AOS und Dow brauchen den Hafen, der Hafen braucht AOS und Dow

Foto: Wolfgang Becker

Auf der Fläche des Buss-Terminals liegen Bauteile für Windkraftanlagen, die von Stade aus überwiegend für Offshore-Windparks verschifft werden.

Eine bewährte Symbiose am Wasser

Das Besondere an diesem Hafen: Die Chemie-Unternehmen AOS und Dow brauchen den Hafen, der Hafen braucht AOS und Dow. Die Chemieunternehmen und das Land Niedersachsen als Hafenbetreiber sind eine Symbiose eingegangen. Schlichting: „Es besteht eine beiderseitige Abhängigkeit, allerdings haben sich die Hafenbaukosten von rund 178 Millionen Mark in den 1970er-Jahren längst amortisiert.“ Und auch auf die Job-Bilanz wirkt sich dieses Verhältnis bis heute positiv aus. Einer Studie der Jade Hochschule (FH Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth) mit dem Titel „Untersuchung über die Beschäftigungseffekte der niedersächsischen Häfen“ zufolge sind vom Hafen in Bützfleth rund 5000 Beschäftigte abhängig – direkt, aber vor allem auch indirekt als Zulieferer und Versorger für die Chemie-Industrie.

Mitten im Hafen betreibt das Unternehmen Buss einen vier Hektar großen Terminal. Hier werden regelmäßig Bauteile für Windkraftanlagen umgeschlagen, welche überwiegend im Offshore-Bereich zum Einsatz kommen. Gussteile von Global Castings Stade, beispielsweise für Getriebegehäuse von Windkraftanlagen, seien anders als per Schiff gar nicht zu transportieren, sagt Friedrichs. Martin Bockler, bei der IHK Stade zuständig für Standort- und Wirtschaftspolitik, geht davon aus, dass sich die geplante Siemens-Ansiedlung in Cuxhaven ebenfalls positiv auf die Hafenentwicklung in Stade auswirken könnte.

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Beispiel für den Mülltourismus

Fast skurril: Auf dem Buss-Terminal wird Müll aus Irland für deutsche Verbrennungsanlagen umgeschlagen – weil die Iren ihren Müll nicht trennen, hat er einen deutlich höheren Brennwert als der inländische Hausmüll. So beflügelt der Gelbe Punkt den Mülltourismus und sorgt letztlich dafür, dass sogar ein staatlicher Hafen davon profitiert, wenn Müllverbrennungsanlagen beispielsweise in Magdeburg Brennstoff brauchen.

Besonderes Augenmerk gilt den rund 700 000 Tonnen, die nicht aus AOS und Dow bestimmt sind. Das hier gelöschte Schüttgut geht unter anderem an die Beton- und Asphaltmischwerke in der Region. Ohne Hafen entspräche diese Menge rund 28 000 Lkw-Transporten plus Leerfahrten, denn das Material müsste ja so oder so in die Region gebracht werden. Damit entlastet der Hafen die verkehrstechnisch ohnehin nicht gerade verwöhnten Menschen im Landkreis Stade erheblich.

Wenn das mal keine „Finte“ ist . . .

Was den weiteren Hafenausbau angeht, gibt sich Schlichting so gefasst wie möglich: „Wir sind noch lange nicht so weit, wie wir gerne wären. Solche Entwicklungen dauert bei weitem länger als das, was man im schlimmsten Fall befürchtet.“ Obwohl die Planfeststellung schon im Gange war, steht jetzt ein Neustart bevor. Unter anderem sorgt eine planungsrechtlich relevante Verwandte des „Wachtelkönigs“ für Verzögerungen: die „Finte“. Der Herings-ähnliche Elbfisch laicht am Schwarztonnensand. Die Kartierung steht noch aus, aber die Hafenverantwortlichen sehen durchaus Parallelen zum berühmten „Wachtelkönig“, jenem Rallenvogel, der in Neugraben-Fischbek seit Jahrzehnten für ökologische Diskussionen sorgt. Schlichting kommentiert die Hafenerweiterung ganz nüchtern: „Wir waren schon mal weiter.“

Hinzu kommt, dass so ein Projekt auf Landesebene entschieden wird. De facto geht es um Investitionen „größer 100 Millionen Euro“. Dibbern: „Das größte Problem ist die Begründung. Muss zuerst der Bedarf vorhanden sein oder schafft man mit einer leistungsfähigen Hafeninfrastruktur ein interessantes Angebot? Wir sprechen hier von einer perspektivischen Investition. Hätten wir einen leistungsfähigen Schwerlastkai zu bieten gehabt, wäre Siemens vielleicht nach Stade gegangen. Das Interesse war vor Jahren zumindest vorhanden.“ Schlichting: „Wir können aber auch neidlos anerkennen: Cuxhaven ist prädestiniert und die gesamte Region hat etwas von dieser Großansiedlung.“ Dennoch bleibt die Hafen-erweiterung ein Thema für die Wirtschaftsförderung. Friedrichs verweist vor allem auf 48 Hektar Freifläche neben der AOS, die einem Privateigentümer gehören und potenziell zu Verfügung stehen. Und dann wäre da noch die Fläche des ehemaligen Kernkraftwerks – 110 Hektar, ebenfalls eine perspektivische Option.