Neujahrs-Brunch der Süderelbe AG: Wenn die Provinz vormacht, wie Digitalisierung geht

Dieter van Acken, Digitalbotschafter der Stadt Ahaus. Foto: Gina Kühn, VertellnDieter van Acken, Digitalbotschafter der Stadt Ahaus. Foto: Gina Kühn, Vertelln

Digitalisierung ist heute mehr als ein „Nice to have“. Sie ist ein wichtiger Standortfaktor und kann zudem in Zeiten des Fachkräftemangels die Lebensqualität von Regionen deutlich erhöhen. Beim Neujahrs-Brunch der Süderelbe AG durfte Deutschlands heimliche Digitalisierungs-Hauptstadt Ahaus zeigen, wie ein entsprechendes Konzept funktionieren kann.

Schön langsam wird der Neujahrs-Brunch der Süderelbe AG im „Stoof Mudders Krog“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg zur Tradition. Bereits zum vierten Mal ging das Event über die Bühne. Der Zuspruch war so groß wie noch nie, an die 100 Gäste waren gekommen. Zeitweise wurde es eng, was gegen Ende der Veranstaltung auch ein lautstark anschlagender Kohlenmonoxid-Warnmelder belegte. Doch das Problem der schlechten Luft wurde kurzerhand durchs Öffnen einer Tür behoben.

Doch auch wenn die Luft bisweilen etwas stickig daher kam – die Gedanken, die während des Brunchs im Rahmen eines Vortrags zu den Besuchern drangen, waren um so erfrischender und belebender. Im Mittelpunkt stand der Impulsvortrag von Dieter van Acken, Botschafter der digitalsten Stadt Deutschlands. Er berichtete aus Ahaus, einer Mittelstadt im westlichen Münsterland, die Digitalisierung nicht als abstraktes Zukunftsprojekt versteht, sondern als praktisches Mittel, um Angebote zu sichern, Prozesse zu vereinfachen und Lebensqualität zu erhalten.

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Digitalisierung ist kein Selbstzweck
Dieter van Acken machte früh deutlich, dass es in Ahaus nicht um Technikverliebtheit geht: „Wir machen Digitalisierung nicht, weil sie modern klingt, sondern weil wir Dinge sonst nicht mehr anbieten könnten.“ Personalengpässe, Leerstände und wirtschaftliche Grenzen seien für viele Städte Realität. Digitalisierung eröffne die Möglichkeit, Angebote dennoch aufrechtzuerhalten.

So berichtete van Acken von Hotels ohne Rezeption, Boots- und Fahrradvermietungen ohne Personal sowie digitalen Zugängen zu Gastronomie und Kultur. Entscheidend sei dabei eine zentrale digitale Identität. „Wir verbinden alles mit allem“, sagte van Acken. Eine städtische App fungiere als Schlüssel für Ahaus – vom Parken über den Eintritt ins Schwimmbad bis zur Bestellung im Restaurant.

Die Stadt als Reallabor
Ahaus versteht sich bewusst als Reallabor. Anwendungen werden getestet, angepasst oder auch wieder verworfen. Van Acken beschrieb diesen Weg nicht als Masterplan, sondern als Lernprozess. Und er fügte hinzu: „Digitalisierung heißt auch, dass man sich kümmern muss.“ Systeme und Einrichtungen – wie etwa Leihfahrräder – müssten gepflegt, erklärt und weiterentwickelt werden, sonst verlören sie sofort an Akzeptanz.

Ein zentraler Grundsatz dabei: „Hör nicht auf das, was Nutzer in Umfragen sagen, sondern schau dir anhand der Nutzungsdaten an, was sie tatsächlich tun.“ Viele Angebote seien anfangs skeptisch betrachtet worden, hätten sich im Alltag aber schnell durchgesetzt, weil sie einfacher, schneller und zuverlässiger funktionierten.

Am Ende sei Digitalisierung eine Möglichkeit, kein Dogma. „Man darf nicht mit der Brechstange digitalisieren“, sagte van Acken. Entscheidend sei der Mut, Dinge einfach auszuprobieren – und sie konsequent weiterzuentwickeln, wenn sie funktionieren.

Klarheit, Zuversicht – und Umsetzung
Gastgeber Olaf Krüger, Vorstand der Süderelbe AG, ordnete den Impuls in einen größeren Zusammenhang ein. 2026 dürfe kein Jahr der Reparaturen werden, sondern müsse im Zeichen der bewussten Neuausrichtung stehen. „Ein Weiter so ist keine gute Option“, sagte er mit Blick auf Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Die Bedingungen veränderten sich so schnell, dass alte Strukturen immer häufiger an ihre Grenzen gerieten.

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Krüger formulierte vier Leitlinien für die Region: Klarheit, Zuversicht, Zusammenarbeit und Umsetzen. „Erkenntnis ohne Umsetzung ist wertlos“, sagte er. Viele Entscheidungen würden anderswo getroffen, doch im eigenen Handlungsspielraum könne und müsse die Region Lösungen entwickeln.

Digitalisierung verstehe er dabei als Werkzeug, nicht als Selbstzweck. Sie mache Strukturen sichtbar und damit gestaltbar. Oder wie Krüger es mit einem Zitat des Soziologen Armin Nassehi zusammenfasste: „Digitalisierung macht die Gesellschaft erst beobachtbar.“ Genau darin liege die Chance – auch für die Süderelbe-Region.