Die Hamburger Landwirtschaft arbeitet sehr effizient

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Interview: Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch über einen Wirtschaftszweig, der eher selten im Fokus steht

Als Präses der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation ist Senator Frank Horch auch für die Landwirtschaft im Stadtstaat zuständig. B&P-Redakteur Wolfgang Becker sprach mit ihm über den Stellenwert dieses Wirtschaftszweigs in der Hansestadt.

B&P: Immer wieder sprechen wir von den begrenzten Flächen Hamburg – kann sich die Hansestadt vor dem Hintergrund des Hafens, der Industrie und anderer Gewerbezweige Landwirtschaft überhaupt noch leisten?


Horch: Wir haben als Stadtstaat eine begrenzte Fläche, aber wenn wir uns mit anderen Stadtstaaten vergleichen, sind wir trotzdem mit den Vier- und Marschlanden und dem Alten Land in einer einmaligen Situation, was die Nahversorgung angeht. Die wollen wir um jeden Preis weiter nutzen.



B&P: Wir reden über Hafen, über IT, über Flugzeugbau, über Logistik, aber Landwirtschaft kommt immer ganz weit hinten. Über dieses Thema wird selten gesprochen. Welche Rolle spielt denn die Landwirtschaft überhaupt im Vergleich zum gesamten Wirtschaftsumfeld in Hamburg?

Horch: Dieses Thema dürfen wir arbeitsplatzseitig nicht vernachlässigen. In der Landwirtschaft arbeiten immer noch mehr als 3000 Menschen. Wir haben noch 685 Betriebe. Hinter diesen Zahlen steht auch die Symbiose mit dem Naturschutz, der Hege und der Pflege – alles wichtige Dinge. Hamburg ist nicht nur Hafenstadt. Hamburg bietet auch eine viele unterschiedliche Kulturlandschaften. Das Alte Land und die Vier- und Marschlande sind identitätsstiftend für die Hamburgerinnen und Hamburger.

B&P: Wie wichtig ist die Landwirtschaft für die Wertschöpfung?

Horch: Wenn wir auch viel über Kreuzfahrt reden – allein die Gartenbaubetriebe, zu denen auch der Gemüseanbau zählt, erwirtschaften pro Jahr 777 Millionen Euro. Ein erheblicher Betrag, wenn wir mal bedenken, dass es in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz knapp 900 Millionen Euro sind. Wenn wir jetzt noch die Flächen vergleichen, müssen wir feststellen, dass die Hamburger Landwirtschaft sehr effizient arbeitet. Landwirtschaft ist also in der Wertschöpfung ein wichtiger Teil. Im Kreuzfahrtbereich liegen wir derzeit übrigens bei gut 300 Millionen Euro.

B&P: Wo aus Ihrer Sicht gibt es Probleme in der Landwirtschaft. Dringen die überhaupt bis zu Ihnen durch?

Horch: Ja natürlich! Die Landwirtschaftskammer ist auch ein kritischer und sehr konstruktiver Partner. Da geht es um den Einsatz von Düngemitteln und Spritzmitteln oder Bewässerung. Wir haben in unserem Agrarpolitischen Konzept die Regeln und Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft aufgestellt. Man muss übrigens auch zur Kenntnis nehmen: Umweltschützer und Landwirtschaft sind oft Kontrahenten. Betriebener Obstbau wie zum Beispiel  Kirschen sind ein Übel für Umweltschützer. Das hatte ich vorher nicht so deutlich wahrgenommen.

B&P: Der einstige Importeur Russland fällt für die Apfelbauern derzeit aus. Wie bewerten Sie das Landwirtschaftsthema im Licht der EU-Politik?

Horch: Russland wirkt sich für uns sehr stark aus. Wir verzeichnen einen Rückgang von 38 Prozent – in allen Belangen. Und das betrifft nicht nur Äpfel, sondern den gesamten Nahrungsmittelbereich. Dass Europa diesen Markt über eine Drehscheibe wie Hamburg erreicht, macht sich entsprechend bemerkbar. Das ist schon ein Beispiel dafür, wie sich durch eine politische Situation eine Marktlage plötzlich total verändert. Russland ist ja nicht irgendein Land, sondern der zweitstärkste Handelspartner nach China gewesen. Also hat das erhebliche Einflüsse auf Hamburg als Außenhandelsplatz.

B&P: Es heißt, dass die Umschlagzahlen im Hamburger Hafen erheblich sinken werden . . .

Horch: Wir müssen jetzt dagegen wirken. Was können wir mehr mit Indien, mit Klaipeda oder mit Danzig als Beispiel machen – darüber müssen wir nachdenken. Ereignisse wie die Russland-Ukraine-Krise kommen immer wieder vor und zeigen, dass die wirtschaftliche Entwicklung gewissen Zyklen unterliegt. Wie auch immer: Ich stehe zu unserer Landwirtschaft hier, und wir tun alles, um Probleme wie Überschwemmungsgebiete oder Ausgleichsmaßnahmen zu lösen. Gerade auch im Schulterschluss mit Niedersachsen haben wir ein sehr gutes Agrar-Konzept auf den Weg gebracht. Das reicht bis hin zur Förderung von Einzelbetrieben. Die Resonanz aus den Landwirtschaftskammern ist positiv.

Daten und Fakten

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Hamburg ist von 2003 bis 2013 von 1117 auf 685 gesunken. Auf der Strecke blieben vor allem Unternehmen mit weniger als zehn Hektar Fläche. Die Zahl der Betriebe, die mehr als 100 Hektar bewirtschaften, stieg dagegen von 26 auf 32. Kurz: Die Konzentration in der Landwirtschaft findet auch in Hamburg statt. Die Gesamtfläche ist im selben Zeitraum sogar gestiegen – von 13 736 auf 14 444 Hektar, die sich wie folgt verteilen: Ackerbau 53 Be-triebe/2957 Hektar, Gartenbau 337/1237, Dauerkulturen 117/1853, Futterbau 137/5476, Verbund (mehrere betriebliche Schwerpunkte) 26/2593. Von den insgesamt 685 landwirtschaftlichen Betrieben in Hamburg sind mehr als die Hälfte dem Zierpflanzen- und Gemüsebau zuzuordnen. Interessant ist auch die personelle Entwicklung: Von 2003 bis 2013 sank die Zahl der beschäftigten in der Hamburger Landwirtschaft von 4230 auf 3336. In dieser Zahl sind 1248 Saisonarbeitskräfte bereits enthalten.

Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Agrarstrukturerhebungen