Die Kabine macht den Unterschied

Sie verbinden die virtuelle Datenwelt mit der physischen Welt des Fliegens: Institutsleiter Prof. Dr. Ralf God und Mitarbeiter Hartmut Hintze haben in einer Kabine Platz genommen, die für Forschungszwecke im ZAL aufgebaut worden ist. Foto: Wolfgang BeckerSie verbinden die virtuelle Datenwelt mit der physischen Welt des Fliegens: Institutsleiter Prof. Dr. Ralf God und Mitarbeiter Hartmut Hintze haben in einer Kabine Platz genommen, die für Forschungszwecke im ZAL aufgebaut worden ist. Foto: Wolfgang Becker

TUHH Institut für Flugzeug-Kabinensysteme: Prof. Dr. Ralf God über die virtuelle und die physische Welt an Bord

Per Bluetooth-Beacon vom Flughafen-Check bis zum Sitzplatz geleitet werden, das Essen im Flugzeug über eine App vorbestellen, den Bordeinkauf via Smartphone in der eigenen Sprache tätigen: Die Flugzeugkabine wird für die Zukunft fit gemacht. Was dort künftig alles möglich sein wird, damit beschäftigt sich Professor Dr. Ralf God, Leiter des Instituts für Flugzeug-Kabinensysteme an der TUHH. Er ist sozusagen der wissenschaftliche Dr. Feelgood, denn die Kabine steht für Service, Komfort, gute Atmosphäre, Bequemlichkeit, Unterhaltung und zunehmend auch für Vernetzung. Je nachdem mit welcher Airline man fliegt – die Kabine macht schließlich den Unterschied. Die Auflistung macht deutlich: Das Innenleben eines Flugzeugs, mit dem der Passagier in Berührung kommt, wird zunehmend zum Verkaufsargument. Hier unterscheiden sich die Fluggesellschaften, hier entscheidet sich, ob der Fluggast beim nächsten Mal wieder mit der gleichen Airline fliegt – nichts verkauft sich besser, als ein überraschend positives Flugerlebnis. Das weiß auch der Flugzeughersteller Airbus und hält für seine Airline-Kunden entsprechend modernste technische Lösungen parat. Es überrascht deshalb nicht, dass im Jahr 2008 das Institut für Flugzeug-Kabinensysteme von Airbus gestiftet und an der TUHH gegründet wurde.

Umfangreicher Datentransfer

Ralf God: „Die oberste Prämisse im kommerziellen Luftverkehr lautet: sicherer Start und sichere Landung. Der Ablauf dieser kritischen Betriebsprozesse ist exakt definiert und streng reglementiert. Wir am Institut befassen uns auch mit den individuellen Geschäftsprozessen – Komfort, App-Entwicklungen, Entertainment, Smartphone-Unterstützung.“ Und er veranschaulicht auch gleich, was das konkret heißt: „Wenn 550 Passagiere an Bord sind, bedeutet das heute auch: 550 Smartphones. Technisch ist das zunächst kein Problem, aber wenn sich die Nutzer nun alle Videos auf YouTube anschauen oder im Internet surfen wollen, dann wird es datentechnisch sehr eng. Die Übertragungsstrecke vom Boden zum Flugzeug, meist via Satellit und daher sehr teuer, ist heute immer noch ein Flaschenhals.“

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God: „Die WLAN-Nutzung im Flieger ist kein wirkliches Problem. Wir arbeiten daran, dem dramatischen Wandel gerecht zu werden, der durch die Digitalisierung entsteht. Wir haben es dabei in der Kabine nicht nur mit einer Vielzahl an Geräten, sondern auch mit einer hohen Entwicklungsgeschwindigkeit dieser Geräte zu tun. Das ist die Herausforderung. Ziel ist es, ein Kommunikationsnetzwerk für eine smarte Kabine zu entwickeln.“

Individueller Service und Infos in der Muttersprache

Ein Beispiel, das jeder kennt: der Bordverkauf. In der smarten Kabine dürfte künftig von der Software erkannt werden, welche Nationalitäten an Bord sind und welche Sprache die Smartphone-Besitzer sprechen. Über eine App könnten die Angebote aus dem Bordverkauf oder auch aus der Küche in der jeweiligen Sprache aufs Smartphone gespielt werden, direkt bestellt und auch gleich elektronisch bezahlt werden.

God: „Das Ziel ist die Individualisierung von Angeboten. Wir möchten personalisierte Dienste anbieten.“

Tatsächlich geht es um ein kompliziertes Datengebilde, das man sich am ehesten noch als riesige dreidimensionale Wolke vorstellen kann. Hier für alle Kommunikationsteilnehmer die richtigen Synapsen zu bilden, ist die Aufgabe von Professor God und seinem Team. Im Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) in Finkenwerder werden vom Institut Technologien und Systeme untersucht und erforscht, welche letztlich zu einer Immersion führen, das heißt zu einem Eintauchen beziehungsweise einer Verschmelzung von virtuellen Datenwelten und physischen Prozessen.

God: „Solche cyber-physischen Systeme werden uns künftig umgeben, auch in der Luftfahrt, subsummiert unter dem Stichwort Cyber-physical Aviation.“ Seine Prognose: „Auf der Kurzstrecke wird sich ein System für Konnektivität mit hoher Datenübertragungsrate ausprägen. Die Passagiere versorgen sich selbst mit interessanten Angeboten und können über die Smartphones und entsprechende Applikationen auch aktiv angesprochen werden. Wir müssen dazu die Schnittstelle im Flieger liefern.“

Für Fluglinien ergeben sich daraus fast unendliche Möglichkeiten, beim Fluggast zu punkten. Eine individualisierte App könnte auch „Location Based Services“ anbieten. Beispiel: Reservierung eines Mietwagens? Noch vor der Landung in New York wäre es möglich, entsprechende Angebote einzuholen und einen Wagen vorzubestellen. Wann und wo startet der Anschlussflug? Per App erhält der Fluggast die Uhrzeit und einen Flughafenplan. Die Unterkunft fehlt? Passende Hotel-Angebote werden vorgeschlagen.

Wem gehört der Kunde?

God: „Damit kommen wir zu einer entscheidenden Frage: Wem gehört der Kunde – der Fluggesellschaft oder dem Flughafen? Die Antwort haben wir noch nicht.“ Hartmut Hintze, Mitarbeiter von Professor God, sieht auch großen Entwicklungsbedarf für die Langstrecke: „Gerade da bin ich als Passagier froh, wenn ich entsprechende, für mich passende Angebote bekomme.“

Hintze weiter: „Wir sitzen hier am Anfang der Innovationskette und zeigen viele mögliche Trends auf. Forschungsarbeiten laufen dann meist gemeinsam mit der Firma Airbus oder deren Lieferanten. An der Entwicklung und industriellen Umsetzung haben wir weniger Anteil.“ Doch wie findet man den richtigen Trend? Hintze: „Dabei helfen uns kooperative Luftfahrtforschungsprojekte.“ Institutsleiter

God: „Damit sind wir wieder bei einer schwierigen Frage: Wie entstehen Innovationen? Unsere Antwort: meist aus kooperativer Forschung mit den Herstellern, Zulieferern, Technologielieferanten und Anwendern.“ Hamburg ist innerhalb des Airbus-Konzerns das Kompetenzzentrum für die Flugzeugkabine. Die oben geschilderten Themen stellen dabei nur einen Teil der Inhalte dar, mit denen sich das Institut für Flugzeug-Kabinensysteme befasst.

Web: www.tuhh.de/fkswww.cyber-physical-aviation.org