Klimahaus Bremerhaven: Symbol für einen Zeitenwandel

Immer wieder neu: Das World Future Lab zieht verstärkt junge Gäste ins Klimahaus. Foto: Klimahaus Bremerhaven

Seit seiner Eröffnung vor zehn Jahren ist das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost als eine zentralen Touristenattraktion in der Stadt zu deren Wahrzeichen und zum Symbol für einen Zeitenwandel geworden.

Ich will dir etwas zeigen. Etwas Besonderes und Schönes will ich dir zeigen… Ich werde dir die Menschen zeigen und die Orte, wo sie leben. Und ich werde dir die Orte vertraut und die Menschen zum Freund machen. Ich will dir etwas zeigen. Die Erde will ich dir zeigen. Ihre Schönheit…

Anzeige

Ein paar einfache Sätze – berührend, nachdenklich stimmend. Welche Macht in diesen Worten steckt, ist am Abend des 27. Juni 2009 wenige Minuten vor der Tagesschau zu spüren. Als vier Kinder diese Sätze sprechen, untermalt von Klaviermusik, begleitet von beeindruckenden Bildprojektionen auf die Wände rundherum, wird es für einen Moment ruhig in dem großen Foyer. 700, 800 Menschen halten inne. Gänsehautsekunden, unvergesslich.

Nur etwas mehr als einen Wimpernschlag später brandet Beifall auf. Der Musiker und Umweltaktivist Bob Geldof, Bremens damaliger Regierungschef Jens Börnsen, Bremerhavens Oberbürgermeister Jörg Schulz sowie die Unternehmer Dr. Carlo Petri und Arne Dunker haben gemeinsam den symbolischen roten Knopf gedrückt. Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost ist eröffnet.

Das war vor zehn Jahren. Mehr als fünf Millionen Menschen haben seither diese Sätze zu Beginn ihrer Reise durch die weltweit einzigartige Besucherattraktion gehört und sie ähnlich berührend empfunden. Und auch die Bremerhavener selbst können sich bis heute diesem Zauber nicht entziehen – auch weil das Klimahaus als zentrale Touristenattraktion in der Stadt zu deren Wahrzeichen und zum Symbol für einen Zeitenwandel geworden ist.

„Es ist Zeit“

„Es ist Zeit“ – so enden die magischen Worte zur Eröffnung. Ende der 1990er Jahre gehörten diese drei Worte zu den am häufigsten gesprochenen Sätzen in Bremerhaven. Es ist Zeit, etwas Neues zu wagen. Es ist Zeit für den Strukturwandel, es ist Zeit, Entscheidungen zu treffen. Jahrzehntelang hatten Politik und Verwaltung da schon über zukünftige Nutzungen für einen staubigen Schotterplatz in bester Lage zwischen Weserdeich und Innenstadt nachgedacht. Nach schwerwiegenden Krisen in der Fischerei und dem Zusammenbruch des Vulkan-Werften-Verbundes, soll der „Ocean-Park“ des Wiesbadener Projektentwicklers Jürgen Köllmann die Wende bringen. Doch die ehrgeizigen Pläne spalten die Stadt. Die große Schwester Bremen scheint einen Schritt weiter zu sein. Aber der Space-Park auf dem ehemaligen Werftgelände der AG Weser entpuppt sich später wie von Kritikern befürchtet als teurer Flop. Im letzten Moment können Politik und Verwaltung in Bremerhaven die Notbremse ziehen.

Bremerhaven erfindet sich neu

Auf der Suche nach einer Alternative wenden sich die Stadt und das Land an die Petri & Tiemann GmbH, die kurz zuvor mit dem Universum Science Center Bremen Maßstäbe für eine neue Kategorie von interaktiven Ausstellungen gesetzt hat. Knapp sechs Jahre dauern die Diskussionen um ein neues Projekt, dann wird am 28. August 2006 endlich der Grundstein für das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost gelegt. An der historischen Stelle, wo 1827 Bremerhaven gegründet wurde, sollte sich die Stadt neu erfinden, wie es der damalige Oberbürgermeister Jörg Schulz formulierte.

Die Zeit, die für Entscheidungen und Planungen verbraucht wurde, war für die Klimahaus-Idee ein Gewinn. 2006 präsentierte der amerikanische Politiker und Unternehmer Al Gore seine „unbequeme Wahrheit“ über die bis dahin nur von Wissenschaftlern diskutierten Ursachen für die seit Jahren beobachtete Erderwärmung. Gemeinsam mit dem Weltklimarat – korrekter Name Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC – erhielt Gore 2007 den Friedensnobelpreis. Fast über Nacht wurde das Klimahaus der passende Ort, das komplexe und komplizierte Thema auf leichte Weise zu erklären und Menschen auf spielerische Weise zum Handeln für den Klimaschutz zu motivieren.

Weltweit einmalig

Neue Sichtweisen: In der Station Sardinien erleben die Klimahaus-Besucher die Welt aus der Insektenperspektive. Foto: Hannes Voigts

Weltweit gibt es keine vergleichbare interaktive Schau, die Filmelemente und dreidimensionale Raumbilder, an den Originalschauplätzen gesammelte Stücke und künstlerische Inszenierungen miteinander verbindet. Alle Exponate sind eigens für das Klimahaus entwickelt worden und damit Prototypen. Die Pionierleistung hat ihren Preis. In den 36 Monaten Bauzeit gibt es immer wieder Rückschläge und Verzögerungen; zweimal musste die bereits geplante Eröffnung verschoben werden. Selbst am Eröffnungstag morgens kurz vor fünf und wenige Minuten bevor Donald Bäcker im ARD-Morgenmagazin live den ersten TV-Fernsehbericht aus dem Klimahaus anmoderiert, rattert irgendwo in dem komplexen Gebäude eine Schlagbohrmaschine…

Dass sich all die Mühen, die immer wieder neuen Ideen, die freiwilligen und die erzwungenen Planänderungen gelohnt haben, zeichnet sich bereits Stunden vor Beginn der eigentlichen Eröffnung ab. Am späten Nachmittag ist Gastredner Bob Geldof direkt aus Irland kommend in Bremerhaven eingetroffen. Mürrisch und schweigsam verschwindet er erst einmal im Hotel und dann im Deutschen Schifffahrtsmuseum, bevor er sich mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter der privaten Klimahaus-Betriebsgesellschaft Arne Dunker endlich auf die Reise um die Erde begibt. Schritt für Schritt, Reisestation für Reisestation, taut Geldof auf. Lässt sich in den Bann der einzigartig inszenierten Geschichte ziehen. Mag eigentlich gar nicht mehr zurückkehren in das „echte“ Bremerhaven. Der Niger hat es ihm angetan. Diese Welt kennt Geldof, mit seinen Band-Aid-Konzerten 1985 und 2005 hat er Geschichte in der humanitären Hilfe für Afrika geschrieben.

Liebesbrief und Rettungsboot

Von Station zu Station reift sein Sprachbild, mit der er dann in seiner Rede das Klimahaus so treffend charakterisiert: Es ist ein Liebesbrief an unseren Planeten. Offensichtlich erinnert er sich auch an das Rettungsboot, das ihn im Schifffahrtsmuseum fasziniert hat. Das Klimahaus passt für ihn genau in dieses Bild: „It’s a lifeboat for our planet.“

Ein halbes Jahr später scheint es so, als habe die Welt auf dieses Rettungsboot gewartet. Allein in den ersten sechs Monaten kommen fast eine halbe Million Besucher. Es sind die Menschen, die schon in den Kinderworten bei der Eröffnung im Mittelpunkt standen:

„Menschen, die lachen und weinen wie du. Menschen, die leben und überleben wollen. Die genug Sorgen haben. Die ihre Kinder lieben und großziehen wollen. So wie du.“

(Text: Wolfgang Heumer)