So wird aus Forschung ein nutzbringender Beitrag für die Gesellschaft

Das Tutech-Team Forschungsmanagement: Jürgen Becker (von links), Thomas Sperling, Assistentin Yana Mahnke und Wiebke Cramer. Foto: Jochen KilianDas Tutech-Team Forschungsmanagement: Jürgen Becker (von links), Thomas Sperling, Assistentin Yana Mahnke und Wiebke Cramer. Foto: Jochen Kilian

Folge 3: Thomas Sperling und sein Team erläutern das Forschungsmanagement der Tutech Innovation

Thomas Sperling ist ein Mann der ersten Stunde. Als sich vor 25 Jahren die Tutech als erste deutsche Transfergesellschaft überhaupt formierte, „war ich Teil des ersten Projektes“, erinnert er sich. Heute ist Sperling Mitglied der Tutech-Geschäftsführung, Prokurist und Leiter der Abteilung Forschungsmanagement. Der Name des Arbeitsbereiches ist so allumfassend wie die Liste der Projekte, die bei Thomas Sperling, Jürgen Becker und Wiebke Cramer auf den Schreibtischen liegen. Unter dem gemeinsamen Dach beraten alle mit unterschiedlicher Fachexpertise. Die Luftfahrt spielt dabei eine wichtige Rolle, denn gerade in diesem Bereich sind auch die Forscher an der TU Hamburg aktiv – in der Folge ergeben sich hier wertvolle Ansätze, die am Ende dazu führen sollen, dass aus Forschung Produkte von allgemeinem Nutzen werden. Sperling, von Haus aus Physiker: „Wir managen Forschung unter dem Blickwinkel, dass sich daraus nützliche Anwendungen und Umsetzungen ergeben.“ Auch die Arbeitsbereiche von Jürgen Becker und Wiebke Cramer weisen darauf hin, dass der Geschäftsbereich Forschungsmanagement vielfältige Aufgaben und Inhalte bereithält. Becker, ursprünglich Lehrer für Geschichte und Geografie, betreut den Bereich Klimaforschung und -anpassung – ein hochspannendes Thema, denn wer aus dem Fenster schaut, hat das stetige beklemmende Gefühl, dass sich da draußen gerade etwas verändert. Sommer? Gibt es nicht mehr. Winter? Auch nicht wirklich. Jedenfalls gefühlt. Stattdessen sorgen zunehmend Starkregenereignisse für Probleme. Jürgen Becker bietet deshalb unter anderem Förderberatung für Kommunen in der Metropolregion Hamburg an, die sich mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen müssen, wenn beispielsweise deren Abwassersysteme kollabieren und sich 60 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde in die Siele ergießen. Wiebke Cramer ist Politologin und bewegt sich unter dem Dach der Tochtergesellschaft Hamburg Innovation ebenso im Dreieck zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, was Thomas Sperling bildhaft als Triple Helix bezeichnet: drei miteinander verschlungene Aktionsstränge, die die Akteure im Wissenstransfer widerspiegeln. Im Falle von Wiebke Cramer geht es schwerpunktmäßig um die Themen Medizintechnik , Erneuerbare Energien und industrielle Biotechnologie. Konkret: „Die Auftragsforschung sowie das strategische Begleiten von Forschungskooperationen in diesen Feldern haben immer nachhaltige Prozesse, neue Produkte und langfristige Kooperationen zum Ziel“, sagt sie. Sperling ist als Abteilungsleiter unter anderem mit den Themen Industrie 4.0 (Digitalisierung) und Luftfahrt, Elektronik und vielem mehr befasst. Für alle Themen gilt: „Unser Ziel ist es, Wissen nutzbringend anzuwenden.“

Man muss die Welt beobachten

Doch wie funktioniert das? Thomas Sperling hat eine fast philosophische Antwort parat: „Man muss die Welt beobachten. Probleme orten und einordnen. Ideen wahrnehmen. Und Themen erkennen. Daraus ergeben sich Impulse für unsere Arbeit. Des Weiteren schauen wir, wo sich Impulse im öffentlichen Bereich finden: zum Beispiel durch Förderprogramme oder Gesetzesänderungen.“ Forschungsmanager müssen demnach kreative Suchende sein, mit guten Kontakten sowohl zu Wissenschaftlern als auch Unternehmen. Sperling sagt: „Ich besuche als Berater ein Unternehmen und komme mit ganz viel Wissen wieder heraus. Und denke dann darüber nach, wo sich ansetzen ließe. Unsere Arbeit basiert genau genommen auf chaotischen Prozessen.“ Und Wiebke Cramer fügt hinzu: „Wir bewegen uns in einem großen Netzwerk – und bringen die passenden Leute zueinander. Tutech kann dabei eine Technologieentwicklung bis hin zur Marktreife unterstützen.“

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Beispiel Flugzeugbau

Und das kann dauern, wie ein Aviation-Beispiel aus dem eigenen Hause zeigt. Seit Jahren wird das Unternehmen mb+Partner begleitet. Für Schlagzeilen sorgten die Gründer, Jan Binnebesel und Till Marquardt, als sie ihre Idee vom fahrwerklosen Flugzeug vorstellten. Tutech half dabei, Forschungsmittel zu beschaffen, sodass die Ingenieure ihren Beitrag zur Energieeinsparung beim Fliegen weiter verfolgen konnten. Klar ist: Wer sich an so ein Thema heranwagt, muss die großen Flugzeughersteller auf seiner Seite haben. Ohne sie geht nichts. Hier hilft nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit anderen Netzwerken wie dem Luftfahrtcluster Hamburg Aviation. Der Entwicklungsprozess dauert an, Kontakte zu den Weltmarktführern bestehen. Ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur kommerziellen Nutzung der Technologie wird aktuell mit der Entwicklung eines mobilen, landebahnunabhängigen und automatischen Start- und Landesystems für fahrwerklose unbemannte Flugzeuge im Rahmen des Projektes REALISE (www.REALISE. aero) begangen. Thomas Sperling: „So ein Projekt ist sehr komplex. Uns ist es gelungen, einen Maschinenbauer vor Ort zu vermitteln, der sich beim Bau der Prototypen engagiert. So verstehen wir Forschungsmanagement.“

Beispiel Medizintechnik

Etwas anders gelagert ist die Aufgabe von Wiebke Cramer, die für die Schwestergesellschaft Hamburg Innovation aktiv ist und Service für alle Universitäten der Hansestadt anbietet, wobei nicht jedes Institut für den Wissenstransfer unter ökonomischen Aspekten gleichermaßen relevant ist. Sie koordiniert unter anderem das Forschungszentrum Medizintechnik Hamburg (FMTH), in dem die TU Hamburg und die Uniklinik Eppendorf interdisziplinär zusammenarbeiten. Da geht es um Themen wie Bildgebung, vernetzte Implantate und Biomobilität, bei denen TU-Professoren aus den Bereichen Elektrotechnik, Maschinenbau, Informatik und sogar Schiffbau mit Ärzten aus den Disziplinen Neurologie, Neuro-Radiologie, Kardiologie und Onkologie in Forschungsprojekten zusammenarbeiten. Ein konkretes Thema ist beispielsweise die Ultraschallanwendung während einer Computertomografie, um Herzprobleme bei Ungeborenen rechtzeitig zu diagnostizieren. Hier hat sich bereits eine erfolgreiche Gründung etabliert. Dass gute Kontakte zur Wirtschaft, Verbänden und der Politik hilfreich sind, liegt auf der Hand. Diese Netzwerke bieten die Tutech-Forschungsmanager. Und das offenbar mit Erfolg, wie Wiebke Cramer sagt: „Wenn Tutech oder Hamburg Innovation das Projektmanagement übernimmt, kam es bisher zu fast 100 Prozent zu einem Anschlussprojekt.“

Wieder anders gelagert ist die Arbeit von Jürgen Becker. Ein Beispiel: Wenn das Sperrwerk der Krückau bei Hochwasser in der Elbe gesperrt ist und zeitgleich starker Regen im schleswig-holsteinischen Hinterland gefallen ist, schwillt das Flüsschen so stark an, dass es das Abwassersystem von Elmshorn nicht mehr schafft, alles aufzunehmen. In der Folge drohen Überschwemmungen. Becker: „Elmshorn hat massive Probleme mit Regenwasser. Unsere Aufgabe ist es, konkrete Untersuchungen und Vorschläge zu machen, wo das überschüssige Wasser aufgenommen werden kann, bevor es Elmshorn erreicht.“ Die wasserbaulichen Untersuchungen erfolgen im Rahmen eines Klimaanpassungsprojekts durch Professor Peter Fröhle, Leiter des TUHH-Instituts für Wasserbau.

Beispiel Klimawandel

Die Forschung kann zwar Lösungen aufzeigen, aber umsetzen muss die Politik. Konkret: Hier stehen die Interessen einzelner Gemeinden gegen die der Kleinstadt Elmshorn. Wer jemals Kommunalpolitik beobachtet hat, kann sich die Diskussionen vorstellen, wenn plötzlich das „Elmshorner Wasser“ in fremde Grabensysteme geleitet werden soll. Da ist der Konflikt programmiert – eine Topaufgabe für Fachleute wie Becker. Er ist unter dem Tutech-Dach der Mann mit den Klimakontakten in der Metropolregion, managt die jährliche Hamburger Bildungswoche „Wetter, Wasser, Waterkant“ und versucht unter der fachlichen Leitung von Prof. Fröhle, das Regenwassernetz von Elmshorn und dem Umland klimawandeltauglich zu gestalten. Ähnlich wie sie es bereits zuvor mit dem Einzugsbereich der Este gemacht haben mit den „Bausteinen für die Anpassung an den Klimawandel“.

Drei-Säulen-Finanzierung

Das finanzielle Fundament des Tutech-Forschungsmanagements steht auf drei Säulen: einem Anteil an den Einnahmen aus der Auftragsforschung, öffentlichen Mitteln, die für Projekte ausgeschrieben wurden, und Honoraren für Beraterleistungen. Das Projektmanagement betrifft drei Arbeitsbereiche: Beratung (Fördermittelberatung, Technologieberatung), Matching (Partnervermittlung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft) sowie Wissensvermittlung.

25 Jahre Tutech

Die im Harburger Binnenhafen ansässige Tutech Innovation GmbH wurde vor 25 Jahren, am 7. Oktober 1992, unter dem Namen TUHH-Technologie GmbH als hundertprozentige Tochter der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) notariell beurkundet. Deutschlands erste privatwirtschaftliche Technologietransfergesellschaft. Seitdem sind nach diesem Vorbild an vielen Hochschulen ähnliche Gesellschaften gegründet worden. Im Jubiläumsjahr wird Tutech im Rahmen einer Artikelserie in Business & People über die Aktivitäten aus 25 Jahren und die Zukunftsperspektiven berichten.