Wenn die kleine Erna der alten Erna etwas vorliest . . .

Foto: SenectusTorsten Rieckmann, Geschäftsführer der Senectus GmbH || Foto: Senectus

Senectus-Geschäftsführer Torsten
Rieckmann mahnt ein nationales Konzept für die alternde Gesellschaft an und sagt: „Der große Wurf muss her!“

Alle reden darüber, aber so richtig passiert ist bis heute nicht viel. Wenn Torsten Rieckmann in die Parteienprogramme und Koalitionsverträge schaut, dann begegnet ihm das Thema Wohnen für Senioren durchaus, aber dazu fällt ihm nur ein Kommentar ein: „Alles reine Rhetorik.“ Der 47-Jährige ist seit 2006 als Projektentwickler in der Pflegebranche tätig und hat bereits mehrere Objekte realisiert. Zu seiner Berufskarriere zählen elf Jahre bei der Sparkasse Harburg-Buxtehude, danach machte er den Sprung von der Finanz- in die Immobilienbranche. Aktuell beschäftigt ihn das Wohnen für Senioren wieder ganz neu. Mit ihm sprach B&P-Redakteur Wolfgang Becker.

Beim Thema Senioren und Pflege hat man schnell den Eindruck, dass es in der öffentlichen Diskussion ausschließlich ums Geld gehen. Sind alte Menschen nur noch ein Kostenfaktor?

Der Eindruck ist sicherlich nicht falsch, aber das Thema ist vielschichtig. Tatsächlich wartet die Pflegebranche seit Jahren darauf, dass die Politik die Weichen für die Zukunft stellt. Seit Legislaturperioden steht das Thema auf der Agenda der Parteien, aber bislang geht es nur in Trippelschritten voran. Was wir nicht vergessen dürfen: Selbst Trippelschritte machen laufend betriebsinterne Anpassungen notwendig, die viele Ressourcen verschlingen.

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Wenn wir über Senioren sprechen, wen meinen wir damit eigentlich ganz genau?

Dazu gibt es ein paar interessante Zahlen. Bereits heute leben in jedem vierten deutschen Haushalt ausschließlich Menschen im Alter von über 65 Jahren. Wir haben 1,1 Millionen Ein-Personen-Haushalte mit Bewohnern der Altersgruppe Ü85. Wenn wir die Mittsechziger sehen, dann sind das ja nicht die klassischen Senioren. Die sind durchweg agil, mobil und stehen voll im Leben. Hier bereits frühzeitig attraktive Wohnangebote zu machen, könnte für diese Zielgruppe reizvoll sein. Und würde zudem eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt bringen.

Das Thema Pflege scheint da noch weit weg zu sein, oder?

Ja, aber die Welle baut sich zusehends auf. In 15 Jahren sind die Mittsechziger alle Ü80, und da sieht es dann schon häufiger anders aus.

Was bedeutet das für die Politik und die Pflegebranche heute?

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Wir müssen jetzt die Infrastruktur schaffen, um auf die Bedürfnisse dieser Altersgruppe vorbereitet zu sein.

Was für Bedürfnisse meinen Sie? Den ruhigen Alterssitz mit Blick in den Garten?

Eben nicht! Hier geht es nicht um Überleben im Alter, sondern um Teilhabe am Leben. Um Lebensqualität. Die entsteht, wenn die kleine Erna der alten Erna etwas vorliest. Wenn es Berührungspunkte zwischen den Generationen gibt. Soziale Kontakte sind lebenswichtig: Durchmischte Quartiere zum Beispiel in Form eines Seniorencampus‘ bieten vielschichtige Möglichkeiten von Begegnungen und Kommunikation. Natürlich wünschen sich Senioren auch Komfort beispielsweise durch barrierefreie Wohnungen und Sicherheit. Da reicht dann zumeist schon ein 24-Stunden-Notrufknopf, aber eben auch die Perspektive, im Pflegefall vor Ort bleiben zu können und nicht alle Kontakte zu verlieren.

Seniorencampus klingt interessant – gibt es solche Konzepte schon?

Wir haben soeben in Kummerfeld auf rund 30 000 Quadratmetern Fläche ein Pflegeheim fertiggestellt und sprechen dort nun mit der Politik über einen Senioren-Campus, also eine mögliche Mischung aus betreutem Wohnen, Tagespflege, stationärer Pflege, aber eben auch einer Kita, Wohnungen für Familien und – ganz wichtig – Mitarbeiterwohnungen. Aber wie es immer so ist: Häufig entfacht die Politik eher hemmende Wirkung, so sieht der Gesetzgeber beispielsweise eine strikte Trennung von ambulanter und stationärer Pflege vor. So werden gute, nämlich „stambulante“ Pflegeangebote verhindert. Die Politik hatte sogar vor, die Vergütung für die Tagespflege deutlich zu reduzieren, was allerdings nach erheblichen Protesten nicht weiterverfolgt wurde.

Mit welchen Problemen kämpft die Branche noch?

Für die Entwicklung von Senioren-Immobilien sind hohe Baukosten, Baustoffpreise und fehlende Grundstücke vielerorts ein großes Problem. Wir sprechen ja gerade nicht von der grünen Wiese draußen vor der Stadtmauer, sondern von einem integrierenden Ansatz. Das heißt: Bauen in den Zentren.
Und: Personalmangel ist ein Riesenproblem. Pflegekräfte müssen gut bezahlt werden! Aber heute sind wir ja schon stolz, dass Azubis ihre Ausbildung nicht mehr selbst bezahlen müssen. Das ist die Realität. Es muss also an allen Fronten etwas passieren – wir brauchen den großen Wurf.

>> Web: www.senectus.de