Einfach ist nicht immer gut

Dipl. Ing. Jürgen EnkelmannVon Dipl.-Ing. Jürgen Enkelmann, Ge­schäftsführer der Wirt­schafts­för­der­gesellschaft mbH für Stadt und Landkreis Lüneburg

Kolumne Blick.Lüneburg
Von Jürgen Enkelmann, Geschäftsführer der Wirtschafts­fördergesellschaft mbH für Stadt und Landkreis Lüneburg

Mitte Oktober haben sich die Umweltminister der Europäischen Union darauf geeinigt, die CO²-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 35 Prozent senken zu wollen. Der endgültige Grenzwert wird nun im Austausch zwischen Europäischer Kommission, Europäischem Parlament und den Mitgliedstaaten festgelegt. Klar ist, dass die künftigen Grenzwerte und der damit verbundene Übergang zur Elektro-mobilität die Autobranche in Europa ver-ändern werden. Ein Beispiel hierfür lieferte Volkswagen-Chef Herbert Diess. In einem, Mitte Oktober 2018, verbreiten Redetext sagte er: „Wenn wir den CO²-Ausstoß unserer Autoflotte bis 2030 um 30 Prozent reduzieren müssen, dann geht das nur mit einem Drittel reiner E-Autos auf den Straßen, würde die Autoindustrie sogar auf 40 Prozent gedrückt, müsste dann bereits die Hälfte der Autos rein elektrisch fahren“.

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Bereits im Juni 2018 präsentierten das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und die Gewerkschaft IG Metall Zahlen, die bis zum Jahr 2030 davon ausgehen, dass allein in der Motor- und Getriebeproduktion 75 000 bis 109 000 Arbeitsplätze wegfallen könnten. Die Höhe des Abbaus hängt davon ab, wie hoch der Marktanteil von Elektroautos bis Ende des nächsten Jahrzehnts ausfällt. Einberechnet ist darin schon, dass Hersteller und Zulieferer etwa 25 000 neue Stellen für Komponenten oder Batterien aufbauen. Unklar ist allerdings, ob diese Investitionen tatsächlich zu geringeren CO²-Emissionen führen. Betrachtet man das ganze Leben eines Elektroautos und seiner Batterie, gibt es vieles, was nicht gut ist fürs Klima. Brennstoffzellen schneiden da besser ab aber auch dieser Technologie fehlt die Infrastruktur. Eine Festlegung von Grenzwerten ist einfach, ändert daran aber nichts. Die gerissenen Klimaziele in Verkehr und Landwirtschaft sind sichtbares Zeichen der Übertreibung. Als Konsequenz drohen der Bundesregierung und damit den Steuerzahlern zusätzliche Kompensationszahlungen für überschüssige Treibhausgasemissionen in Höhe von zwei Milliarden Euro bis Ende 2020. Bis zum Jahr 2030 gehen Studien sogar von einem daraus resultierenden, zusätzlichen Haushaltsrisiko von bis zu 60 Milliarden Euro aus. Angesichts fragwürdiger Effekte für Klima und Umwelt lässt sich das nicht vermitteln. Insofern ist es richtig, die Regulierungsziele rechtzeitig am Machbaren zu orientieren. Die Notwendigkeit des Strukturwandels in der Autobranche bleibt bestehen. Viel hängt dabei aber von der Geschwindigkeit und den Gestaltungsmöglichkeiten ab. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass in moderner Dieseltechnologie sowohl die Schwierigkeiten mit Feinstaub als auch mit Stickoxiden gelöst sind. Angesichts der Beschäftigungssituation in Deutschland mit gut zwei Millionen Arbeitnehmer die mit der Autobranche direkt oder indirekt verbunden sind, also gut vier Prozent der derzeit Erwerbstätigen, wäre alles andere fahrlässig. Die Erfahrungen mit ähnlich gravierenden Strukturveränderungen zum Beispiel im Bereich der Kohle- und Stahlindustrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollten nachdenklich machen. Jeder Unternehmer, Gewerkschafter und Wirtschaftsförderer weiß, dass es nicht selbstverständlich ist neue Arbeitsplätze zu schaffen und diese in einem intensiven Wettbewerbsumfeld über viele Jahre zu halten. Eine sachliche, an Fakten orientierte, Diskussion zu Chancen und Risiken zukünftiger Mobilitätskonzepte ist gefragt. Sie wird auch in Lüneburg intensiv geführt. Anlass sind zahlreiche Zulieferverflechtungen von Unternehmen mit Firmensitz in der Region aber auch die Aufstellung eines neuen Nahverkehrsplanes für den Zeitraum 2018-2023.

Fragen an den Autor: enkelmann@wirtschaft.lueneburg.de