Kooperation! Kommunikation! Kreativität! Kritisches Denken!

Foto: TUHH/Lina NguyenFoto: TUHH/Lina Nguyen

Prof. Dr. Sönke Knutzen leitet das Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik sowie das Zentrum für Lehre und Lernen (ZLL) der TUHH. In Forschung und Lehre setzt er sich seit vielen Jahren mit mediengestützten Lernformen sowie deren Umsetzung in der beruflichen und akademischen Bildung auseinander. Seit 2012 ist Knutzen Vizepräsident Lehre an der TUHH. 2013 erhielt er den Deutschen Bildungsmedienpreis „digita“ in der Kategorie „Berufliche Bildung und Studium“. Er ist Mitinitiator der im Frühjahr 2015 ins Leben gerufenen Hamburg Open Online University (HOOU), entwickelt aktuell das digital.learning.lab gemeinsam mit der Hamburger Schulbehörde, ist Mitglied im Hochschulforum Digitalisierung sowie im Zukunftsrat der Körberstiftung. Im Frühjahr hat er die „Partnerschaft für exzellente Lehre“ zusammen mit der TU München und der ETH Zürich ins Leben gerufen. Foto: TUHH / Verena Brüning

Das TUHH-Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik: Prof. Dr. Sönke Knutzen über die Forschungsorientierte Lehre, den Ingenieur der Zukunft und die Chancen der Interdisziplinarität

Das digitale Zeitalter verändert alles – auch die Art und Weise, wie an Universitäten gelehrt wird. Mit der Frage „Wie lernen wir in der Zukunft?“ befasst sich die Technische Universität Hamburg (TUHH) bereits seit Jahren intensiv und hat mit Prof. Dr. Sönke Knutzen, Leiter des Instituts für Technische Bildung und Hochschuldidaktik, einen Fachmann an Bord, der als Vizepräsident für Lehre entscheidend an die Lehr- und Lernstrukturen arbeitet. Ziel ist es dabei nicht mehr, die Studenten mit Wissen vollzustopfen, sondern Absolventen ins Berufsleben zu entlassen, die über die fachliche Qualifikation hinaus soziale Kompetenzen mitbringen und damit für eine neue Generation von Ingenieuren stehen. Für den Universitätsbetrieb bedeutet das: Die Zeiten, in denen Professoren vor vollen Hörsälen dozierten und das so vermittelte Wissen anschließend in den Prüfungen abfragten, sind weitgehend vorbei. Heute zählen selbstständiges Arbeiten, Projektorientierung und praktische Erfahrung. Der Student wird vom Hörer zum Forschenden. Prof. Knutzen spricht von der Forschungsorientierten Lehre.

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Oberflächlich betrachtet klingt das nach einem eher spielerischen Konzept – und tatsächlich verfügt die TUHH über eine große Werkstatt, in der die Studenten praktische Erfahrungen sammeln und theoretische Modelle in Hardware umsetzen können. Im FabLab stehen auch 3D-Drucker und Laser-Cutter zur Verfügung. „Die Grundlagen müssen natürlich trotzdem vorhanden sein – um die Mathe- und Mechanik-Scheine im Grundstudium kommt man nicht herum“, sagt Knutzen. Doch im Laufe des Studiums vollzieht sich ein Paradigmenwechsel, der dazu führt, dass der Ingenieursnachwuchs selbstständiger und eigenverantwortlicher agiert. Die Forschungsorientierte Lehre betont die praktische Erfahrung am Objekt und stellt zugleich einen neuen Lehrprozess dar – was auch eine Herausforderung für die Professoren darstellt.

Die Grundidee entstammt übrigens nicht der TUHH, sie wurde an der Humboldt-Universität in Berlin entwickelt und für die Belange der TUHH angepasst. Knutzen: „Wir haben an der TUHH das Zentrum für Lehre und Lernen, kurz ZLL, eingerichtet, denn das praktische Lernen gilt ja nicht nur für die Studenten, sondern auch für die Professoren. Jedes Jahr stellen etwa zwölf Kollegen ihre Lehrkonzepte auf den Prüfstand und lassen sich beraten. Auf diesem Wege haben wir mittlerweile 140 aktive ‚Umbauten‘ von Lehrveranstaltungen gemacht. Mittlerweile haben 75 von unseren gut 90 Professoren diesen Prozess durchlaufen.“ Und: „Die Inanspruchnahme des ZLL ist freiwillig. Das ist besonders wichtig, denn es braucht das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Veränderung und ein klares Ziel.“

Lehre auf dem Prüfstand

Das ZLL wird aus Fördermitteln finanziert, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung bereitgestellt hat. Die TUHH bewarb sich um diese Mittel und bekam für den Zeitraum 2012 bis 2020 zehn Millionen Euro. Knutzen: „Damit haben wir ein sehr erfolgreiches Projekt aufgebaut, das wir nach Ende der Förderung verstetigen werden.“ Das ZLL hat sich bewährt und soll weiter bestehen. Und so sieht das Konzept praktisch aus: Im ZLL sind 20 Experten für Hochschuldidaktik angestellt – Fachleute, von denen die TUHH-Institute praktische Hilfe bei der Umsetzung der Forschungsorientierten Lehre bekommen können. Knutzen: „Wir bieten ganz praktische Unterstützung an. Wir können wissenschaftliche Mitarbeiter in den Institute finanzieren, die dort gemeinsam mit den Professoren innovative Lehr- oder Prüfungskonzepte entwickeln. Alle sechs Dekanate der TUHH profitieren davon.“ Konkret führt die Forschungsorientierte Lehre in größeren Modulen auch dazu, dass insgesamt weniger Prüfungen absolviert werden müssen.

Die neue Lehrkultur

Diese neue Lehrstruktur lässt sich hervorragend mit den Konzepten verbinden, die im Hamburg Innovation Port an der Blohmstraße im Binnenhafen umgesetzt werden sollen (siehe auch Seite 3). Knutzen: „Hier werden wir das Zusammenspiel von Forschung, Lehre, Technologietransfer und Innovation auf herausragende Weise umsetzen können!“ Er ist bereits jetzt begeistert von den Ergebnissen, die durch die neue Lehrkultur erzielt wurden: „Daraus sind eine Reihe großer Studentenprojekte entstanden. So hat die Studentengruppe HULKs mit ihren Fußballrobotern in diesem Jahr gemeinsam mit den Bremer Kollegen von B-Human den Mixed-Weltmeisterschaftstitel in Japan geholt. Oder nehmen wir das Thema E-Mobilität: Mit dem ‚egnition‘ bringen unsere Studenten jedes Jahr einen neuen Rennwagen heraus – dieses Mal sogar ein autonomes Fahrzeug, das die Strecke lernt und dann optimiert abfährt. Der Fahrer ist nur aus Sicherheitsgründen an Bord. Und das Beste: Die Studenten organisieren das alles komplett allein, selbst die Kooperationen mit Unternehmen. Solche TUHH-Absolventen sind hochinteressant für die Wirtschaft.“

Die Beispiele stehen für den neuen Typus des Ingenieurs. Prof. Knutzen: „Sie zeigen, was eine Uni auch sein kann. Und sie bilden die vier Ks ab: Kooperation, Kommunikation, Kreativität und Kritisches Denken. Das ist es, was wir unseren Studenten zusätzlich zu den fachlichen Grundlagen mit auf den Weg in die Wirtschaft geben wollen. Wenn das gelingt, haben wir viel geschafft.“

Der Weg in die Zukunft

Für Prof. Knutzen stehen im weiteren Entwicklungsprozess der TUHH drei Themen besonders im Fokus:

  • „Die Studierendenschaft ist deutlich heterogener geworden, als die Universitäten es von früher gewohnt sind. Das bedeutet, dass wir für alle etwas anbieten müssen – für die Studierenden, die noch etwas aufzuholen haben ebenso wie für die richtig guten Studenten. Wir werden 2019 mit einem Orientierungsjahr starten, das den Studierenden helfen soll, sich besser einzuschätzen, Lücken zu schließen und die richtige Studienwahl zu treffen. Zusätzlich haben wir ein neues, attraktives Profil entwickelt: Ergänzend zum Ingenieurstudium und den dort erforderlichen 180 Leistungspunkten kann zukünftig ein Extrazertifikat mit weiteren
    30 Leistungspunkten erworben werden – zum Beispiel in dem Fach Design, Wirtschaft, Projektmanagement oder in den Sozialwissenschaften. Dazu muss zwar gegebenenfalls ein Semester drangehängt werden, es bietet aber die Möglichkeit, weit über den Tellerrand hinauszublicken und das zukünftige Tätigkeitsspektrum deutlich zu
    erweitern.“
  • „Wir entwickeln aktuell gemeinsam ein neues Leitbild, wobei es uns um eine Kombination aus wissenschaftlicher Fachlichkeit mit Verantwortung und Interdisziplinarität geht. An den Rändern der Disziplinen entsteht die meiste Innovation! Ein gutes Beispiel bietet Facebook: Hier wurde Informationstechnologie mit Sozialpsychologie gekoppelt. Daraus ist ein Weltunternehmen geworden. Und gleichzeitig sieht man hier, wie wichtig die Verantwortungsübernahme ist.“
  • „Die Digitalisierung ist ein Treiber gesellschaftlicher Veränderungen, häufig mit disruptiver Wirkung. Und wir stehen erst am Anfang. Beispiel Industrie 4.0 – das ist ein typisches Ingenieursthema. Wir stehen an der Schwelle, wo sich vieles verändern wird. Das heißt aber für uns: Wir bilden heute Leute aus, von denen niemand weiß, wie sie in 40 Jahren arbeiten werden. Die Berufsbiografien werden sich verändern. Als Hochschulen sind wir gefordert, unsere Rolle im Bereich ‚lebenslanges Lernen‘ zu finden und einzunehmen. Mit ContinuING haben wir dazu ein Pilotprojekt aufgelegt. Es ermöglicht Interessenten aus der Wirtschaft, um Uni-Umfeld zu arbeiten und weiter zu forschen. Das praxis- und forschungsnahe Weiterbildungsangebot für die Industrie am Wirbelschichtreaktor im Institut für Feststoffverfahrenstechnik und Partikeltechnologie (siehe B&P-Ausgabe Juni 2018, Anm. d. Red.) ist ein gutes Beispiel hierfür. Das ist ein ganz neuer Ansatz von industrienaher und passgenauer Weiterbildung. “

Die TUHH gehört zu den Gründungsmitgliedern der Hamburg Open Online University (HOOU) – ein kostenloses Angebot aller Hamburger Universitäten, die Interessenten die Möglichkeit eröffnen, sich mit akademischen Themen zu befassen. Auch das ist ein Schritt in die Zukunft. Und damit steht Hamburg nicht allein. Die 90 Top-Universitäten weltweit stellen ihre Lehrangebote unter „edX – Online courses from the world‘s best universities“ zur Verfügung. Knutzen: „Man sieht deutlich: Die Grenzen fallen weg.“ Er ist sicher: „Die Uni 2030 sieht nicht mehr so aus wie heute. Es wird sich alles rasant verändern. Als TUHH verfolgen wir das aufmerksam und werden diese Veränderungen aktiv mitgestalten. Unser Ziel ist es, eine der besten Technischen Universitäten im Norden zu werden.“ wb

Web: https://www.tuhh.de/tuhh/uni/struktur/vizepraesident-lehre.html; www.itbh-hh.de