Grüne Stadt, industrialisiertes Land?

Dipl. Ing. Jürgen EnkelmannVon Dipl.-Ing. Jürgen Enkelmann, Ge­schäftsführer der Wirt­schafts­för­der­gesellschaft mbH für Stadt und Landkreis Lüneburg

Blick.Lüneburg – Kolumne von Jürgen Enkelmann, Geschäftsführer der Wirtschafts­fördergesellschaft mbH für Stadt und Landkreis Lüneburg

Der „Verstädterung“ der Landschaft steht die „Verländlichung“ der Stadt gegenüber, schrieb Florian Musso, Architekt und Professor an der TU München jüngst in einem Beitrag für die F.A.Z. Dieser Satz klingt zunächst abstrakt, aber er bringt ein Problem auf den Punkt, das nicht nur in Bayern oder in der Metropolregion Hamburg, sondern im gesamten Bundesgebiet längst Realität ist.

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Allein die Tatsache, dass das Baugesetzbuch zwischen Außen- und Innenbereichen unterscheidet, reicht für eine sinnvolle Funktionsteilung offensichtlich nicht aus. Auch die Grundsätze des Raum­ordnungsgesetzes (§2 ROG) beschreiben eher den Konflikt, als dass sie eine Lösung liefern. Dort ist zwar von der Unterstützung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums und Innovationen die Rede, diese Aufgabe wird aber gleichermaßen Ballungsräumen wie ländlichen Räumen, strukturschwachen wie strukturstarken Regionen zugeordnet. Konflikte sind vorprogrammiert, wenn hier vom „Streben nach ausgeglichen wirtschaftlichen, infrastrukturellen, sozialen, ökologischen und kulturellen Verhältnissen in den jeweiligen Teilräumen“ die Rede ist und gleichzeitig die Forderung erhoben wird, den „demographischen, wirtschaftlichen, sozialen sowie anderen strukturverändernden Herausforderungen . . . Rechnung zu tragen, auch im Hinblick auf den Rückgang und den Zuwachs von Bevölkerung und Arbeitsplätzen“.

Erhöhte Infrastrukturanforderungen von Privathaushalten und Unternehmen führen zu einem anhaltenden Zuzug in urbane Zentren. Damit entsteht eine neue Dringlichkeit zur Verdichtung in den Städten. Auch geringere Erschließungskosten und weniger Transportkilometer im öffentlichen Verkehr sprechen dafür.

Sicherlich ist es gut gemeint, wenn Bebauungspläne mehr Dach- und Fassadenbegrünung fordern. Wie sinnvoll ist das aber, wenn gleichzeitig Wind-„Parks“ und Energiepflanzenmonokulturen in der einstmals freien Landschaft entstehen? Wenn vegetative Entlüftungsschneisen sommerliche Überhitzung vermeiden sollen und „Urban Farming“ ohne tragfähige wirtschaftliche Basis von Bürgerinitiativen zum Zukunftsmodell einer Stadt hochstilisiert werden? Dann sind Entscheidungen erforderlich, bei denen eine zeitgemäße Raumplanung hilfreich sein sollte, es aber bislang leider nicht ist. Insofern muss auf den gesunden Menschenverstand, den Dialog zwischen gesellschaftlichen Gruppen und eine interkommunale Kooperation vertraut werden, die diesen Namen verdient.

Damit wären der Umwelt und den Planungen zur Verringerung des täglichen Flächenverbrauchs bislang nicht versiegelten Bodens für Siedlungs- und Verkehrsflächen gedient. Er liegt nach Erhebungen der Bundesregierung derzeit bei 60 Hektar pro Tag und soll bis 2030 auf 30 Hektar reduziert werden.

Die anhaltenden Diskussionen um die Entwicklung eines Digital-Campus in der Hansestadt Lüneburg macht deutlich, wie wichtig die Auflösung des vermeintlichen Gegensatzes zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Klimaschutz ist. Klimaneutralität auf Kosten beruflicher Perspektiven und internationaler Wettbewerbsfähigkeit wird nicht zur Nachahmung anregen. Gerade das sollte aber ein wichtiges Ziel sein. Die Neufassung des Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) im Landkreis Lüneburg bietet hierfür eine Chance.

Fragen an den Autor: enkelmann@wirtschaft.lueneburg.de