Das Paradies sieht anders aus

Dipl. Ing. Jürgen Enkelmann

Von Dipl.-Ing. Jürgen Enkelmann, Ge­schäftsführer der Wirt­schafts­för­der­gesellschaft mbH für Stadt und Landkreis Lüneburg

Das Ernährungssystem ist nicht mehr stabil. Dieser Satz lässt aufhorchen, zumal er vom Präsidenten der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, stammt. Immerhin bezieht sich diese Aussage auf unsere Lebensgrundlage: Lebensmittel. Warum ist der Status quo so unbefriedigend, nachdem doch Essen immer billiger wurde und obwohl es in den letzten fünf Jahren weltweit Rekordernten gab? Die Industrialisierung hat die Ernten vervielfacht. Dennoch ist die Ernährung im Jahr 2050 mit dann vermutlich neun oder zehn Milliarden Menschen nicht sicher. Gut 40 Prozent mehr Weizen, Soja, Reis und Mais müssten geerntet werden, ohne dass die Anbaufläche wesentlich wächst, sagen die Vereinten Nationen.
Weder ökologische Pessimisten, die der Menschheit weniger Essen verordnen wollen, noch industrielle Optimisten, die auf Hochhausfarmen und Meerwasser-verträgliche Tomatenpflanzen setzen, haben auf diese Herausforderung eine Antwort. Denn Esskultur folgt keiner Vernunft, sondern orientiert sich an den Geschmackserlebnissen unserer Kindheit. Deshalb formen Veganer Wiener Würstchen aus Sojabrei.
Bio ist keine Lösung

Auch reine Biolandwirtschaft ist keine Lösung. Selbst wenn im Jahr 2050 fast zwei Drittel der Deutschen kein oder wenig Fleisch äßen, bräuchte man hierfür zu viel Fläche. Das ergab eine aktuelle Greenpeace-Studie. Handelsregeln und Marktmechanismen bringen Erzeuger und Verbraucher dazu, rein ökonomische Entscheidungen zu treffen. Immerhin hängt das Einkommen der Erzeuger derzeit zu mehr als zwei Dritteln vom Fleischumsatz ab. Zwar haben zahlreiche Labels und Kochshows das Interesse der Kunden an Lebensmitteln etwas erweitert. Doch nur ein Fünftel der Konsumenten ist überhaupt bereit, sich Gedanken über die sozialen und ökonomischen Auswirkungen ihrer Lebensweise zu machen.
Viele Veränderungen sind notwendig. Sie werden komplexe Auswirkungen haben und zu neuen Fragen führen. Klar ist, dass die Anforderungen an die Ausbildung der Landwirte und Erzeuger weiter steigen. Während die Technisierung bei der Erzeugung von Lebensmitteln in den Industrieländern weit vorangeschritten ist, gibt es Produktivitätsreserven in den Ländern des Südens. Einrichtungen wie das Landwirtschaftliche Bildungszentrum (LBZ) Echem der Landwirtschaftskammer Niedersachsen können hierzu ebenso einen Beitrag leisten wie innovative Unternehmen. Ein Beispiel ist die Firma TOFUTOWN.com GmbH, die in der Hansestadt Lüneburg vegetarische Lebensmittel in Bioqualität produziert und aktuell die eigene Betriebsstätte erheblich erweitert.

Frage der Kommunikation

Gleichzeitig werden sich Verbrauchergewohnheiten ändern müssen. Das wird weder über Verordnungen noch ausschließlich über Preisveränderungen gelingen. Vielmehr ist es eine längerfristig angelegte Kommunikationsaufgabe, die weit vor der Kaufentscheidung am Supermarktregal beginnt. Hierfür gibt es bereits interessante Angebote wie das „Agrarium“ des Freilichtmuseums am Kiekeberg oder außerschulische Lernorte wie sie in Kooperation des Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Echem mit dem SCHUBZ Umweltbildungszentrum der Hansestadt Lüneburg entstanden sind.
Es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sowohl auf Seiten der Industrie und des Handels als auch der Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) die Bereitschaft wächst, sich hier einzubringen. Allerdings ist noch mehr möglich und notwendig. Proteste wütender Erzeuger und zynische Facebook-Kommentare von Verbrauchern helfen jedenfalls nicht weiter. Herr Bartmer, vielen Dank für die klaren Worte.

Fragen an den Autor:
enkelmann@wirtschaft.lueneburg.de