Auf dem „Trumpolin“ der Gegenwart

Nach dem Vortrag noch ein paar Fragen von Carmen Hentschel, ebenfalls Moderatorin: Ingo Zamperoni im Gespräch – unter anderem über sein Buch „Anderland – die USA unter Trump, ein Schadensbericht“. Foto: Wolfgang Becker

Jahresempfang der Sparkasse Harburg-Buxtehude: Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni über das deutsch-amerikanische Verhältnis

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Es geht in der Tat rauf und runter, kreuz und quer – nicht leicht selbst für politische Menschen, im transatlantischen Verhältnis zwischen der EU und den USA, aber auch zwischen Deutschland und den USA den Überblick zu behalten und sich eine klare Meinung zu Donald Trump zu bilden. Er hüpft von einem Konflikt zum nächsten und schert sich schon gar nicht um alte Verträge und die Rolle der USA in der Welt. Im übertragenen Sinne: Er macht mächtig Druck auf dem „Trumpolin“ der Gegenwart und erschüttert alle, die meinten, sicher an der Seite der Amerikaner zu stehen. Bei dem Jahresempfang der Sparkasse Harburg-Buxtehude war Trump das Thema des Abends, denn als Gast hatten Vorstandschef Andreas Sommer und sein Team den Tagesthemen-Moderator und USA-Kenner Ingo Zamperoni eingeladen. Zamperoni studierte in den USA, arbeitete dort später als ARD-Korrespondent und ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet – einer überzeugten Demokratin. Der Schwiegervater sei dagegen beinharter Republikaner und Trump-Fan. Die politische Spaltung geht also mitten durch die Familie. Und durch die gesamte US-Gesellschaft, denn: „Das Besondere ist die Kompromisslosigkeit der politischen Diskussion. Kompromiss – das ist heute ein Schimpfwort, denn wer Kompromisse eingeht, ist ein Verlierer. Wir haben es mit einer irreparablen Verhärtung der Fronten zu tun, was auch der Grund für den längsten Shutdown in der US-Geschichte war“, so Zamperoni, der natürlich auch auf die Mauer einging: „Trump braucht die Mauer, um seine Klientel zusammenzuhalten. Er braucht ein Feindbild – und das sind die illegalen Einwanderer.“

Mit „America first“ habe der US-Präsident einen Wettbewerb der Stärke proklamiert, so Zamperoni, der zu dem Schluss kommt, dass Trump vor allem die weißen Bewohner quer durch alle Schichten anspricht, da sie mittlerweile in den multikulturellen und multiethnischen USA in die Minderheit geraten. Die Angst der Weißen ist das Öl, das den Hochofen Trump befeuert. Zamperoni sagt das so: „Trump ist nicht die Ursache, sondern das Symptom für die Veränderungen in der US-Gesellschaft. Die Weißen sind nicht mehr die maßgebende Mehrheit. Deshalb ist vieles im Umbruch.“

Die Angst der Weißen in den USA
Zamperoni hat durchaus einen differenzierten Blick auf Trump, dem er „ein originelles Verhältnis zur Wahrheit“ attestiert, zugleich aber sagt: „Man kann ihm keine Mogelpackung vorwerfen. Der macht, was er angekündigt hat – Rücknahme vieler Entscheidungen der Obama-Regierung, Ausstieg aus dem Klima-Abkommen, eine umfassende Steuerreform und die Schaffung von Jobs. Die US-Wirtschaft, die schon unter Obama boomte, hat nochmals kräftig zugelegt, auch weil die Unternehmen, die nun weniger Steuern zahlen, wieder investieren.“ Trump habe zwar nur 40 Prozent Zustimmung unter den Amerikanern, jedoch
90 Prozent unter den Republikanern.

„Einfach mal tief durchatmen . . .“
Zamperonis Prognose: „Je mehr Trump von den Medien und von außen angefeindet wird, desto enger schließen sich die Reihen. Ich halte es überhaupt nicht für ausgeschlossen, dass er noch einmal gewählt wird.“ Und: „Wer es schafft, ohne jemals Bezirksbürgermeister gewesen zu sein, ins höchste Amt des Staates aufzusteigen, den würde ich durchaus als stabiles Genie bezeichnen.“ Zamperoni hält es mit dem Rat, den er von einem US-General bekam: „Schaut euch an, was er macht, nicht was er sagt.“ Und sagt: „Trump ist ein virtuoser Ablenker. Er hat die Weltordnung erschüttert – das kommt bei seinen Anhängern gut an. Und das hat er immer so gemacht. In der Folge sind die USA nicht mehr die Ordnungsmacht der Welt – es wird bereits in allen Ecken der Welt ohne die USA geplant.“ Sein Rat: „Wir sollten uns nicht enttäuscht von den USA abwenden, sondern manchmal einfach mal tief durchatmen. Trump ist nicht 1:1 Amerika. Der US-Rechtsstaat ist zäh, und das politikmüde Amerika ist wachgerüttelt. Wir sollten in die Beziehung mit den USA investieren. Jetzt erst recht!“

Nach dem Vortrag noch ein paar Fragen von Carmen Hentschel, ebenfalls Moderatorin: Ingo Zamperoni im Gespräch – unter anderem über sein Buch „Anderland – die USA unter Trump, ein Schadensbericht“.