Eine Gratwanderung zwischen Trauer und Technik

Foto: CremTecSvend-Jörk Sobolewski und sein Sohn Thies Heinrich müssen sich als Geschäftsführer von CremTec auch mit technischen und energetischen Fragen auseinandersetzen. || Foto: CremTec

Darum ist Einäscherung auch ein Nachhaltigkeitsthema.

Das Tor geht auf, der Sarg fährt auf einer Schiene in den rot glühenden Brennraum. Das Tor im Einfahrraum schließt sich – das war der letzte Akt vor der Beisetzung. Keine Frage, im Stader Krematorium von CremTec in Ottenbeck geht es um Würde, Pietät, Erinnerung und Abschied nehmen. Aber auch um eine Frage, die Hinterbliebene eher wenig tangiert, die dennoch immer wichtiger wird: Nachhaltigkeit. Im Gespräch mit B&P gibt Gründer und Geschäftsführer Svend-Jörk Sobolewski Einblicke in eine Branche, die vor großen technischen Herausforderungen steht und sich wie jeder andere Betrieb auch mit Innovationen beschäftigen muss. Im ersten Schritt könnte in naher Zukunft die Umrüstung von Gas auf grünen Wasserstoff vorgenommen werden. Hier laufen schon erste Versuche. Bei Neuanlagen wird der Einsatz von Elektro-Öfen (betrieben mit regenerativem Strom) immer wichtiger – ein durchaus attraktiver Gedanke, auf dem letzten Weg künftig von Wind und Sonne getragen zu werden.

Zeitweise im Drei-Schichtbetrieb

Beim Rundgang durch die stilvoll gestaltete Anlage am Rande eines Wäldchens im Stader Gewerbegebiet Ottenbeck erläutert Betriebsleiter Dennis Müller das CremTec-Konzept mit Trauerraum, Cafeteria und der technischen Anlage, die aus derzeit zwei vollautomatisierten Feuerbestattungsanlagen inklusive aufwendigster Filtertechnik besteht. Zu den von der CremTec GmbH geführten Krematorien gehören die Standorte Celle, Cuxhaven, Hildesheim, Quedlinburg, Schwerin und Stade. Allein am Standort Stade werden etwa 8500 Verstorbene pro Jahr eingeäschert. In Niedersachen beträgt die Einäscherungsquote mittlerweile 69 Prozent. Tendenz steigend. Stade wurde 2017 grundsaniert und überrascht mit einem ausgefeilten Gestaltungskonzept – sakrale Elemente finden sich nicht. Der Tod ist hier eine vollkommen irdische Sache. Übrigens liegt der Anteil der Urnenbestattungen bundesweit mittlerweile bei etwa 75 Prozent.

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Im Vorraum des Einfahrraumes ist die zentrale Prozess­überwachung platziert. Die beiden Öfen werden mit Erdgas befeuert und per Video und Hightech-Messtechnik überwacht und gesteuert. Bei 750 bis 800 Grad Celsius dauert es eine Stunde, bis der Sarg verbrannt ist und die Stäube durch den Filter aufgefangen werden. Übrig bleibt ausschließlich das Kalzium der Knochenstruktur der Verstorbenen. Drei Stunden dauert der Weg vom Einfahren des Sarges bis zur Entnahme der Urne aus der Anlage. Gearbeitet wird im Zwei-Schichtbetrieb, bedarfsweise auch in drei Schichten. Zum Beispiel kurzzeitig in den schweren Grippejahren 2017/18.

Technischer Ablauf in Stade entwickelt

Sobolewski: „Mit Corona war das anders. Hier haben wir es mit einer langen Welle zu tun. Aber die Zahlen der Einäscherungen infolge der Pandemie sind gemessen an den Gesamtzahlen mit 352 Fällen in 2021 am Standort Stade nur bedingt gestiegen. Die Herausforderungen lagen woanders: Unsere Mitarbeiter mussten jeden Sarg mit einem Corona-Toten von außen desinfizieren und in Ganzkörper-Schutzanzügen bewegen.“ Was kaum bekannt ist: Bei jedem natürlich Verstorbenen wird vor der Einäscherung eine zweite amtsärztliche Untersuchung durchgeführt. Dies gilt selbstverständlich auch für Corona-Verstorbene.

Thema Technik: Als sich Sobolewski mit den technischen Details auseinandersetzte, fand er zwar alle nötigen Komponenten auf dem Markt, aber: „Den technischen Ablauf haben wir hier entwickelt.“ Im Krematorium Stade befinden sich zwei Etagenöfen. Die Haupteinäscherungskammer ist oben angeordnet, anschließend kommt die Asche auf die darunter liegende Etage in die Mineralisierungskammer und kühlt schließlich auf der letzten Etage ab. Die Rohgase werden zunächst heruntergekühlt und dann aufwendig gefiltert. Die abgereinigten Filterstäube werden als Sondermüll auf Deponien endgelagert oder in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt. Die CremTec-Anlage ist in Modulbauweise konzipiert und wird mittlerweile weltweit vertrieben, wie Sobolewski sagt.

Forschungsthema Wasserstoff

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Der Unternehmer: „Wir haben es hier mit einer Gratwanderung zwischen Trauer und Technik zu tun. Unser Ziel ist es, den Hinterbliebenen einen würdigen Abschied zu ermöglich.“ Falscher Pathos findet sich hier nicht. Wohl aber der Zwang zu Innovationen, denn auch in diesem sensiblen Geschäft stellen sich grundlegende Fragen – beispielsweise nach dem Verbrauch fossiler Brennstoffe. Svend-Jörk Sobolewski: „Neue Steuerungstechnik hat zu einer Renaissance der Elektroöfen geführt. In den Niederlanden sind beispielsweise ab 2030 keine gasbetriebenen Einäscherungsanlagen mehr erlaubt. Der Hersteller IFZW hat zusammen mit der CremTec jetzt einen neuen Elek­troofen herausgebracht – den ECone. Wir werden 2022 auf dieser Basis selber eine neue Anlage errichten.“

Im Elektroofen wird die für eine Kremation benötigte Temperatur zur Erhitzung der Schamottsteine nicht durch eine offene Flamme, sondern durch Heizspiralen im Schamott erzielt. So wird der Ofen ohne Zugabe von Sauerstoff erhitzt. Dies spart bis zu 30 Prozent Energie. Sobolewski: „Seit Jahren beziehen wir Ökostrom von Naturwatt. Ökologische Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, der wir uns stellen.“ Heute sei es schon möglich, den Öfen bis zu 60 Prozent grünen Wasserstoff als Verbrennungsenergie beizugeben. Dies sei eine sehr interessante Brückenlösung und bedeutet nicht das Aus der klassischen Thermooxidation bei Feuerbestattungsanlagen. Es bestehe die Möglichkeit, sehr viele der bestehenden Einäscherungsanlagen umzurüsten. wb

>> Web: www.cremtec.de