Niedersachsen setzt auf Kooperation mit dem Luftfahrtstandort Hamburg

INTERVIEW Wirtschaftsminister Bernd Althusmann über die Schlüsselbranche – Unterstützung für den TIP Technologie- und Innovationspark in Buchholz signalisiert

Wirtschaftsminister Bernd Althusmann

Wirtschaftsminister Bernd Althusmann

Er hat zweifellos den Nordbezug: Bernd Althusmann (CDU), neuer Wirtschaftsminister in der Niedersachsen-GroKo, wohnt im Landkreis Lüneburg und hat seinen Wahlkreis in Seevetal (Landkreis Harburg). B&P-Redakteur Wolfgang Becker sprach mit ihm in Hannover über die Bedeutung des Flugzeugbaus für Niedersachsen.

Niedersachsen gilt als Auto-Land und Agrar-Land – welchen Stellenwert hat die Luftfahrtindustrie aus Ihrer Sicht?
Einen sehr hohen. Das fällt auf den ersten Blick gar nicht so auf, aber in Niedersachsen arbeiten 30 000 Menschen in der Luftfahrtindustrie. Mit Hamburg und Bremen im Verbund zählen wir zum drittgrößten Flugzeugbaustandort weltweit. Mehr als 250 Unternehmen haben sich entlang der ganzen Wertschöpfungskette entwickelt. Unsere besonderen Kompetenzen liegen im Bau großer Rumpf- und Flügelstrukturen, im Leichtbau mit CFK, hier ist insbesondere der Standort Stade herausragend. Die Luft- und Raumfahrt ist eine Schlüsselbranche mit direkter Verknüpfung zu den Themen Mobilität, Automotive, Schiffbau sowie Maschinen- und Anlagenbau. Die gute Nachricht: Offenbar bleiben die Standorte Stade und Buxtehude von dem angekündigten Stellenabbau bei Airbus weitestgehend verschont.



Wie steht es um den Bereich Forschung?
Mit 52 Forschungseinrichtungen an acht Universitäten und fünf Großforschungseinrichtungen ist Niedersachsen der führende Forschungsstandort in Deutschland. Neben anderen Instituten nimmt das Luft- und Raumfahrtzentrum in Braunschweig für die Luftfahrtindustrie eine wichtige Rolle ein.

Niedersachsen ist zugleich aber auch das größte Flächenland – deshalb ist das Forschungsthema öffentlich gar nicht so präsent. Wie sieht es beispielsweise mit den Luftfahrtunternehmen in Nordniedersachsen aus – die beiden Airbus-Werke in Stade und Buxtehude sind erheblich kleiner als der Hauptstandort in Finkenwerder. Gehen sie da in der Wahrnehmung nicht ein wenig unter?
In Zukunft sollten wir verstärkt über den Luftfahrtstandort Norddeutscher Länder sprechen. Im internationalen Wettbewerb sind innerdeutsche Grenzen für Industrieunternehmen nicht so entscheidend. Mit Stade und Buxtehude verfügen wir in Niedersachsen aber natürlich über ein Kraftzentrum der Luftfahrt südlich von Hamburg. Denken wir nur an das Werk in Stade mit seiner hohen Expertise in der CFK-Fertigung. Wir müssen das aber immer im Verbund mit Hamburg sehen. Es gibt eine enge Vernetzung mit dem Luftfahrtstandort Hamburg. Als Niedersächsischer Wirtschaftsminister stehe ich für eine enge Zusammenarbeit mit meinem Amtskollegen Frank Horch in Hamburg zur Verfügung – natürlich auf Augenhöhe, aber gemeinsam für den Norden. Diese Zusammenarbeit existiert bereits – beispielsweise im norddeutschen Verbund der Forschungszentren oder bei der Landesförderung für das „Kompetenzzentrum Neue Materialien in der Produktion“, ein Gemeinschaftsprojekt von CFK Valley, Süderelbe AG und der Helmut-Schmidt-Universität. Auch auf der ILA in Berlin treten wir gemeinschaftlich auf.

Wie sieht es mit Zukunftsprojekten, beispielsweise dem zivilen Drohneneinsatz, in Niedersachsen aus? 
Ganz sicher werden sich auf diesem Gebiet Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung ergeben, auf die wir vorbereitet sein müssen. Stichwort Sensorik beispielsweise. Aus unserer Sicht ist es zunächst wichtig, die entsprechende Infrastruktur zu schaffen, um die Digitalisierung sowohl technologisch als auch im Bereich der Logistik voranzutreiben.

Digitalisierung, Technologie, Logistik – drei Stichworte, die ihren Widerhall im geplanten Technologie- und Innovationspark TIP in Buchholz finden . . .
…das ist ein Projekt, das von mir mit angestoßen wurde. Ich bin Herrn Seyer (Anm. d. Red.: Wilfried Seyer ist Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg, siehe auch B&P Seite 1 und 30) sehr dankbar, dass er mit großem Engagement dabei ist, dieses Projekt zu realisieren. Wir brauchen in Niedersachsen solche Zentren, in denen interdisziplinär gearbeitet und auch geforscht wird. Es ist sehr wichtig, die Rahmenbedingungen für Arbeitsplätze im Norden Niedersachsens weiter zu verbessern.

Sie sehen den TIP und den geplanten NiedersachsenCampus also mit Wohlwollen. Werden Sie ihn denn auch aus Landessicht unterstützen?
Alles, was das Hamburger Umland und damit Niedersachsen nützt, ist unterstützenswert. Die konkrete Ausgestaltung im Rahmen einer digitalen Gesamtstrategie für unser Land ist jetzt ein wichtiges Ziel.