„Guten Tag, ich hätte gern eine Packung ‚Industrie 4.0‘ . . .“

Dr. Horst Tisson, Professor für BWL

Professor für BWL, insbesondere IT-Management und Controlling an der Hochschule für Oekonomie & Management, Geschäftsführer der Tisson & Company GmbH Managementberatung.

Die Veranstaltungen zu Industrie 4.0 und Digitalisierung reißen nicht ab. Politik, Wirtschaft und Verbände suchen Wege, wie man sich dem Thema nähern kann. Erfrischend und fundiert sind unsere Diskussionen im Arbeitskreis „IT und Kommunikation“ als Teil der „Hamburger Dialogplattform Industrie 4.0“ (https://goo.gl/CFYRK2). Weniger zielführend sind Veranstaltungen, die hochdekoriert mit zahlreichen Professoren und Beratern allen klar machen wollen, was Industrie 4.0 ist beziehungsweise sein könnte. Die Verunsicherung bei Unternehmern und Managern wird größer, und jeder versteht etwas anderes unter der vierten (digitalen) industriellen Revolution.

Vielleicht ist es allein schon der Begriff, der die Wanderung der Lemminge auslöst. Oder ist es die zunehmende Dynamik, die viele Akteure zu weniger rationalen Entscheidungen veranlassen? Wie ist es sonst zu verstehen, dass Manager auf Beratungsfirmen zugehen und „Industrie 4.0“ verlangen (als sei es im Paket verfügbar) oder ein BI-System (Business Intelligence) einkaufen wollen, ohne dass vorher Prozesse, Datenstrukturen und vor allem die Zielsetzung definiert wurden? Kein Feuerwehrmann würde planlos in ein lichterloh brennende Haus laufen.

Der Begriff „Industrie 4.0“ suggeriert Industrie, Produktion, Automatisierung und Maschinen, aber viel weniger Markt, Kunde oder Individualisierung. In vielen Beispielen werden deshalb moderne Roboter gezeigt, wie diese vollautomatisiert und mit Sensorik bestückt ihre Arbeit verrichten. Die Gäste der unterschiedlichen „Industriemessen“ sind dann immer beeindruckt und gehen zufrieden nach Hause.

Automatisierung und Digitalisierung gab es schon in den 80er-Jahren. Aber was ist heute anders als damals? Es sind die ungeheuren Datenmengen, die technologischen Vernetzungsmöglichkeiten sowie die daraus resultierenden Veränderungen auf unseren Märkten und bei dem Verhalten der Kunden. Wer die Daten respektive die Informationen und die Kundenschnittstelle beherrscht, wird morgen das Geschäft bestimmen. Wertschöpfungsketten werden sich grundlegend verändern und dazu führen, dass Unternehmen anders Geld verdienen als heute.

Ein Beispiel: Wenn Kunden morgen nicht mehr die Sechser-Kiste Weißwein aus dem Rheingau bestellen, sondern sechs verschiedene Weine probieren möchten, dann muss der Weinhändler folglich seine Logistik komplett umstellen. Das ist dann im Lager und in der Kommissionierung „Industrie 4.0“, der Anstoß kommt aber von der Kundenseite.

Zahlen in „Realtime“

Und die Digitalisierung führt zu anderen Entscheidungsgrundlagen. „Realtime“ ist heute angesagt. Strukturierte und unstrukturierte Datenquellen und Systeme, Sensoren und Kundenmeinungen müssen zeitnah ausgewertet werden und zu besseren Entscheidungen führen. Prognosen (Forecast) sind heute kaum noch möglich. Wer weiß schon,  was in einem Jahr ist! Deshalb müssen auch hier andere Werkzeuge wie Sensitivitäts- und Szenarioanalysen oder Simulationen eingesetzt werden, um zumindest mögliche Risiken abzuschätzen beziehungsweise Maßnahmen zu ergreifen, diese zu vermeiden. Deutschland hat gute, vielleicht sogar die besten Ingenieure weltweit. Wichtig wird es jetzt immer mehr, die Märkte und umsatzbringenden Kunden zu verstehen.

Fragen an den Autor?
horst.tisson@tisson.com