Hier guckt das Handwerk in die Röhre

Foto: Wolfgang BeckerHandwerksmeister Rainer Kalbe

Rainer Kalbe, Inhaber und Geschäftsführer von Hartmann Haustechnik, über den grassierenden Baustoff- und Materialmangel.

Das grüne Kanalrohr kommt wie gerufen für das Foto. Es steht sinnbildlich für eine ungewohnte Situation, denn selbst KG-Rohre, beispielsweise für den Bau von Abwassersystemen, sind derzeit Mangelware. Die Rohre reihen sich in eine ganze Liste von betroffenen Produkten ein, die am Bau verwendet werden. „Dass sich bestimmte Materialien mal eine Zeit lang stark verteuern, das kennen wir ja, aber dass die Regale leer bleiben, hatten wir so noch nicht“, sagt Rainer Kalbe, Inhaber und Geschäftsführer von Hartmann Haustechnik (Heizung, Bäder, Sanitär) in Wilhelmsburg. Als stellvertretender Bezirkshandwerksmeister in Harburg weiß er, dass auch andere Gewerke zum Teil erheblich betroffen sind. Für die Kunden bedeutet das im schlimmsten Fall Bauverzögerung, für das Handwerk dagegen die Notwendigkeit, viel weiter im Voraus zu planen. Das rät Rainer Kalbe auch jedem, der einen Neu- oder Ausbau beziehungsweise eine Sanierung vorhat.

Kalbe: „In der Vergangenheit hatten wir vor allem mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Immerhin wurde die Kundschaft dadurch etwas sensibilisiert, früher zu beauftragen – so konnten wir dann einigermaßen sicherstellen, dass die nötigen Fachkräfte termingemäß einsatzfähig sind. Das heißt konkret: Wer heute sein Bad neu fliesen lassen möchte, der bekommt vor dem Winter keinen Termin. Jetzt hat sich die Situation weiter verschärft, denn nun kommt der Baustoffmangel hinzu.“ Der Meister weiter: 2005 hatten wir schon mal etwas Ähnliches. Damals war der Wirtschaftsriese China aufgewacht und kaufte den Weltmarkt für Armaturen leer. Die deutschen Hersteller waren begeistert und verkauften die nachgefragten Produkte containerweise nach Fernost. Die Stammkundschaft in Deutschland hatte das Nachsehen.“

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„Jetzt haben wir hier DDR pur“

Einen ähnlichen Fall erinnert Rainer Kalbe im Zusammenhang mit den besagten KG-Rohren (damals orange, heute gern auch grün), die für Abwasserleitungen verwendet werden: „Von 2005 bis 2010 hatten wir plötzlich Preissteigerungen von 40 Prozent. Allerdings: Ob ein Meter Rohr nun 3,50 oder fünf Euro kostet, das fällt am Ende nicht so stark ins Gewicht. Wenn es aber keine Rohre mehr im Handel gibt, dann wird es kritisch, denn dann gerät alles ins Stocken. Kein KG-Rohr heißt konkret: keine Bodenplatte für das neue Haus. Was das bedeutet, kann sich jeder ausrechnen. Dann bricht die gesamte Terminplanung zusammen.“

Noch können sich die meisten Betriebe irgendwie behelfen, wie Kalbe sagt, aber die Mangelsituation verschärft sich eher: „Jetzt haben wir hier DDR pur: Schlangen vor den leeren Kanalrohr-Regalen. Das hat eine ganz andere Qualität als die bisherigen Engpässe.“ Der Mangel (mehr zum Thema im Beitrag über die bauwelt Delmes Heitmann auf Seite 22) hat seine Ursachen im Fehlen bestimmter Kunststoffe. Auch Dämm-Material und Trockenbau-Bauelemente sind betroffen.

Planungsstart vorziehen!

Was ist also zu tun? Rainer Kalbe: „Das ist wie beim Run auf das Toilettenpapier, als der erste Lockdown nahte. Wer das Geld und den Platz hat, der bunkert. Rohre, Dämmstoffe, Bauteile aus Buntmetall und Edelstahl. Betroffen sind nicht nur die Sanitär- und Heizungsbau-
Firmen wie wir, sondern auch andere Gewerke. Elektrobetriebe bunkern Kabel, Zimmerleute Holz. Auch Silikon ist betroffen, aber das hat ein Verfallsdatum – da lohnt es nicht, sich jetzt einzudecken. Milch kann man ja auch nicht auf Halde legen, und H-Silikon ist noch nicht erfunden.“

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Der Harburger Unternehmer hat in seinem Betrieb in Wilhelmsburg immerhin viel Platz, sodass er zumindest die Dinge einlagern kann, die er für zugesagte Aufträge braucht: „Zum Beispiel Heizungsanlagen. Aber wir legen uns nichts auf Verdacht ins Lager, denn das hat bei den schnellen Entwicklungen unserer Zeit gar keinen Sinn. Die Hersteller verändern ihre Produkte permanent, sodass dann nachbestellte Teile, insbesondere in der Regelungstechnik, schon nach wenigen Monaten nicht mehr zusammenpassen.“

Fazit: Spontanes Bauen und Sanieren ist unter den aktuellen Umständen nicht mehr möglich. Rainer Kalbe rät: „Bauvorhaben, die absehbar sind, sollten in der Planung möglichst sechs bis zwölf Monate vorgezogen werden, denn dann haben wir die Chance, technische Geräte und Materialien rechtzeitig zu beschaffen. Wer zu spät kommt, der ist außen vor.“ Dies gelte insbesondere, wenn der Bauherr spezielle Wunschprodukte einbauen will. wb

>> Web: www.hartmann-haustechnik.info