Drochtersen? Das ist es!

Foto: AFSPowerfrau aus Überzeugung: Anke Friesen-Schulz, hier in der Alten Apotheke in Drochtersen, hat großes Interesse daran, die pharmazeutische Versorgung im Kehdinger Land sicherzustellen – dabei geht sie durchaus unkonventionelle Wege. Foto: AFS

Versorgerin, Kreative, Unternehmerin – So zupackend engagiert
sich die Apothekerin Anke Friesen-Schulz in ihrer Wahlheimat Kehdingen.

Auf der Landkarte der schönsten Orte Deutschlands ist Drochtersen nicht unbedingt zu finden – zu Unrecht, findet Anke Friesen-Schulz. Sie hat sich 2003 ganz bewusst dafür entschieden, ihren Wohnort in der Metropole Hamburg gegen eine Selbstständigkeit als Apothekerin in der Kehdinger Metropole Drochtersen einzutauschen: „Ich wurde 2002 gefragt, ob ich mir dort nicht mal die alte Apotheke anschauen wollte, weil der Betreiber erkrankt war. Mein Traum war es immer, aufs Land zu ziehen, dort eine Familie zu haben – und eine alte Apotheke mit alter Einrichtung in einem alten Fachwerkhaus. Ich kam nach Drochtersen, fuhr auf das Haus an der Schulstraße 1 zu und wusste: Das ist es!“ Mittlerweile hat sie Familie, vier Kinder, vier Apotheken und ihr Herz an Kehdingen verloren: „Hier kann ich etwas verändern. Das ist mein Auftrag.“ Eine Haltung, die sich gerade auch im Corona-Jahr 2020 bewährte.

„Ganz schön weit draußen“

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Kehdingen – das ist das Marschen-Land zwischen Stade und Cuxhaven. Moorige Wiesen, Obstplantagen, Weiden und Naturschutzgebiete prägen die Landschaft. 17 Kilometer hinter Stade liegt Drochtersen (11 000 Einwohner), Hauptort der gleichnamigen Gemeinde – „ganz schön weit draußen“, würde der Hamburger sagen.

Anke Friesen-Schulz hat den prosperierenden Ort Drochtersen zu ihrem Lebensmittelpunkt erklärt: „Ich bin in Celle aufgewachsen und habe in Hamburg studiert, dort auch gelebt. Tatsächlich gab es aber eine Verbindung nach Drochtersen, denn mein Vater hatte hier gelebt und war damals mit dem Apothekersohn Herbert Kuhlmann befreundet. Er wohnte gegenüber im Pfarrhaus und ging in dem Fachwerkhaus mit der Alten Apotheke ein und aus. Als nun der Apotheker Henning Finkeldey erkrankte und jemand gesucht wurde, der die Apotheke weiterbetreibt, wurde ich gefragt.“ Ein Jahr Frist blieb der jungen Frau: „Aus Verwalten wurde Kaufen. Es war eine reine Bauchentscheidung.“ Seit 2003 gehört der heute 45-Jährigen die Alte Apotheke in Drochtersen.

Plötzlich 13 Mitarbeiter

Was sie an Drochtersen schätzt? „Hier gibt es eine intakte Sozialstruktur. Man kennt sich. Die Infrastruktur vor Ort ist bestens. Das Vereinsleben ist intakt. Und mit Krautsand haben wir Natur pur und Erholung direkt vor der Haustür. Hier ist es wirklich schön und lebenswert. Ein bisschen heile Welt“, sagt Anke Friesen-Schulz. Der Start war allerdings eine Herausforderung: „Beim Pharmaziestudium lernt man sehr viel, nur nichts über Wirtschaft. Mit der Übernahme der Alten Apotheke war ich plötzlich Arbeitgeberin. Ich hatte 13 Mitarbeiter und keine Ahnung, wie so ein Unternehmen zu führen ist. Hinzu kam, dass im Januar 2003 das neue Beitragssatzsicherungsgesetz in Kraft trat, sich das ganze Abrechnungssystem veränderte und es deshalb im Grunde niemand wagte, eine Apotheke zu übernehmen. Was ich da machte, war absoluter Blindflug. Volles Risiko, große Verantwortung und schlaflose Nächte. Das erste Jahr war schon ein bisschen Horror . . .“, blickt sie zurück. Doch dann nahm „das Unternehmen AFS“ Fahrt auf.

Kaum hatte sie die Alte Apotheke aus dem Jahr 1790 umgebaut, drohte die Schließung der noch älteren Adler-Apotheke (von 1751) in Freiburg/Elbe. Anke Friesen-Schulz: „Ich dachte nur: Dann haben die Leute dort ja keine Versorgung mehr. Also bot ich an, mit meinen Erfahrungen zu helfen, aber bestimmt nicht mit dem Ziel, die Apotheke zu übernehmen. Am nächsten Tag wurde ich gefragt, ob ich nicht kaufen wolle. Ich denke mal, das war die letzte deutsche Apotheke, in der es noch keinen Computer, also auch keine aussagekräftigen Zahlen gab. Man braucht Gottvertrauen, um Ja zu sagen.“ Wenig später schlossen zwei der drei Arztpraxen in Freiburg, aber die Adler-Apotheke blieb.

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Adler, Arnika und Ahorn

Ähnlich war es in Wischhafen. Dort wollte ein junger Arzt, der letzte Berufsvertreter seiner Art vor Ort, aufgeben – aufgrund der maroden Praxis, die er übernommen hatte. Wieder war es an Anke Friesen-Schulz, die medizinische Versorgung in Kehdingen hochzuhalten: Sie ließ 2012 einen Neubau errichten – mit Raum für eine Praxis und eine Apotheke, die Arnika-Apotheke. Das war Nummer drei. Maximal vier Apotheken darf ein selbstständiger Apotheker betreiben. 2020, unmittelbar vor dem ersten Lockdown, eröffnete die umtriebige Unternehmern in Bützfleth die Ahorn-Apotheke – gelegen in einem schicken Neubau direkt am Obstmarschenweg.

Heute hat Anke Friesen-Schulz rund 40 Mitarbeiter und kennt sich in Wirtschaftsangelegenheiten bestens aus. Sie sagt: „Ich verstehe mich als Versorgerin. Das gilt nicht nur für die medizinische und pharmazeutische Struktur vor Ort, sondern auch in aktuellen Krisenzeiten: „Weil ich ahnte, dass ein Maskengebot ausgesprochen wird, bestellte ich frühzeitig 5000 FFP2-Masken.“

Desinfektion auf Obstbrand-Basis

So richtig kreativ wurde die 45-Jährige, als sich der Mangel an Desinfektionsmitteln im Landkreis Stade abzeichnete. Ein Fall für die Krisenmanagerin Anke Friesen-Schulz: „Es war einfach nichts zu kriegen. Als Apothekerin habe ich aber eine Herstellungserlaubnis. Also nahm ich Kontakt zu Brennereien auf und orderte Alkohol. Im Labor der Ahorn-Apotheke mischten wir original nach WHO-Richtlinie in Kanistern hochprozentigen Obstbrand mit Wasserstoffperoxid und Glycerin. Fertig war das Desinfektionsmittel. Aber wir hatten keine Flaschen zum Abfüllen. Fündig wurde ich bei der Firma RPC in Kutenholz, die Verpackungen für Lebensmittel produzieren. So kam es, dass wir mehrere 1000 Liter Desinfektionsmittel in Ketchup-Flaschen an den Krisenstab des Landkreises liefern konnten. Das war echt ein Krimi.“ Auch aus wirtschaftlicher Sicht: „Wir sahen die Not und haben gemischt. Dann erst gerechnet. Aber es ist gutgegangen . . .“

Mittlerweile betreibt sie mehrere Corona-Testzentren und steht im Kampf gegen Corona in vorderster Linie. Getestet wird jetzt in Kooperation mit der Samtgemeinde Drochtersen in der Kulturscheune neben dem Rathaus. Typisch Anke Fiesen-Schulz, könnte man sagen – was ihr Mann, Ingo Schulz, mit einem Lächeln quittiert. Der Life- und Business-Coach sorgt dafür, dass seine Frau ab und zu mal die Überholspur verlässt.