Der Mann zieht!

Tobias BergmannEngagierter Redner: Handelskammer-Präses Tobias Bergmann erläuterte sein Konzept bei Lindtner und kündigte an, dass das Plenum wenigstens einmal in der Wahlperiode auch in Harburg tagen werde.

Tobias Bergmann, neuer Präses der Handelskammer Hamburg, stimmt beim Wirtschaftsverein versöhnliche Töne an.

Sogar Olaf Kahle, Präsident der IHK Lüneburg-Wolfsburg, hatte sich auf den weiten Weg nach Harburg gemacht, um ihn frühzeitig live zu erleben: Tobias Bergmann, Kammer-Rebell und neuer Präses der Handelskammer Hamburg, absolvierte einen seiner ersten öffentlichen Auftritte in dieser Rolle auf Einladung des Wirtschaftsvereins für den Hamburger Süden in Harburg.
120 Teilnehmer hatten sich dazu angemeldet – ein Topergebnis, das zeigt: Der Mann zieht!

Dabei war die Harburg-Premiere für den Reformer gar nicht so ohne: Arnold G. Mergell vom Vorstand des Wirtschaftsvereins gratulierte zwar, aber er hatte auch einige heikle Fragen vorbereitet, denn der Erdrutsch-Sieg, den Bergmann mit seiner Reformbewegung ausgelöst hatte, stellt viele seit Jahrzehnten bestehende Regeln, Verbindungen und Vorgehensweisen der Handelskammer als wirtschaftlicher Sparringspartner des Senats zur Disposition. Wer allerdings meinte, der 45-jährige Volkswirt ließe sich davon einschüchtern, der sah sich getäuscht. Bergmann, selbst Unternehmensberater, nahm es sportlich: Der Hobbyboxer blieb geschickt in der Deckung, lieferte (mit den Armen) eine beeindruckende „Beinarbeit“ ab und punktete mit einigen Aussagen zur Hamburger Institution Handelskammer, die durchaus überzeugend klingen. Tobias Bergmann ist angetreten, „verkrustete Strukturen“ aufzubrechen, die Pflichtveranstaltung Handelskammer zu beenden und trotzdem ein Klima zu schaffen, das dazu führen soll, dass vor allem die großen und starken Unternehmen, die nach dem Sieg der „Die Kammer sind wir“-Fraktion nun gar nicht mehr vertreten sind, involviert werden und freiwillig ihren Beitrag leisten. Aus „Wir müssen mitmachen“ soll ein „Wir wollen mitmachen“ werden.

Quadratur des Kreises?

Bergmanns Programm klingt ein wenig wie die Quadratur des Kreises, aber sein Ansatz hat zweifellos Charme. Und dem konnten sich am Ende auch die Harburger Wirtschaftsvertreter und ihre Gäste – darunter auch einige Festangestellte der Handelskammer – nur schwerlich entziehen, wie der Applaus deutlich zeigte, der nach der Antrittsrede aufbrandete. Auch wenn es vielleicht in einigen Passagen unrealistisch geklungen haben mag – Bergmann hat die Gabe, einen Wunsch nach Erfolg zu entfachen. Und er gab unumwunden zu, dass er niemals damit gerechnet habe, dass seine Kampagne
55 der 58 Sitze im Plenum erreichen würde, in dem eigentlich der Durchschnitt der Hamburger Wirtschaft abgebildet werden soll: „So wird das Ergebnis auch zur Bürde.“ Und: „Das ist zwar ein gigantischer Erfolg, aber wir schauen jetzt nach vorn und machen uns auf den Weg, die Großen der Wirtschaft mitzunehmen.“ Auch Bergmann findet es schwierig, dass ein Unternehmen wie Airbus in der Handelskammer nicht mehr vertreten ist.

Gelöst werden soll die entstandene Unwucht durch Kooptation – das Hinzuziehen acht weiterer Unternehmen, wie auch Aurubis, durch die Kammer. Bergmann: „Die müssen wir mit an den Tisch holen.“ Ziel ist es, die Kammer als Spiegel der Wirtschaft zu erhalten. Derzeit ist nur noch ein großes Unternehmen vertreten: die Haspa mit 5000 Mitarbeitern.

Das Zugthema der Kammerwahlen war das Versprechen, die Zwangsbeiträge abzuschaffen. Bergmann selbst spricht mittlerweile etwas milder von Pflichtbeiträgen: „Wir müssen die Terminologie entideologisieren.“ Aber er sagt auch: „Unternehmer haben einen liberalen Geist. Die Pflichtmitgliedschaft ist eher ein ungeliebtes Thema und stellt aus meiner Sicht einen massiven Eingriff in die Autonomie von Unternehmen dar.“ Allerdings weiß auch der neue Präses, dass die Kammer ohne Beiträge nicht überleben kann. „Ziel der Reform muss sein, dass die Unternehmen freiwillig zahlen, weil es ihnen etwas wert ist, Mitglied der Handelskammer zu sein.“

Premiummitgliedschaft

Als Idee nannte Bergmann die Einführung einer beitragsfreien Mitgliedschaft und einer beitragsgebundenen Premiummitgliedschaft. Und er sagt: „Nach heutiger Regelung zahlt jedoch der türkische Handyreparateur mehr Beitrag als Apple.“

Der ganz große Auftrag der Kammer müsse zukunftsgerichtet sein: „Wie organisieren wir die Digitalisierung – das ist die Frage, die im Raum steht. Da sind wir gezwungen, als Kammer zu reagieren. Dieses Thema hat immense Potenziale für die Mitarbeiter.“

Fazit: All die Dinge, die verändert werden sollen, müssen noch gerechnet werden. Im Sommer soll die Roadmap für die Neustrukturierung der historischen Instanz fertig sein. Die Monopolstellung soll aufgebrochen werden, stattdessen gehe es um Wettbewerb, saubere Regeln und Transparenz. Nicht sicher war sich Bergmann, ob die historische Balance („Die Roten haben das Rathaus, die Schwarzen bestimmen in der Wirtschaft“) tatsächlich arrangiert wurde oder nur eine Legende ist. Er sagt: „Ich will eine starke Handelskammer, die auch politisch ist und dem Senat mal die Leviten liest.“ Spätestens da dürften sich die Unternehmer wieder ein bisschen zu Hause gefühlt haben . . .