„Es gibt keinen Rechtsanspruch auf Idylle“

Wilfried_Seyer_Foto_WLHWilfried Seyer Foto: WLH

WLH-Chef Wilfried Seyer geht in den Ruhestand: Rückblick auf eine bewegte Gründerphase – Ausblick auf einen florierenden Wirtschaftsstandort

Eine Heideallergie hat er bislang nicht entwickelt, aber manchmal hätte nicht viel daran gefehlt. Als Wilfried Seyer vor 20 Jahren auf einem neu geschaffenen Posten antrat, eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Landkreis Harburg (WLH) aufzubauen, traf er auf die reine Idylle. Und auf nicht wenige Skeptiker in den politischen Gremien, die eher mit Argwohn darauf schauten, was denn eine Wirtschaftsförderung wohl bewirken solle. Trotzdem hatte der Kreistag für fünf Jahre jeweils
60 000 Mark bereitgestellt, um den Wirtschaftsmotor in Gang zu setzen. 300 000 Mark – das war eine Stange Geld. Wie viele Bänke hätten davon entlang der Heidewanderwege aufgestellt werden können . . .

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Wilfried Seyer kam aber nicht als Landpfleger zurück in seinen Heimatkreis (er wuchs in Holm-Seppensen auf). Der in Buchholz ausgebildete Verwaltungsmann hatte bereits zehn Jahre lang im dreiköpfigen Kernteam der Wirtschafts- und Aufbaugesellschaft Stormarn (WAS) daran mitgewirkt, die Basis dafür zu legen, dass der Hamburger Osten heute eine stark florierende Wirtschaftsregion ist. Dennoch: Die Grünen im Kreistag waren zwar gegen eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft, wollten aber den Vorsitz im Aufsichtsrat. CDU und FDP waren Fürsprecher. Und die SPD-Granden der damaligen Zeit empfingen Seyer mit der Ansage, die WLH sei „ein auf fünf Jahre befristetes Experiment“. Kurz: Der Empfang hätte herzlicher nicht sein können.

Träume von Erika & Co.

Am Ende waren Hans-Heinrich Schmidt, ehemals Bürgermeister in Buchholz, und der Buchholzer Liberale und Kreistagsabgeordnete Jürgen Kempf die Haupttreiber – und so wundert es auch nicht, dass die WLH ihren Standort in Buchholz bekam. Der Grund für den zögerlichen Empfang? Die Politik im Landkreis Harburg setzte auf Erika & Co. und träumte davon, einen Boom im Heidetourismus auszulösen. Allerdings nicht zu doll. Seyer im Rückblick auf die Stadtphase: „Der Landkreis hatte schlicht keine Lust auf ein Wirtschaftswunder.“

Wilfried Seyer ließ sich davon nicht schrecken – er stellte die Kennzahlen des Landkreises zusammen und sorgte mit einem seiner ersten Berichte für Ernüchterung: Der Landkreis hatte in den zurückliegenden 20 Jahren zwar ein Bevölkerungswachstum von 102 Prozent gehabt, jedoch nur neun Prozent mehr Arbeitsplätze gewonnen. Der Wirtschaftsförderer: „Das kam nicht überall gut an. Aber so war es: Deutschland boomte, und der Landkreis Harburg träumte weiterhin vom Heidetourismus.“

Das war oberflächlich betrachtet nicht einmal ein Problem, denn dank der Nähe zu Hamburg herrschte keine nennenswerte Arbeitslosigkeit. Der Landkreis Harburg gefiel sich in der Rolle des Hamburger Vorgartens. Doch damit fand sich Seyer nicht ab: „Es gibt keinen Rechtsanspruch auf Idylle. Wir hatten einen dramatischen Kaufkraftabfluss zu verzeichnen und unseren Bürgern wenig zu bieten, wo sie ihr Geld hätten ausgeben können. Auch die demografische Entwicklung stand nicht im Fokus.“

Finanziell unabhängig seit 2002

Auf dieser Basis legte Wilfried Seyer los, entwickelte im Auftrag der Kommunen binnen 20 Jahren zehn Gewerbegebiete und schaffte etwas, das von allen Wirtschaftsförderern in der Nachbarschaft mit Neid, aber auch Respekt betrachtet wird: Bereits seit 2002 ist die WLH finanziell unabhängig und nicht mehr auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen – ein herausragendes Ergebnis, für das es Gründe gibt. Die WLH durfte Flächen kaufen, entwickeln und verkaufen. Und sie hatte mit Wilfried Seyer einen ausgewiesenen Finanz- und Verwaltungsexperten mit Erfahrung als Wirtschaftsförderer an ihrer Spitze. Er manövrierte die WLH virtuos durch die Untiefen der Verwaltung und lebte vom Grundstücksgeschäft.

Der Blick auf die Startseite der Landkreis- Homepage zeigt: Bis heute dominiert die Idylle offenbar in den Köpfen: blühende Obstbäume, Heidekutschen, Dahliengärten und natürlich Heidschnucken. Das ist der erste Eindruck. Doch der trügt. Längst hat sich im Landkreis ein reges Wirtschaftsleben entwickelt. Und die Hamburg-Nähe ist mehr als sichtbar: Viele Flächen werden von Logistikunternehmen belegt – Container versus Heideforelle. Seit 1998/99, dem Startjahr der WLH, sind 1900 neue Jobs im Landkreis Harburg entstanden. Wilfried Seyer und sein Team haben wesentlichen Anteil daran, dass sich ein wirtschaftsfreundlicheres Klima ausgebreitet hat und dass es mittlerweile auch attraktive Einzelhandelsstandorte gibt.

Ein Meilenstein: Im Mai 2014 wurde an der Bäckerstraße in Buchholz das ISI Zentrum für Gründung, Business & Innovation eröffnet und ist seitdem dauerhaft ausgebucht. Seyers Vision für diese Einrichtung bewahrheitete sich in vollem Umfang. 2017 wurde die „Wirtschaftsregion Nordheide“ gegründet – sie umfasst die sechs entlang der A1 gelegenen Gewerbegebiete und reicht mit dem Gauß’schen Bogen in Bispingen sogar bis in den Heidekreis. Hier werden kommunale Grenzen einfach mal ausgeblendet. Wilfried Seyer: „70 Hektar klingt doch schon mal ganz anders als sieben Hektar.“

TIP – eine neue Liga

Sein größtes Projekt wird der Wahl-Tostedter Seyer nicht mehr selbst umsetzen, aber der in Buchholz geplante Technologie- und Innovationspark TIP markiert eine neue Liga innerhalb der Wirtschafsförderung und wird deshalb sogar im benachbarten Harburg mit Interesse verfolgt. Die Idee: Im TIP sollen universitäre Einrichtungen zum Thema Nachhaltigkeit und Logistik vereint werden. Kooperationsvereinbarungen mit den umliegenden Unis liegen bereits vor. Der TIP soll zugleich Campus, Gründer- und Gewerbegebiet werden.

Seyers Prognose für die kommenden Jahre: „Wir sind hier kein industrieller Raum. Ich denke, es wird in Zukunft nicht mehr nur um Flächen gehen – das Bürothema wird stärker in den Mittelpunkt rücken. Also weniger Werkbank, mehr Digitalisierung und Büronachfrage. Die Logistik bleibt ein großes Thema. Eine der größten Herausforderungen ist indes die Infrastruktur. Ohne Glasfaser geht nichts mehr. Und mittelfristig müssen wir auch auf das 5G-Netz schauen, wenn wir den Anschluss behalten wollen.“

Seine Aufgabe wird das nicht mehr sein. Wilfried Seyer will sich jetzt Zeit für Dinge nehmen, die bislang häufig auf der Strecke geblieben sind: „Einfach mal genießen, nicht irgendetwas tun zu müssen . . .“ Und falls seine Expertise erwünscht ist: „Ein bisschen Consulting wäre durchaus denkbar, aber möglichst nicht im Landkreis Harburg. Ich will hier nicht der Schatten-Wirtschaftsförderer werden. Und außerdem habe ich nach 50 Jahren Arbeit irgendwie auch das Gefühl, das das eigentlich auch genug ist . . .“ Von Wolfgang Becker