Stillen – zwischen zu viel und zu wenig

„Stillen ist etwas ganz Natürliches, was macht ihr da bloß für ein Aufheben darum?“, sagen die einen. „Schwester, mein (Enkel-)Kind wird nicht satt, können Sie uns bitte eine Flasche geben“, sagen die anderen. Zwischen beiden Standpunkten spannt sich eine Diskussion, die sachlich geführt werden sollte und dennoch in eine der emotionalsten Situationen unseres Lebens fällt – die ersten Tage mit einem Neugeborenen.

Die Frage, welche Stillberatung Mütter wirklich brauchen, wird dadurch erschwert, dass die Angehörigen der frisch gebackenen Eltern zusätzlich jeweils ganz eigene Standpunkte zur Fürsorge des Neugeborenen und der Mutter vertreten. Sorgen sich die einen, das Kind könne nicht satt werden, fürchten die anderen Allergene in künstlicher Säuglingsmilch. Möchten die einen das Selbstvertrauen der Partnerin durchs Stillen gestärkt wissen, fürchten die anderen um den Schlafmangel der Wöchnerin und befürworten daher das Fläschchen.


Die Frage sollte daher eher lauten: Welche Unterstützung brauchen frisch entbundene Mütter, damit diese ihr Neugeborenes gut umsorgen und sich selbst von den körperlichen und seelischen Eindrücken der Geburt erholen können?
Allein auf hormoneller Ebene ist Stillen eine ganz natürliche Sache – bei ausnahmslos jeder Frau. Hinzu kommen die seelischen Eindrücke. Die Geburt des eigenen Kindes ist beispiellos überwältigend. Die Gefühle in den ersten Stunden und Tagen mit dem Neugeborenen ebenfalls. Auf derartige Gefühlsereignisse, verbunden mit den erheblichen körperlichen Leistungen und dem Schlafentzug, reagieren alle Menschen – und eben auch Mütter – seit Urzeiten mit Rückzug – in eine vertraute Umgebung, in der es ruhig ist, in der sie ihren ganz eigenen Rhythmus haben und in der sie sich im Idealfall umsorgen lassen können.

Die Antwort auf die Frage nach der richtigen Unterstützung, ist also zunächst umfassende Ruhe für Mütter und Eltern, die vor wenigen Stunden oder Tagen ein Kind bekommen haben – einhergehend mit unaufdringlicher Fürsorge. Das sogenannte Bonding, also der Kontakt der Eltern mit ihrem Kind, ist hier gleichzeitig Mittel und Zweck. In dieser Ruhe kann viel verarbeitet werden, können sich Körper, Seele und Geist ausruhen, können die Signale des Kindes aufgenommen und verstanden werden.

Ein Neugeborenes, das Hunger bekommt, wird wacher, räkelt sich, faustet die Händchen, schleckt die Lippen, macht Suchbewegungen. Eltern erkennen diese Signale genau. Ein Kind, das so eindeutig nach Nahrung fragt, wird in einer ruhigen Atmosphäre problemlos an die Brust andocken und sich satt trinken – in vielen kleinen Stillmahlzeiten in den ersten Lebenstagen bis zum Milcheinschuss, danach in größeren Trinkabständen, da dann pro Mahlzeit eine größere Menge an Muttermilch und mehr Kalorien aufgenommen werden.
Stillberatung sollte sich in dieser Zeit also vornehmlich auf das Zeigen situationsgerechter Stillpositionen konzentrieren. Ratschläge der Angehörigen können in dieser Zeit hilfreich sein, müssen es aber nicht. Denn Ratschläge können in diesem sensiblen Moment manchmal auch wie Schläge empfunden werden.
Die Kompetenz einer guten Entbindungsklinik sollte daher in der situationsspezifischen Stillberatung genauso hoch sein, wie im Umgang mit besonderen geburtshilflichen Situationen während der Entbindung. Ansonsten sollte sie aber vor allem ein Gebären und Eltern-Werden in großer Ruhe ermöglichen, im Kreißsaal und auf der Wochenstation. Damit das Normale wieder normal werden kann – ein guter Kontakt zwischen Mutter, Kind und Vater, aus dem das Stillen unaufgeregt und ganz natürlich hervorgeht.

Kontakt: Telefon 040 / 790 06-421, 
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