Ein bewegendes Projekt

Diese alte Tankstelle soll in Stade demontiert und komplett zum Kiekeberg transportiert werden. Sie wird Teil der 1089. Königsberger Straße.

Christoph Frenzel ist der translozierende Architekt für das Projekt Königsberger Straße, das im Freilichtmuseum am Kiekeberg in den kommenden fünf bis sechs Jahren realisiert werden soll. Ehrenamtlich engagiert er sich im Altstadtverein
Buxtehude und im örtlichen Heimat- und Geschichtsverein, dessen Baubeauftragter er auch ist. Fotos: Frenzel und Frenzel

Für das Freilichtmuseum am Kiekeberg: Frenzel und Frenzel macht Immobilien mobil und baut Deutschlands 1089. Königsberger Straße

E s gibt in Deutschland sage und schreibe 1088 Straßen, die den Namen der ostpreußischen Stadt Königsberg tragen (seit 1946 Kaliningrad). Nun kommt die 1089. Königsberger Straße hinzu – als Museumsstück auf dem Gelände des Freilichtmuseums am Kiekeberg in Ehestorf. Christoph Frenzel, Inhaber und Geschäftsführer des renommierten Buxtehuder Architekturbüros Frenzel und Frenzel, ist mit der baulichen Umsetzung des außergewöhnlichen Projekts beauftragt, denn die neue Königsberger Straße soll mit typischen Gebäuden bestückt werden, wie sie zwischen 1950 und 1970 in ländlichen Neubausiedlungen entstanden. Fünf der sechs Hauptobjekte sind bereits gefunden. Manche werden nachgebaut, andere sollen quasi im Stück eingepackt und nach Ehestorf transportiert werden. Christoph Frenzel steht nun vor der Aufgabe, Immobilien mobil zu machen – ein im wahrsten Wortsinn bewegendes Projekt.

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Sechs typische Bauwerke

Das sind die sechs typischen Bauwerke, die die museale Königsberger Straße bilden sollen: eine Tankstelle aus Stade, ein Siedlungsdoppelhaus, ein Siedlungshaus aus Tostedt, ein Geschäftshaus aus Meckelfeld, ein Quelle-Fertighaus aus Winsen und ein Aussiedlerhof, der noch gesucht wird. Eng verbunden mit der Siedlung der Nachkriegszeit ist auch das Thema Migration. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen mehr als zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene nach Deutschland und wurden hier integriert – die Grundlage für das dann einsetzende Wirtschaftswunder. Diese Zeit will das Freilichtmuseum am Kiekeberg konservieren und trifft damit unvorhergesehen auf die höchstaktuelle gesellschaftliche Flüchtlingsdiskussion. Doch wie baut man eine Königsberger Straße? Dazu Christoph Frenzel: „Wir starten noch in diesem Jahr mit dem Siedlungsdoppelhaus, denn dort soll auch die Zentrale dieses Abschnitts mit einer Sonderausstellung im Erdgeschoss eingerichtet werden. Museumsfreunde können sich also schon mal auf eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit einstellen. Das Doppelhaus wird nach alten Plänen rekonstruiert, das heißt: „Wir nehmen die exakten Maße eines dieser Häuser und bauen es eins zu eins nach, allerdings nach modernen Energiestandards“, erläutert Frenzel.

Wesentlich komplizierter wird der nächste Schritt. „Wir haben ein Siedlungshaus in Tostedt gefunden, dass komplett transloziert wird. Das heißt: Wir schaffen es ins Freilichtmuseum nach Ehestorf, und stellen es dort wieder hin.“ Um dieses Vorhaben zu bewerkstelligen, greift Frenzel auf digitale Technologie zurück und scannt das Haus zunächst einmal ein. Die Maße sind unter anderem auch nötig, um die Fahrstrecke für den Tieflader festzulegen, denn: Das Objekt wiegt um die 300 Tonnen und hat Ausmaße, die nicht überall hindurchpassen. Frenzel: „Wir werden das Dach abdecken, eventuell auch etwas einkürzen müssen. Dann versuchen wir, das Haus leichter zu machen – etwa auf 250 Tonnen.“ Der Architekt hat Erfahrung mit solchen Aktionen und schon einmal einen ganzen Tanzsaal transloziert. Dazu werden die Objekte in ein Korsett aus Beton und Stahl verpackt, um sie stabil auf den Spezialtransporter hieven zu können. Fenster und Türen werden ausgebaut. Die Tostedt-Ehestorf-Reise des Hauses soll im Sommer 2019 stattfinden.

Der translozierende Architekt

Zu den weiteren Objekten zählt eine alte Stader Tankstelle, die ebenfalls komplett umziehen soll, wobei das damals typische Betondach separat unterwegs sein wird. Das halbrunde, eingeschossige Geschäftshaus mit sechs Läden soll rekonstruiert werden. Eine weitere Translozierung betrifft das Quelle-Fertighaus aus Winsen, das ungewöhnlicherweise ein Satteldach besitzt – anstelle der von Quelle damals angebotenen Flachdächer. Das Haus aus dem Katalog hat es dem translozierenden Architekten angetan: „Ich finde es faszinierend, auf welch kompakter Größe der Grundriss steht – und trotzdem funktioniert! An diesem Objekt sieht man auch gut, wie unsere Bedürfnisse mittlerweile gewachsen sind.“

Fünf bis sechs Jahre sind für den Bau der 1089. Königsberger Straße angesetzt. Als letzte Maßnahme soll ein Aussiedlerhof transloziert oder rekonstruiert werden. In allen Fällen geht es nicht nur um die Geschichte der Gebäude, sondern auch um die der Bewohner und Nutzer. Christoph Frenzel, der mit seinem Büro normalerweise eher in der nichtmusealen Welt unterwegs ist, hat sich dennoch begeistert um dieses Projekt beworben – zumal das Museum bereits in der zweiten Generation von den Buxtehuder Architekten betreut wird. Er sagt: „Wir reißen ständig Häuser ab und verdichten die Bebauung nach. Gerade deshalb finde ich es so spannend, nicht alles wegzuwerfen.“ Frenzel ist Jahrgang 1969 – die Königsberger Straße stellt also auch die Welt seiner Eltern in jungen Jahren dar.

„Die Gebäude sollen auch so wie früher eingerichtet werden. Die 50er- und 60er-Jahre sind in unserer heutigen Welt kaum noch präsent, aber sie waren eine wichtige Phase der jüngeren Geschichte unseres Landes. Außerdem kommt alles irgendwie einmal wieder, auch gestalterische Elemente aus den 60ern tauchen in der Architektur wieder auf – zum Beispiel amorphe Formen und Grundrisse“, sagt der Architekt. wb

>> Web: https://frenzelundfrenzel.de/, http://kiekeberg-museum.de/koenigsberger-strasse.html

Frenzel und Frenzel ist ein vielseitiges Architekturbüro, das nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch im Gewerbebau eigene Akzente setzt. Die Fotos zeigen eine Auswahl aktueller Projekte, darunter der Bau von 48 Wohnungen im Fischbeker Heidbrook (siehe auch Seite 30). Weitere 54 Wohneinheiten in drei Mehrfamilienhäusern sollen 2019 folgen. In Buxtehude entstehen 35 Wohnungen am Schützenhofweg, 74 Wohnungen werden derzeit in Achim gebaut. In Berlin baut Frenzel und Frenzel sogar ein Hochhaus. Ob Kindertagesstätte (Drochtersen), Sporthallensanierung (Steinkirchen), Schulbau (BBS Buxtehude), Autohäuser (Buxtehude) oder klassische Gewerbebauten – die Buxtehuder kommen mit ihren Ideen gut im Markt an. Das führt in manchen Fällen auch zu Kettenreaktionen, wie Christoph Frenzel berichtet: „So haben wir im Gewerbegebiet Hollenstedt fast eine ganze Straße gebaut.“ In diesem Fall nicht die Königsberger Straße, sondern die Straße An der Ihlsbeck . . .