Zwischen Kundennähe und Digitalisierung

Foto: Wolfgang BeckerAlles automatisch: Für das Foto hat sich Apothekerin Johanna Borutta-Sobakpo in den Kommissionier- Automaten gestellt, ein autonom arbeitendes System mit zwei Robotern, die Medikamente wegsortieren – und wiederfi nden. || Foto: Wolfgang Becker

B&P VOR ORT: 50 Jahre Markt Apotheke in Neugraben – Gespräch mit Johanna Borutta-Sobakpo

Auspacken? Ja! Aber einsortieren? Da schüttelt Johanna Borutta-Sobakpo mit dem Kopf: „Das macht der Automat vollautomatisch.“ Und er kann noch mehr, wie die Inhaberin der Markt Apotheke Neugraben erläutert. Der „Kommissionier-Automat“ ist das digitale Herzstück der Apotheke. Angelieferte Medikamentenpackungen werden nur noch auf das Laufband gelegt, der Strichcode wird vom Scanner erfasst und einer von zwei Robotern greift sich die Packung, merkt sich einen Platz und legt sie irgendwo im Regalsystem ab – chaotische Lagerführung nennt sich das. Ist das der erste Schritt zur autonomen und durchdigitalisierten Apotheke? Dieser Gedanke passt nicht ins Konzept der überzeugten Apothekerin: „Unser größtes Plus ist eine sehr fundierte Beratung – auch ungefragt. Wir wollen, dass unsere Kunden informiert sind und auch wissen, was sie da an Medikamenten einnehmen.“

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50 Jahre ist es her, dass der Gründer, Apotheker Burkhard Schütze, die Perspektive im künftigen Neugrabener Einkaufszentrum erkannte und sinnbildlich die Fahne mit dem roten A in den Boden an der Marktpassage rammte. Seine Tochter: „Er gründete die Apotheke im Ärztehaus – und das stand hier so ziemlich allein auf weiter Flur. Aber: Mein Vater wusste, dass Karstadt in Neugraben eröffnen würde. Das versprach Kundschaft auch für die umliegenden Geschäfte.“ Bis zu 800 Kunden wurden täglich vom Apotheker Schütze versorgt – mit Medikamenten und vielem mehr, was Apotheken im Programm haben.

1997 übernahm Johanna Borutta-Sobakpo die Apotheke ihres Vaters. Als Pharmazeutisch- Technische Assistentin (PTA) hatte sie sich zunächst eher zögerlich in seine Fußstapfen begeben und dann dank des Unternehmer- Gens schnell gemerkt, dass sie selbst entscheiden und gestalten wollte: „Da blieb nur ein Pharmazie-Studium.“ Und anschließend die Übernahme einer eigenen Apotheke. Plötzlich hatte sie 20 Mitarbeiter. 2005 dann ein Meilenstein: „Wir konnten gegenüber eine doppelt so große Fläche mieten.“ Auch hier stehen die Kunden trotz großzügiger Räume nicht selten geduldig in der Schlange. Johanna Borutta-Sobakpo: „Wir konzentrieren uns auf das Hauptgeschäft – die Versorgung der Menschen vor Ort mit Medikamenten.“
Die Zeit ist dennoch nicht stehen geblieben, und deshalb erledigt heute auch der eingangs erwähnte Kommissionier-Automat die Lagerhaltung der Medikamente. Und noch mehr: Das Gerät ist mit dem Securpharm- System ausgestattet, mit dem Arzneimittelfälschungen identifi ziert werden können. Die Chargenerkennung sorgt dafür, dass der Weg jeder Packung zurückverfolgt werden kann. Auffällige Medikamente kommen bis zur Klärung „in Quarantäne“ – der Automat sichert sie. Die Apothekerin: „Das passiert hier alles vollautomatisch und ist ein Argument für den Einkauf vor Ort – wir bieten Sicherheit, die es im Online-Versand so nicht gibt.“
40 000 Artikel hält die Markt-Apotheke vor. Neben 17 000 Medikamenten sind das vor allem ausgesuchte Kosmetika, Diabetes-Produkte (Hilfsmittel, Messgeräte), Hilfsmittel für Patienten in verschiedenen Pfl egestufen (Thema Inkontinenz) und Kompressionsstrümpfe, die individuell angepasst werden müssen. Johanna Borutta-Sobakpo: „Wir verstehen uns als Problemlöser und bemühen uns, auch die Dinge zu beschaffen, die schwieriger zu bekommen sind, weil sie beispielsweise spezielle Wirkstoffe enthalten. ‚Geht nicht‘ gibt es bei uns nicht. Wenn es eine Lösung gibt, fi nden wir sie.“ Ausgefallene Rezepturen werden auch vor Ort hergestellt – Salben, Kapseln, Zäpfchen. Apotheken sind verpfl ichtet, eine eigene Rezeptur vorzuhalten, einen Raum für die Medikamentenherstellung. Davon profi tieren Kunden mit Unverträglichkeiten, Hautärzte und Kinderärzte, die für ihre Patienten entsprechende Dosierungen anfertigen lassen können, die im Handel so nicht angeboten werden. Kunden, die nicht mobil sind, werden kostenlos beliefert.

In besonderen Fällen werden in der Markt Apotheke Neugraben sogar „ausgestorbene Medikamente“ wieder zum Leben erweckt, „wenn sie Kunden so besonders gut helfen, aber nicht mehr im Handel zu bekommen sind“, sagt die Apothekerin, die in ihrem Unternehmen 16 Menschen beschäftigt, darunter drei Apothekerinnen, drei PTAs und drei pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA). Somit steht das rote A auch für Arbeitgeberin. Außerdem bilden Johanna Borutta-Sobakpo und ihr Team seit vielen Jahren regelmäßig PTAs und PKAs aus. Sie sagt: „Wir sind eine lebhafte Apotheke, bei uns gibt es immer was Neues zu entdecken. Uns liegt der Stadtteil am Herzen, wir engagieren uns vielfältig. Und wir sind mehrsprachig für unsere Kunden da: außer natürlich auf Deutsch auch auf Englisch, Russisch und Türkisch.“

Im Spektrum zwischen Kundennähe und Automatisierung hat sich die Markt Apotheke Neugraben noch eine besondere Nische erobert: „Wir kennen uns im Bereich der Tierarzneimittel aus und können speziell Haltern von Hunden und Katzen helfen. Normalerweise wird dieses Thema im Tierfachhandel abgedeckt, aber da liegt der Schwerpunkt auf Handel. Arzneien erfordern spezielles Wissen. Und das haben nur Apotheker“, sagt Johanna Borutta-Sobakpo.

Web: www.markt-apotheke-neugraben.de