Der Hamburger Handel plant eine eigene Digital-Akademie

Empfinden Sie die Digitalisierung eher als Chance oder als Bedrohung?

Grüter: Sie ist ja nicht vermeidbar. Wir haben nur eine Chance zu überleben, wenn wir mitmachen. Und zwar qualitätsvoll mitmachen. Eine Alternative gibt es nicht.

Anzeige

Herr Krupke, bei Ihnen ist die Situation eher eine andere, oder?

Krupke: Das ist eine Frage der Definition. Der Alltag eines B2B-Verkäufers fängt damit an, dass er nicht mehr mit dicken Katalogen durch die Welt zieht, sondern die Produkte auf dem iPad zeigt. Das ist Standard, aber ist das auch schon Digitalisierung? Wir haben im Rahmen der Fortbildung schon vor acht Jahren Webinare eingeführt, die der Handelsvertreter unterwegs online wahrnehmen konnte. Insgesamt herrscht in der Öffentlichkeit immer noch so ein bisschen die Vorstellung, dass das B2B-Geschäft vom Online-Handel nicht so betroffen sei. Aber das ist nicht wahr.

Verbrauchsgüter, die nachbestellt werden, werden online bestellt – oftmals automatisch. Aber: Der Wert eines Verkäufers ist ja nicht der, Nachbestellungen aufzunehmen. Ich habe also mehr Zeit, neue Kunden zu gewinnen, intensiver zu beraten, neue Produkte in den Markt zu bringen. Das ist auch eine Chance. Dazu muss man die Automatisierungsprozesse zulassen – dafür werben wir als Verband. Wir müssen Vordenker und Wegweiser sein. Gerade auf dem Gebiet der Digitalisierung.

Herr Tschirch, wie stellt sich der AGA zur Digitalisierung?

Tschirch: Die digitale Transformation bedeutet für die Wirtschaft und damit für den Handel eine Zeiten- und eine Trendwende. Früher galt „Die Großen fressen die Kleinen“, heute gilt „Die Schnellen überholen die Langsamen“. Es geht um fundamentale Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – ob es die Absatzwege sind, die Beschaffungswege, die Personalarbeit oder die Kommunikation und das Marketing. Das wiederum bedeutet, dass sehr viel investiert werden muss, gerade in die Infrastruktur. Es kann nicht sein, dass sich Wirtschaft nicht mehr entwickeln kann, nur weil die Infrastruktur fehlt. Wir brauchen nicht fünf oder zehn Mbit/s, sondern 200 Mbit/s als Standard überall dort, wo Menschen leben und wo sich Wirtschaft entfalten soll. Aber auch die Unternehmen müssen investieren – zum Beispiel in die Qualifizierung der Mitarbeiter.

Bieten Sie auf der Ebene Nordhandel Fortbildung zu diesem Thema an?

Tschirch: Gemeinsam mit unserem Bildungswerk bieten wir Fortbildung an, werden das aber mit der Implementierung einer eigenen Digitalakademie weiter ausbauen. Wir wollen das Kompetenzzentrum für digitales Wissen werden.

Grüter: Das muss man sich mal vorstellen: Die Verbraucher sind heute so gut informiert wie noch nie. Jeder Käufer, der einen Laden betritt, weiß in der Regel mehr als der Verkäufer selber. Das ist eine Riesenaufgabe. Das Verkäuferbild wird sich total verändern. 

Krupke: Bei Saturn finden Sie keine normalen Preisschilder mehr, sondern kleine Displays, die man sofort vom Rechner aus verändern kann. Die können also sofort reagieren, wenn im Online-Handel ein Preis niedriger ist, und anpassen. Auch das ist Digitalisierung.

Tschirch: Wichtig ist, das Online- und Offline-Handel engstmöglich miteinander verzahnt sind.

Grüter: Es wird auch ein neues Berufsbild geben – Einzelhandel, Groß- und Außenhandel zusammen. Das ist auch eine Revolution.

Tschirch: Auch den Kaufmann für E-Commerce wird es geben. Unsere Berufsschulen müssen da technisch und personell jetzt schnell aufstocken.