Coco Chanel und der 3D-Pionier

Mit diesem Hand-Scanner lassen sich die Daten von bis zu acht Meter langen Objekten erfassen.

Seit zwölf Jahren im Geschäft: Dieter Bielert verkauft, druckt, scannt und berät

Als das Buchholzer ISI-Zentrum für Gründung, Business & Innovation der Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Landkreis Harburg (WLH) vor etwa fünf Jahren eröffnet wurde und wenig später zu einem Tag der offenen Tür einlud, war Dieter Bielert einer der Stars: Mit seinem 3D-Drucker, der aus Papier Lage für Lage ein zuvor eingescanntes Objekt im dreidimensionalen Kleinformat entstehen ließ, führte er eine neue Technologie vor, deren revolutionäres Potenzial von vielen Unternehmen selbst heute noch unterschätzt wird. Bielert ist sozusagen ein heimatnaher 3D-Pionier. Mittlerweile lässt Airbus Flugzeugteile ausdrucken, das Fraunhofer-Institut IAPT in Bergedorf druckt Bremssättel für Luxusautos in Serie aus und die Maschinenbaubranche stellt sich sukzessive auf neue Zeiten ein. Und Dieter Bielert? Er verkauft erfolgreich 3D-Drucker, erledigt Druckaufträge in seiner Werkhalle am ISI-Zentrum und ist bundesweit als Berater unterwegs. Sein jüngster Auftritt: eine unterhaltsame 3D-Druck-Einführung vor Kosmetik-Spezialistinnen im Hyatt Düsseldorf – auf Einladung von Coco Chanel.

Anzeige

„Eine Agentur hatte angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, den etwa 100 geladenen Damen im Hyatt 3D-Druck zu erklären. Vorgabe: Ich musste in schwarz-weißer Kleidung erscheinen. Alle Damen im Hyatt waren ebenfalls schwarz-weiß gekleidet. Auf der Bühne stand ein Rahmen mit Vorhang, dahinter ein Podest mit einem Drucker – und ich.“ Für die Zuhörerinnen, die von Coco Chanel zu einem Verkaufsmotivations-Workshop an den Rhein eingeladen worden waren und die künftig auch den ersten in 3D-Druck gefertigten Kajalstift verkaufen sollen, hatte Dieter Bielert nicht nur einen Drucker, sondern auch 3D-gedruckte Coco-Chanel-Logos mitgebracht. Hightech zum Anfassen. Solche Auftritte sind natürlich eher die Ausnahme, aber wenn er aus seinem beruflichen Leben erzählt, erscheint die eigentlich technische Welt des 3D-Drucks plötzlich in buntesten Farben.

3D-Druck aus Maisstärke

Der 3D-Druck aus Papier ist längst Geschichte. Bielert: „Die Herstellerfirma konnte am Ende keinen neuen Drucker auf den Markt bringen.“ Heute entstehen die Objekte aus verschiedenen Kunststoffen, teils sogar auf Basis von Mais- und Kartoffelstärke. Er sagt: „Das Material ist biologisch abbaubar, aber man muss ehrlicherweise sagen: Das dauert wirklich lange.“ Die Objekte sind von herkömmlichem Kunststoff haptisch kaum zu unterscheiden.

268 schwere Knochen

Obwohl das Geschäft des umtriebigen Jesteburgers eigentlich der Verkauf der Geräte ist, so nimmt der Bereich der 3D-Dienstleistungen (Auftrags-Scan und -Druck) und des 3D-Consultings mittlerweile die Hälfte seiner Arbeitszeit aus. Dieter Bielert: „Ich habe die Scanner und Drucker ja hier – also können sie auch eingesetzt werden.“ Die Aufträge sind völlig unterschiedlich. Mal geht es um den Druck von Gebäudemodellen für ein Maklerunternehmen, mal um Propeller-Bauteile für die Hamburger Schiffsversuchsanstalt. Ein Hersteller medizinischer Instrumente ließ alle Produkte einscannen, um ein digitales Archiv für die Steuerung der CAD-Fertigung anlegen. Und das Naturkundemuseum Hamburg ließ mal eben die 268 schweren Knochen eines ausgewachsenen Finnwals einscannen – als digitale Grundlage für wissenschaftliche Untersuchungen. Bielert: „Das dauerte zwei Wochen.“

Ehefrau in Originalgröße

Doch es geht auch noch spezieller: Ein Unternehmer, frisch verheiratet, will seiner Ehefrau ein Denkmal setzen und eine lebensgroße Marmorstatue anfertigen lassen. Der Bildhauer arbeitet in Indien. Als Vorlage für den Meister hat Dieter Bielert die Dame einscannen lassen und sie dann lebensgroß ausgedruckt – so kann der Bildhauer die korrekten Maße vom Kunststoffmodell abnehmen. Das Ausdrucken dauerte etwa eineinhalb Wochen. Mittlerweile ist das 3D-Objekt nach Indien verschifft. Bielert: „Es gibt auch Kundinnen, die bei mir eine Schneiderpuppe mit den exakten persönlichen Maßen bestellen. Die werden eingescannt – passt.“

Eine weitere Einsatzmöglichkeit bietet sich für das Handwerk. Konstruktive Planungsdaten beispielsweise für Heizungsmontagen lassen sich so konvertieren, dass die Anlage komplett als 3D-Modell ausgedruckt werden kann. Zur Fehlervermeidung vorgeschaltete Testmontagen in der Werkstatt können entfallen. Für ein Buchholzer Unternehmen hat Dieter Bielert so ein Modell ausgedruckt – heute betreibt der Kunde einen eigenen 3D-Drucker. Die Geräte kosten zwischen 1200 und etwa 20 000 Euro – je nach Größe und Ausstattung. Für 3D-Scanner werden teils weitaus höhere Beträge fällig: Wer beispielsweise bis zu acht Meter lange Objekte scannen möchte, der muss für einen Präzisions-Scanner schon mal 50 000 Euro investieren. Oder einen Scan-Auftrag erteilen.

Groß wie eine Telefonzelle

Die Beispiele zeigen: Das Einsatzfeld für den 3D-Druck ist vielfältig und keineswegs immer hochtechnologisch. Und: Die Drucker sind mittlerweile so groß, dass die Zeit der Miniaturen abgehakt werden kann. Der lebensgroße 3D-Druck eines Menschen erfordert entsprechende Drucker. Zwei große Geräte sind in Buchholz im Einsatz: mit
1100 mal 500 mal 820 Millimeter und mit 700 mal 700 mal 1900 Millimeter Innenraum, also fast so groß wie eine Telefonzelle. Da lässt sich auch ein Lkw-Spoiler ausdrucken, den kürzlich ein Kunde bestellte.

Im nächsten Schritt plant Dieter Bielert nun mittelfristig den Einstieg in den Metall-Druck. Hier sind allerdings erheblich strengere gesetzliche Vorgaben zu beachten, da beim Verschweißen beispielsweise von Titangranulat ganz andere Prozesse in Gang gesetzt werden – mit höheren Temperaturen und besonderen Anforderungen an die Technik. Allerdings: „Mittlerweile sind die ersten Tischgeräte für Metalldruck entwickelt“, weiß Dieter Bielert.

YouTube-Kompetenzkanal 3D

Der Jesteburger 3D-Experte plant jetzt zunächst einen anderen Coup: „Ich möchte einen YouTube-Kompetenzkanal 3D starten und zeigen, was geht. Technologisch ist so viel möglich, nur die meisten Unternehmen wissen das nicht.“ Die technischen Voraussetzungen inklusive 3D-Kamera hat er bereits geschaffen. Befragt, nach dem Stand der Entwicklung seiner Branche, gibt Dieter Bielert ein passendes Beispiel: „Wenn wir uns mal die Entwicklung des Fernsehens anschauen, dann gab es den Zeitpunkt als von Schwarzweiß auf Farbe umgeschaltet wurde. Da etwa stehen wir heute beim 3D-Druck – da ist also noch ganz viel Luft nach oben.“ wb

>> Web: www.3d-picture.net