Bremerhaven-Geestemünde: Ein Stadtteil hat am Wasser Fuß gefasst

Der Bremerhavener Stadtteil Geestemünde öffnet sich immer mehr zum Wasser. Luftfoto: Scheer

Die Verbesserung ist schon sichtbar: Dass Geestemünde ans Wasser gegangen ist, hat den Stadtteil bereits deutlich aufgewertet.

Gleich hinter dem Weser Yacht Club endete bis vor wenigen Jahren die Welt. Zumindest war den Bewohnern von Bremerhaven-Geestemünde der Zugang zu den Wasserflächen des alten Handelshafens versperrt, der ihren Stadtteil prägt. Mittlerweile sind die Zäune gefallen und sogar erste Wohnhäuser direkt am Hafen entstanden. „Das hat deutliche Impulse für unseren Stadtteil gegeben“, freut sich Thomas Ventzke, der als Standortmanager der „Kümmerer“ des Stadtteils ist, wie er es selbst bezeichnet.

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Geestemünde ist der bürgerlich geprägte Teil Bremerhavens. Doch die gediegene Fassade aus der Zeit, als hier noch Werften und Fischerei florierten, bröckelt. Im einstigen Geschäftsviertel zwischen Schiller- und Georgstraße und rund um die Grashoffstraße haben in den vergangenen Jahren immer mehr alteingesessene Einzelhandelsgeschäfte geschlossen. „Es ist die selbe Situation wie in jeder Großstadt“, ist Ventzke überzeugt: „Die kleinen Geschäfte können sich nicht gegen die Konkurrenz auf der grünen Wiese und zunehmend im Internet behaupten. Und wenn die Inhaber in Ruhestand gehen, finden sie häufig keine Nachfolger.“

Die Lücken im einst guten Einzelhandelsmix tun doppelt weh. Zum einen schrumpft der Kundenstrom, den es in den Stadtteil zieht. Zum anderen vermitteln die Leerstände ein düsteres Bild. Ventztke versucht deshalb in mühevoller Kleinarbeit, die Hauseigentümer ausfindig zu machen und mit ihnen eine neue Nutzung für die leerstehenden Läden zu entwickeln.

Positive Impulse

Immerhin ist Geestemünde bislang noch von einer großflächigen Entwicklung wie in Lehe verschont geblieben: „Es gibt hier zwar auch zwei oder drei Schrottimmobilien, aber das ist noch überschaubar.“ Positive Impulse erhofft sich der Standortmanager von einigen Vorhaben der Stadt. An der Grenze zum Fischereihafen und dem Nachbarstadtteil Wulsdorf ist eine neue Schule und ein neues Polizeigebäude geplant; die größte Schrottimmobilie des Stadtteils wird bald abgerissen, und mit dem benachbarten Werftquartier ist das Entstehen eines komplett neuen Viertels zu erkennen. Ventzke ist optimistisch: „Wir spüren jetzt schon die Veränderung zum Positiven“, sagt er, „die Richtung, die wir mit dem Schritt ans Wasser eingeschlagen haben, stimmt auf jeden Fall.“

 

Neues Quartier auf Kiel gelegt

Einst bestimmten die Niethämmer auf dem Gelände der Schichau Seebeckwerft den Pulsschlag Bremerhavens. Als Mittelpunkt des geplanten Werftquartiers könnten von dort nun Impulse für die ganze Stadt ausgehen.

Auf dem Gelände der Schichau Seebeckwerft soll in Bremerhaven-Geestemünde das Werftquartier entstehen. Foto: Heumer

Der Putz bröckelt von der Fassade. Unter dem Schriftzug „Schichau Seebeckwerft AG“ lassen Dutzende Bohrlöcher in der Wand ahnen, wie häufig der Name des Schiffbaubetriebes in den vergangenen Jahren gewechselt wurde. Der Haupteingang zur ehemaligen Hauptverwaltung der Werft ist zugewuchert. Niemand wird dieses Gebäude jemals wieder betreten, zumindest nicht, um dort Verträge zu unterschreiben. Und noch könnte der traurige Rest einer glorreichen Vergangenheit bald in den Mittelpunkt einer chancenreichen neuen Entwicklung rücken. Rund um den Helgen und das Verwaltungsgebäude soll mit dem „Werftquartier“ das größte Stadtentwicklungsprojekt Bremerhavens entstehen, das zumindest in der Fläche die „Havenwelten“ weit übertrifft. Im Frühjahr 2019 beginnt der Planungsprozess, für dessen Auftakt Stadt und Land insgesamt 710 000 Euro bereitgestellt haben.

Das „Werftquartier“ umfasst ein insgesamt 110 Hektar großes Areal, das vom Fischereihafen bis in den Stadtteil Geestemünde reicht. Im Süden grenzt es an das Schaufenster Fischereihafen, im Norden reicht es bis zur Zentrale des Alfred-Wegener-Institutes (AWI). Im Westen markiert in etwa der Fischkai die Grenze, im Osten gehören noch die Brachflächen dazu, die bis an die Georgstraße heranreichen. Pläne und Ideen für die neue Nutzung des Gebietes gibt es seit Jahren; teilweise wurden sie schon entwickelt, als die 2009 nach der dritten Insolvenz geschlossene Werft noch Schiffe baute.

Wissenschaftliche Einrichtungen

Arbeitsplätze, Wohnungen, Forschung und Freizeit – für die Nutzung der Flächen gibt es bereits konkrete Vorstellungen, die derzeit an einigen Stellen und in kleinen Schritten Gestalt annehmen. Das neue Gebäude des Von-Thünen-Instituts am Fischereihafen gehört dazu, ebenso das Technikum des AWI, dessen Bau gerade begonnen hat. Ein Gürtel von wissenschaftlichen Einrichtungen, der die Innenstadt mit dem Fischereihafen verbindet, gehörte zu den frühen Konzepten für das Areal. Gebremst wurden die Entwicklung weiterer Ideen und ihre Umsetzung vor allem durch die verbliebenen Aktivitäten auf dem Werftgelände. In dessen Süden sind immer noch Stahl- und Schiffbauer aktiv, auch im modernen Teil des Verwaltungstraktes sind Unternehmen ansässig. Die riesige Stahlbauhalle dagegen ist verwaist, seitdem „Weserwind“ mit der Produktion von Fundamenten für die Offshore-Industrie in die Insolvenz ging. Die östliche Außenwand ist das derzeit bunteste Stück Stadtentwicklung im künftigen Werftquartier. Graffiti-Künstler haben es – völlig legal – in ein beeindruckendes, mehrere 100 Meter langes Kunstwerk verwandelt.

Seitdem der Schiffbauunternehmer Dieter Petram als einer der Eigentümer des Werftgeländes mit seinen Plänen für ein markantes Hochhaus namens „Sign“ an der nördlichen Spitze ein Zeichen gesetzt hat, ist Bewegung in die Beschäftigung mit dem Gebiet gekommen. Für die Stadt könnte es sich in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Projekte der Stadtentwicklung überhaupt werden. Die riesige Brache auf der Ostseite des Werftgeländes hat das Potenzial, dort im großen Stil Wohnungen zu bauen. Die Stadt hält den Schlüssel dazu praktisch in der Hand: Die Flächen gehören bereits der städtischen Wohnungsgesellschaft Stäwog. (heu)