„Wirtschaftsförderung ist Mannschaftssport“

Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (links) stellte den neuen HWF-Geschäftsführer vor: Dr. Ralf Strittmatter. Foto: Wolfgang Becker

Die neue Sicht der Hamburger Wirtschaftsförderung auf das Zusammenspiel mit den Nachbarn

Mit Dr. Rolf Strittmatter steht ein neuer Geschäftsführer an der Spitze der HWF Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Der 44-Jährige war zuletzt Geschäftsführer der ZukunftsAgentur Brandenburg; er weiß also, wie es sich im Umfeld einer Metropole – in diesem Fall Berlin – anfühlt. Schon die offizielle Vorstellung durch Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch ließ keinen Zweifel offen: Strittmatter denkt Metropolregion. Ein positives Signal für alle Wirtschaftsförderer und Unternehmer, die rund um Hamburg aktiv sind. Noch keine 100 Tage im Amt, stellte es sich den Fragen von B&P-Redakteur Wolfgang Becker.

B&P: Die Hamburger Nachbarn sind beim Thema Wirtschaftsförderung durchaus sensibilisiert, denn die Hansestadt ist viele Jahre dominant aufgetreten. Welche Rolle wird die HWF künftig in der Metropolregion Hamburg spielen?


Strittmatter: Wir haben ganz aktuell den Fall einer Ansiedlungsanfrage mit großem Flächenbedarf, den wir in Hamburg nur schwer positiv beantworten können. Da fragen wir natürlich im Umland an, ob entsprechende Grundstücke verfügbar sind. Wenn sich die Anfrage auf Hamburg bezieht, macht es keinen Sinn zu sagen „Können wir nicht“ und dann lässt sich das Unternehmen irgendwo im Süden nieder. Da versuchen wir natürlich mit den Kollegen in der Metropolregion alles, damit die Firma in den Norden kommt.



B&P: Das klingt nach enger Zusammenarbeit . . .

Strittmatter: Ich bin tief davon überzeugt, dass wir eine räumliche Arbeitsteilung definieren müssen. Ich denke, es ist allen Beteiligten klar, dass Hamburg der Ankerpunkt ist, um sich auf die Landkarte zu setzen. Das ist unbestritten. Es klingt abgedroschen, aber: Wirtschaftsförderung ist immer ein Mannschaftssport. Das ist für einen Hamburger Wirtschaftsförderer in zwei Richtungen zu sehen – einmal in Richtung der Hamburger Bezirke, also ein Mannschaftssport nach innen, und nach außen gerichtet als Mannschaftssport mit der Metropolregion.

B&P: Heißt das, dass die Bezirke künftig eine aktivere Rolle in der Wirtschaftsförderung einnehmen dürfen?

Strittmatter: Die Bezirke sind meist die erste Anlaufstelle für den Unternehmer vor Ort. Aber wer sich beispielsweise erweitern will, muss sich als Hamburger Unternehmer oft auch über die Bezirksgrenzen orientieren. Das wäre ein Projekt für die HWF. Auch bei Innovationen und Fachkräften ist sicherlich die HWF zuerst gefragt. Generell gilt es aber immer, für das Unternehmen Den bestmöglichen Service zu bieten. Das können die Bezirke oder die HWF oder beide sein. Erfolg hat immer viele Väter.

B&P: Wir haben Sie das im Umfeld von Berlin gelöst – gab es dort so eine enge Zusammenarbeit?

Strittmatter: Ja, dort gab es eine gute Kooperation zwischen den Wirtschaftsförderungsgesellschaften. Wir haben uns gegenseitig informiert und nachgefragt, ob jemand Platz hat. Aber das gilt für beide Seiten. Die Stadt wie auch die Landkreise. Da muss man sich nichts vormachen. Das Ziel muss sein, ein Unternehmen in der Metropolregion zu halten. Wenn wir darüber Konsens haben, dann geht das. Es kann ja nicht sein, dass ein Unternehmen aus der Region abwandert, nur weil wir in Hamburg keine Fläche liefern können. Das wäre der Offenbarungseid.

B&P: Das ist eine klare Ansage: Sie gehen mit dem Angebot einer engeren Kooperation als bisher auf das Umland zu – ist das richtig?

Strittmatter: Definitiv! So habe ich es auch bei meiner Vorstellung vor dem Wirtschaftsförderungsrat erläutert. Mag sein, dass das den einen oder anderen überrascht hat. Aber wir müssen uns aus Sicht des Kunden aufstellen. Der Unternehmer möchte einen zentralen Ansprechpartner haben. Es würde ja auch gar keinen Sinn machen, wenn sich dann diverse Kreise auf diesen einen Investor stürzen. Da sehen wir uns auch in einer gewissen Koordinierungsrolle. Ein Investor, der nach Hamburg möchte, meint ja nicht immer das direkte Stadtgebiet, sondern oft auch die Region. Verglichen mit internationalen Megacities sind die Wege bei uns ja immer kurz.

B&P: Wie sehen Sie die Rolle der privaten Immobilienwirtschaft?

Strittmatter: Weil wir begrenzte Flächen haben, müssen wir den Schulterschluss mit den privaten Akteuren suchen. Ich bin sicher, dass wir Anfragen haben, die Makler bedienen können. Aber die haben auch Anfragen, die eher wir bedienen können. Da müssen wir uns enger zusammentun. Ich hätte das gern als Netzwerk oder Plattform. Ich sehe mich auch als Ansprechpartner für die Immobilienwirtschaft und bin da ganz ergebnisorientiert. Am Ende geht es darum, Unternehmen anzusiedeln oder in der Region zu halten.

B&P: In der Hansestadt ist die HWF Landeswirtschaftsförderer, in den Bezirken kommunaler Wirtschaftsförderer und in der Metropolregion regionaler Wirtschaftsförderer. Wie passt das alles zusammen?

Strittmatter: Es ist die Herausforderung, hier die nötigen Strukturen zu bilden. Wir müssen drei Hüte aufhaben. Ich habe alle Ebenen kennengelernt. Die HWF ist im Übrigen nur zum Teil Wirtschaftsförderer. Im Kern sind wir eine Investitionsagentur. Das ist unsere Hauptaufgabe: Ansiedlungen und Bestandsentwicklung. Bei vielen anderen Wirtschaftsförderungsthemen sind wir eher Vermittler und verweisen auf die Kammern, auf die Bezirke und auf andere Institutionen. Wie gesagt, Wirtschaftsförderung ist Mannschaftssport.

Vita

Dr. Rolf Strittmatter (44), zuletzt für die Wirtschaftsförderung in Brandenburg verantwortlich, ist gebürtiger Baden-Württemberger. Er hat Volkswirtschaftslehre studiert und in Geografie an der Universität Freiburg promoviert. Als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Landkreise Lörrach und Waldshut sowie als Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim war er vor seinem Wechsel nach Brandenburg aktiv. In Mannheim leitete der dreifache Vater den Studiengang Wirtschaftsförderung. In Hamburg ist er jetzt Geschäftsführer der HWF und als solcher zugleich Mitglied der Geschäftsführung der Hamburg Marketing GmbH.