Jetzt ist der Lkw-Fahrer ein Mangelberuf

Stephan Ruppe vertritt innerhalb des Gesamtverbandes Verkehrsgewerbe Niedersachsen GVN etwa 800 Unternehmen in den Bezirksgruppen Lüneburg-Wolfsburg und Stade. Sein Büro hat er im Haus des Verkehrsgewerbes im Stader Industriegebiet Ottenbeck. Foto: GVN

GVN-Bezirksgruppengeschäftsführer Stephan Ruppe über die angespannte Fachkräftesituation im Verkehrsgewerbe

Die Zahlen sagen alles: Während das Verkehrsgewerbe immer lauter über fehlende Fachkräfte, hier insbesondere Lkw- und Bus-Fahrer, klagt, deutet alles darauf hin, dass das Verkehrsaufkommen in den nächsten gut zwölf Jahren noch deutlich zunehmen wird. Ausgehend von 2010 rechnet das Bundesverkehrsministerium bis 2030 mit einem Zuwachs der Güterverkehre um rund 30 Prozent. Auf die Straße als Hauptverkehrsträger entfallen davon fast drei Viertel – kurz: Wer soll eigentlich all diese Lastwagen künftig verantwortungsvoll und gut ausgebildet fahren? Kein Wunder, dass die Branche laut Alarm schlägt. Dabei ist ein Grund für die angespannte Lage an der Trucker-Front hausgemacht, wie Stephan Ruppe, Geschäftsführer der Bezirksgruppen Lüneburg-Wolfsburg und Stade im Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen e.V. (GVN), im Gespräch mit B&P berichtet.

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Ruppe spricht für etwa 800 Unternehmen allein in seinem Zuständigkeitsbereich. Sie teilen sich je zur Hälfte auf den Güterverkehr und den Personenverkehr (Busse, Taxen, Mietwagenunternehmen) auf. In ganz Niedersachsen gibt es rund 3000 angeschlossene Unternehmen, darunter vor allem auch Spediteure und Fuhrunternehmen. Der Fahrermangel macht sich quer durch alle Betriebe bemerkbar. Dazu Ruppe: „Seit Abschaffung der Wehrpflicht fällt die Bundeswehr als großer aktiver Ausbilder aus. Bundesweit brauchen wir aktuell pro Jahr etwa 40 000 neue Fahrer. 10 000 werden von den Fahrschulen ausgebildet – und bis 2010 kamen jährlich noch 15 000 über die Bundeswehr hinzu. Die fallen jetzt seit Jahren weg und beschleunigen das Problem enorm. Dieser Rückgang kann auf dem regulären Ausbildungsweg kaum kompensiert werden.“ 2011 wurden die letzten Rekruten eingezogen, dann war Schluss. Seitdem fehlt der Fahrernachschub.

„Das zweite Problem ist der demografische Wandel. 30 Prozent aller Fahrer gehören heute der Altersgruppe 55plus an, die stehen dem Arbeitsmarkt also in absehbarer Zeit nicht mehr zur Verfügung. Nur acht Prozent sind unter 35 Jahre alt. Und es gibt so gut wie keinen Nachwuchs“, sagt Stephan Ruppe. Und: „Was wir heute an Mangel sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das richtige Problem wird uns erst in den kommenden zehn Jahren mit voller Wucht treffen.“ Schon heute stünden viele Lkw auf den Höfen, weil es schlicht zu wenig Fahrer gäbe. „Das wird zunehmend ein Problem für die Wirtschaft.“ Das Just-in-time-Konzept funktioniere zwar noch, aber das gelte bei Teilladung nur noch bedingt: „Mal eben eine Palette just in time in Wischhafen anliefern? Das wird schwierig.“

Der Verband will den Mitgliedern helfen, die Eigenkräfte zu aktivieren. Ruppe: „Wir unterstützen Betriebe, die ausbilden. Der Anspruch an die Berufskraftfahrer wird immer größer und komplexer. Eine Möglichkeit ist die Gründung von Ausbildungsverbünden, so wie es in Seevetal der Unternehmer Detlev Dose von STS bereits vor einigen Jahren initiiert hat. Und wir müssen etwas für das Image tun, aber das geht nur langfristig.“

An der Gehaltsfront sieht Ruppe bereits Verbesserungen. Im Durchschnitt zahle der Unternehmer im Norden Niedersachsens seinem Fahrer 2300 bis 2500 Euro brutto: „Für den Mindestlohn setzt sich niemand mehr hinters Lenkrad.“ Was häufig nicht klappt, ist der Umgang mit den Fahrern am Zielort. Ruppe spricht vom „Brennpunkt Rampe“. Schlechte Behandlung sei an der Tagesordnung – auch das sei ein Problem. Trotzdem werde es ohne Lkw-Fahrer nicht gehen. Ruppe: „Autonomes Fahren – das wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Der Begriff automatisiertes Fahren trifft es besser. Berufskraftfahrer haben einen zukunftsträchtigen Job mit besten Perspektiven.“ wb

Web: www.gvn.de