Wohlstand und Verfall

Foto: Süderelbe AGHeinrich Wilke || Foto: Süderelbe AG

Eine Kolumne von Heinrich Wilke

Die Sorge um die Verödung unserer Innenstädte ist nicht neu. Ich erinnere mich noch gut an Stadterneuerungsprojekte in den 80er-Jahren, die sich intensiv mit Leerständen im Einzelhandel befassten. Damals war es aber noch nicht der Online-Handel, der an allem schuld war, sondern das ungebremste Wachstum von Fachmärkten auf der „grünen Wiese“ und der demografische Wandel in den Städten. Dass der stationäre Einzelhandel in den Fußgängerzonen bis heute eine so große Aufmerksamkeit bekommt, verwundert nicht. Schließlich sind die Zentren die Visitenkarte einer Stadt, an der sich Wohlstand und Verfall ablesen lässt.

Hätten wir vor einigen hundert Jahren in einer deutschen Stadt gelebt, wären unsere Wege kurz gewesen. Unsere Stadt hätte auf wenigen Quadratkilometern nahezu alles zu bieten gehabt: Produktion, Groß- und Einzelhandel, Entertainment, Kultur, Gastronomie und Beherbergung, öffentliche Verwaltung und Dienstleistungen jeglicher Art. Unsere industrialisierten Nachkriegsstädte zeichnen sich dagegen durch getrennte Funktionen und lange Wege aus. Diese Trennung entsprach dem Wunsch der Menschen nach Ruhe und Privatleben am Feierabend.

Das globale Dorf

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Die Stadt der Zukunft könnte in mancher Hinsicht wieder mehr der mittelalterlichen Stadt der kurzen Wege ähneln. Der digitale Wandel wird dabei die Arbeits-, Wohn- und Konsumwelt und damit das städtische Leben fundamental ändern. Eingekauft wird global, konsumiert wird lokal, denn alles, was wir benötigen, wird uns zukünftig innerhalb weniger Stunden vor die Tür gestellt.

Bei vielen Menschen wird der eigentliche Einkaufsvorgang ohnehin nicht als Erlebnis wahrgenommen. Möglicherweise ist es vielmehr das Interesse an Inspiration und Interaktion, das uns antreibt, unsere Couch zu verlassen und uns auf den Weg in die Stadt zu machen? Innenstädte sind Bühnen der Inszenierung, Orte für Anreize, Ablenkung und Unterhaltung. Den Vorgang des Einkaufs im eigentlichen Sinn braucht es dafür im Grunde nicht. Es macht aus meiner Sicht auch keinen Sinn, den Rückgang des stationären innerstädtischen Einzelhandels aufhalten zu wollen.

Drei Themen sind nach meiner Auffassung für die Planung unserer Stadt von morgen von besonderer Bedeutung: die Qualität des öffentlichen Raumes, smarte Verkehrssysteme und ein radikaler Nutzungsmix. Beim Thema Nutzungsmix definieren sich die meisten Immobilienplayer aber noch immer über „ihre“ Asset-Klassen. Der eine investiert in Büroimmobilien, der andere in Nahversorgungszentren, der dritte in Mehrfamilienhäuser. „Verunreinigungen“ mit anderen Nutzungen werden nur in mikroskopisch kleinen Dosen akzeptiert.

Urban Block 4.0

Die städtische Immobilie der Zukunft könnte aber vielmehr so aussehen: Im Tiefgeschoss befindet sich ein multimodaler Mobilitätshub, das Erdgeschoss bietet Multifunktionsflächen, die als Werkstatt, Fitnessstudio, Café, Veranstaltungsraum, Co-Working-Space oder Verkaufsfläche genutzt werden können – in wechselnden Kombinationen oder zeitlich begrenzt oder alles zusammen in einem hyperflexiblen Nutzungsbereich. Darüber befinden sich Arbeits-Wohn-Lofts, Co-Living-Spaces, Wohnungen, Hotelzimmer und eine KiTa mit Dachgarten. Das Ganze hochverdichtet auf sieben bis acht Geschossen gruppiert um einen grünen, gemeinschaftlichen Innenhof.

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Chance für Harburg

Solange sich die Harburger Innenstadt vor allem als Einkaufsstadt definiert, wird sie weiter an Attraktivität verlieren, denn als Versorgungszentrum für den Hamburger Süden wird sie zukünftig immer weniger benötigt werden. Wenn sie aber den Sprung in die Multifunktionalität schafft und sich dabei als „Place-to-be“ für alle Altersgruppen und Milieus positionieren könnte, hätte sie gute Chancen, sich auch noch in 20 Jahren als attraktives Zentrum für den Hamburger Süden zu positionieren.

Auf dem Weg in die Urbane Mitte 4.0 werden sich Leerstände und städtebauliche Brüche nicht ganz vermeiden lassen. Um aber die notwendigen privaten Investitionen zu ermöglichen, bedarf es neuer Bebauungspläne und baurechtlicher Spielräume, die eine hohe städtebauliche Dichte zulassen und Korridore für flexible Nutzungen eröffnen.