter, gutes Auftreten beim Kunden. Schulte: „Das Erscheinungsbild und die Umgangsformen sind absolut wichtig. Die Zahlen natürlich auch, aber ein Käufer will stolz sein auf die Firma, in die er sein Geld investiert.“ Auch hier ist es gegebenenfalls hilfreich, sich externe Hilfe und Beratung an Bord zu holen.
Fazit: Welcher Weg auch gewählt wird, es ist ratsam, sich frühzeitig an einen Tisch zu setzen und offen miteinander zu reden. Eine Unternehmensnachfolge ist kein Thema zum Aussitzen. wb
Web: www.dierkes-partner.de