Die trügerische Sicherheit der vollen Auftragsbücher

Das sind ihre Themen: Die Buchholzer Unternehmensberaterin Elke Riechert zeigt eine Grafik, die das Spezialgebiet der Personalexpertin wiedergibt. Foto: Wolfgang Becker

B&P-GESPRÄCH Unternehmensberaterin Elke Riechert über Personalentwicklung und Zeitgeist

Was tun, wenn eine zehn Meter hohe Welle auf den Strand zurast? Vielleicht das: Einbuddeln, Luft anhalten und hoffen, dass alles gut geht. Nach diesem Prinzip reagieren nach wie vor viele kleine und mittlere Unternehmen, die zwar wissen, dass mit der Digitalisierung eine wirklich fette Welle heranrauscht, die aber zugleich hoffen, dass sie unbeschadet überstehen, was in manchen Branchen bereits zu einem radikalen Wandel mit Zerstörung der bislang sicher geglaubten Strukturen geführt hat (Disruption). Das ist die Erfahrung von Elke Riechert, Unternehmensberaterin aus Buchholz mit dem Schwerpunkt Personalentwicklung. Zu dem radikalen Wandel zählt auch der Fachkräftemangel, denn er stellt die Unternehmen vor eine weitere ungewohnte Herausforderung: Die Umkehrung der Rollen von Bewerbern und Personalsuchenden. Für Elke Riechert ist der Fall klar: „Wir brauchen eine neue Kultur in den Firmen. Das gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.“

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Stichwort Digitalisierung

Die großen Player in der Wirtschaft haben die Zeichen der Zeit längst erkannt. Ein Beispiel: Die etwa 150 bundesweit tätigen Servicekräfte eines bekannten deutschen Elektrokonzerns arbeiten von zu Hause aus. Ihre Aufträge für den nächsten Tag gehen pünktlich auf dem Tablet oder dem Smartphone ein. Nachts kommt ein Kurier vorbei und bestückt den Werkstattwagen mit allen nötigen Bauteilen, die der noch schlafende Kollege am nächsten Morgen parat haben muss. Kurz: Der Kundendienst bleibt im Großunternehmen – der Elektriker von nebenan geht leer aus.

Elke Riechert: „In vielen kleinen und mittleren Betrieben fehlt meines Erachtens völlig das Bewusstsein für die Entwicklung, in der wir derzeit stecken. Da wiegen die vollen Auftragsbücher in Sicherheit. Doch das ist trügerisch. Statt sich mit den künftigen Entwicklungen auseinanderzusetzen, gehen die Unternehmer im Tagesgeschäft unter und haben schlicht keine Zeit für visionäre Gedanken.“ Sie hilft dabei, diese Blockade zu überwinden – staatlich attraktiv gefördert mit mehreren Programmen des Bundes und der EU.

Stichwort Fachkräftemangel

Nicht nur die Digitalisierung lässt neue Führungsstrukturen und Kommunikationswege in Unternehmen entstehen, auch der Zeitgeist spielt eine große Rolle: Wer sich heute bewirbt, ist in der Regel willkommen, denn er wird gebraucht. Gerade die heranwachsende Generation von Arbeitnehmern weiß das sehr gut – hier geht es nicht mehr nur um gute Bezahlung und einen sicheren Job, sondern um atmosphärische Themen. Wie ist der Umgangston im Unternehmen? Werde ich als Mitarbeiter gesehen und ernstgenommen? Interessiert mich, was ich tun soll? Werde ich gefördert? Wie sind die Arbeitszeiten? Wie flexibel ist das Unternehmen beispielsweise wenn Familienplanung ansteht? Die sogenannten weichen Faktoren sind vielfach wichtiger als ein hohes Einstiegsgehalt plus Dienstwagen.

Elke Riechert: „Vor allem in inhabergeführten Unternehmen kann das zum Problem werden. Personalentwicklung ist keine Einbahnstraße – beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Das heißt für den Chef, sich vielleicht auch mal zurückzunehmen. Eine gute Einarbeitung von neuen Mitarbeitern ist ein Muss. Sie wollen dazugehören, mitreden, Teil des Ganzen sein. Das schafft Motivation, Verantwortungsbereitschaft und Entscheidungsfähigkeit.“ Ein weiterer Punkt: „Guter Umgang ist auch angesagt, wenn Mitarbeiter kündigen. Ein Austrittsinterview sollte unbedingt geführt werden, denn es gibt Aufschluss darüber, wo im Unternehmen die atmosphärischen und vielleicht auch fachlichen Baustellen zu finden sind. Und: Selbst im Falle einer Trennung geht es immer noch ums Image, denn der Ex-Mitarbeiter ist zugleich Multiplikator. Wer ruppig behandelt wird, erzählt es anderen; wer als Person wertgeschätzt ist, auch. Es ist heute unbedingt wichtig, den Menschen wahrzunehmen und ihn nicht auf eine Mail-Account zu reduzieren, den man mit Anweisungen füttert.“

Stichwort Beratung

Elke Riechert hat zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen im Rahmen des Förderprogramms „unternehmensWert: Mensch“ beraten, das nach derzeitigem Stand im Sommer 2020 auslaufen wird. Wer noch einsteigen will, um das Thema Personal anzugehen, sollte sich also zügig darum bemühen.

  • „unternehmensWert: Mensch“: strategische Personalführung, Kommunikation, Organisation, Werte und Leitbild, Teambuilding. Maximal neun Monate. Fördersumme: bis zu 10 000 Euro, von denen das Unternehmen 2000 Euro beziehungsweise 5000 Euro als Eigenanteil einbringen muss. Im Gegenzug gibt es bis zu zehn Tage Beratungsleistung.
  • „unternehmensWert: Mensch plus“: Personalentwicklung mit dem Thema Digitalisierung. Fördersumme: bis zu 12 000 Euro (Eigenanteil 2400 Euro). Es stehen zwölf Beratungstage zur Verfügung.

Für beide Programme ist Elke Riechert zertifiziert. Die Programme lassen sich sogar hintereinander schalten, sodass einem Unternehmen im besten Fall für 4400 Euro 22 Beratungstage zur Verfügung stehen – so viel kostet beispielsweise auch in etwa eine Stellenanzeige in einer überregionalen Tageszeitung.

Der Vollständigkeit halber: Wer eine digitale Strategie technisch umsetzen möchte, kann das Förderprogramm „Go digital“ in Anspruch nehmen. Auch hier sind zertifizierte Berater am Start. wb

>> Web: www.elke-riechert.de