„Wer braucht eigentlich im Dezember Spargel aus Chile?“

Interview mit Johann Knabbe, Kreislandwirt und Vorsitzender des Kreisbauernverbandes in Stade

Foto: Hans-Lothar Kordländer

Johann Knabbe hat als Kreislandwirt in Stade guten Einblick in die politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Foto: Hans-Lothar Kordländer

Johann Knabbe aus Schwinge ist im Landkreis Stade seit vielen Jahren Kreislandwirt und Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. Er vertritt damit die heimische Landwirtschaft. Überdies ist er in weiteren Gremien des Niedersächsischen Landvolkes aktiv. In Schwinge Forstkamp bewirtschaftet er einen Hof mit den Schwerpunkten Schweinemast und Sonderkulturen. Über die Landwirtschaft im Stader Landkreis sprach TAGEBLATT-Redakteur Hans-Lothar Kordländer für B&P mit Johann Knabbe.

B&P: Welchen Stellenwert hat die Landwirtschaft heute im Landkreis Stade?



Knabbe: Landwirte bewirtschaften sechs Prozent der Landkreisfläche. Auf Ackerland, Grünland, Obst- und Sonderkulturen werden in jeder Vegetation die Ernteprodukte für unsere effiziente, bequeme und vielfältige Ernährung als Rohstoff oder – wie bei Obst und Kartoffel – endverzehrfähig angebaut. Das abwechslungsreiche Landschaftsbild entsteht erst durch diese Vielfalt.

B&P: Wie ist die Wertschöpfung der Bauern einzustufen?

Knabbe: Die Brutto-Wertschöpfung nur der Landwirtschaft ist mit 2,5 Prozent scheinbar gering, aber doppelt so hoch wie in Niedersachsen und zweieinhalb Mal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Grundsätzlich sagt das aber wenig aus, da Landwirtschaft als Urproduktion besondere Wirtschaftsstrukturen hat und in vollständiger Abhängigkeit vom Naturraum wirtschaftet. Außerdem: Ohne Weizenkorn kein Mehl, kein Bäcker, kein Brot!

B&P: Wie sieht es heute mit der Wertschätzung von Nahrungsmitteln in der Bevölkerung aus?

Knabbe: Das ist eine sehr persönliche Angelegenheit, die ja von Geschmack, gesundheitlichen Bedürfnissen oder auch Zeit für Einkauf, Zubereitung und Art des Essens abhängig ist. Und natürlich auch vom Preis – und das sollte bei jeder Diskussion angemerkt werden. Wer eine große Familie jeden Tag satt haben will, kann das auch mit geringem Einkommen oder Rente, aber braucht dazu auch preiswerte Lebensmittel. Insofern haben Landwirtschaft und Ernährung eine hohe soziale Funktion.

B&P: Welche Tierart macht auf den Höfen die größten Sorgen?

Knabbe: Tierarten machen erst mal keine Sorgen, weil wir Bauern die Nutztiere in modernen Ställen zur tiergerechten Haltung täglich beobachten und versorgen. Die Frage ist wohl eher nach der gesellschaftlichen Diskussion und wirtschaftlichen Situation zu verstehen. Alle Tiere, die zweckbestimmt getötet werden, werden unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten gesellschaftspolitisch stark diskutiert. Das betrifft alle Bereiche der Fleischproduktion. Wirtschaftlich gibt es immer wieder starke Schwankungen, das ist in einem Industriestaat inmitten Europas mit Handelsbeziehungen in die gesamte Welt nicht verwunderlich, denn was ein heimischer Landwirt nicht liefert, wird global eingekauft und steht im internationalen Wettbewerb. Aber: Wer braucht eigentlich im Dezember Spargel aus Chile?