Mehr als 900 Gäste, ein dichtes Programm und ein Thema, das den Nerv der Zeit traf: Beim Neujahrsempfang der IHK Elbe-Weser im Stadeum in Stade ging es um Ordnung und Unordnung als Triebkräfte von Wirtschaft und Gesellschaft. Zwischen Zuversicht, Tempo und Zweifel wurde deutlich, warum beides gebraucht wird.
Der erste Akzent kam vom neuen IHK-Präsidenten Sebastian Vossmann. In seiner Auftaktrede spannte er den Bogen von einer wirtschaftlich schwierigen Gegenwart hin zu einem Jahr der Entscheidungen. Der Mittelstand stehe unter Druck, spüre Reformen bislang kaum, bleibe aber das Rückgrat der Region. Vossmann machte deutlich, dass wirtschaftliche Stärke nicht Selbstzweck ist, sondern Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wahlen, Verantwortung und Beteiligung seien keine Formalien, sondern Ausdruck dessem, ob eine Region Zukunft gestalten wolle oder nicht.
LinkedIn-Gründer aus Zeven inspirierte die Zuhörer
Anschließend betrat Konstantin Guericke, Mitgründer der Business-Plattform LinkedIn, die Bühne. Seine persönliche Geschichte, aufgewachsen in Zeven, bildete den Einstieg in eine Reflexion über Ordnung als Tugend – und als mögliches Hindernis. Innovation entstehe selten aus Perfektion, sondern aus dem Mut, Dinge anders zu denken. Und aus Geschwindigkeit. Wer neue Ideen nicht ausprobiert, verliere Zeit – und Märkte. „Es ist manchmal besser, erst einmal voranzugehen und sich anschließend für Fehler zu entschuldigen – als immer erst nach einer Erlaubnis zu fragen“, charakterisierte Guericke eine im Silicon Valley weit verbreitete Einstellung.
Unordnung als Prinzip
Zugleich zeichnete Guericke ein Bild von Arbeitswelten im Wandel. Starre Unternehmenshierarchien lösten sich zunehmend auf, individuelle Akteure träten stärker in den Vordergrund. Nicht mehr das Organigramm einer starren Unternehmensstruktur bestimme die Wertschöpfung, sondern zunehmend Netzwerke aus Individuen. Innovation bedeute in diesem Zusammenhang nicht nur Erfinden, sondern vor allem Umsetzen.
Dabei blieb er nicht im Digitalen stehen. Eher beiläufig, aber mit Nachhall, sprach Guericke davon, dass das Physische zurückkehrt: Robotik, neue Materialien, sensorische „Haut“ für Maschinen. Für solche Entwicklungen brauche es Präzision, Ausbildung und Detailbewusstsein – also klassische industrielle Stärken, mit denen Deutschland punkten könne. Kein Heilsversprechen, aber ein mutmachender Hinweis darauf, dass auch Ordnung in Zukunft eine große Bedeutung hat.
Blick nach China
Ebenfalls den Blick „in die Ferne“ wagte anschließend Maximilian Butek, der für die Außenhandelskammer in Shanghai arbeitet und von dort aus live berichtete. Er fokussierte auf das Thema Geschwindigkeit als strategischer Faktor. Perfektion sei in China weniger wichtig als Tempo. Produkte würden auf den Markt gebracht, weiterentwickelt, während sie bereits genutzt werden. Für deutsche Unternehmen liege darin weniger eine Bedrohung als eine Lernchance. Es gehe nicht mehr darum, Produkte so lange zu optimieren, bis sie bei ihrem Erscheinen veraltet sind. Stattdessen müsse der Mut gefunden werden, auch mit weniger Perfektion die Märkte zu erobern.
Zwischen Sicherheit und Tempo
Der anschließende Wirtschaftstalk holte das Thema zurück in die Region. Moderiert wurde die Dreier-Runde von IHK-Hauptgeschäftsführer Christoph von Speßhardt, der die Diskussion entlang der Leitfrage von Ordnung und Unordnung führte. Auf dem Podium trafen mit Niedersachsens Innen- und Digitalisierungsministerin Daniela Behrens, der Industrie-Unternehmerin Ulrike Schrage und dem Kaufhaus-Betreiber Fabian Stackmann drei sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander.
Ulrike Schrage schilderte eindrücklich, was unternehmerischer Mut in unsicheren Zeiten bedeutet. Trotz schwieriger Konjunktur habe sie bewusst investiert, Verantwortung übernommen und damit Unordnung zugelassen, wo Stillstand drohte. „Veränderung entsteht nicht durch Abwarten, sondern durch Handeln“, sagte sie – allerdings nur, wenn Mitarbeiter mitgenommen und Entscheidungen erklärt würden. Fabian Stackmann knüpfte daran an und beschrieb Veränderung als Prozess, der selten geräuschlos verläuft. Innovation bedeute für ihn, intern auch Unordnung auszuhalten, nach außen aber Verlässlichkeit zu bewahren. Zudem richtete er einen Appell an die Politik: „Oft wird versucht, sich aus der eigenen Verantwortung ein Stück weit rauszunehmen und andere Behörden oder Vorgaben vorzuschieben. Da wünsche ich mir mehr Flexibilität, mehr Mut, mehr Bereitschaft, auch eigenes Risiko zu übernehmen – und es eben dann im Worst Case auch mitzutragen.“
Innenministerin Daniela Behrens betonte, dass der Staat in Zeiten multipler Krisen Ordnung schulde, zugleich aber lernen müsse, schneller zu werden und Perfektion nicht länger zum Maßstab zu machen. „Gesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft müssten akzeptieren, dass Fortschritt oft erst im Nachjustieren entsteht.“ Und auch von Speßhardt forderte, dass der Staat dort Ordnung garantieren müssen, wo Unternehmen es nicht könnten – bei Sicherheit, Infrastruktur und Verlässlichkeit –, sich aber zugleich aus übermäßiger Regulierung zurückziehen. Sein Fazit der Runde und sein Ausblick: „Wir wollen uns nicht nur wieder in der Beschreibung der Probleme, die wir alle kennen, ergehen – sondern mit Zuversicht rausgehen ins neue Jahr.“
Musik als verbindendes Element
Immer wieder unterbrochen wurde das inhaltlich dichte Programm von musikalischen Beiträgen der Big Band des Vincent-Lübeck-Gymnasiums. Mit viel Applaus bedacht, sorgten sie für Leichtigkeit zwischen den Debatten und erinnerten daran, dass Ordnung und Unordnung auch Rhythmus brauchen.
Am Ende blieb vor allem ein Eindruck: Zukunft entsteht nicht aus einem Entweder-Oder. Sie braucht Strukturen, die tragen, und Freiräume, die bisweilen irritieren. Der Neujahrsempfang der IHK Elbe-Weser machte deutlich, dass genau in dieser Balance die Chance der Region liegt.
