Europa im Rüttelmodus

Investment1Auf dem Podium (von links): Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, TV-Journalist a.D. Udo von Kampen, Heinz Lüers, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Harburg-Buxtehude, und Moderator Andreas Franik. Foto: Wolfgang Becker

Wenig Hoffnung auf steigende Zinsen
10. Investmenttag der Sparkasse Harburg-Buxtehude – Dr. Ulrich Kater, Udo von Kampen und Heinz Lüers über die Rolle Deutschlands in der EU.

Hier der enthusiastische Europa- Journalist, da der analytische Kapitalmarktexperte – mit Udo von Kampen, ZDF-Studioleiter a. D., und Dr. Ulrich Kampen, Chefvolkswirt der Deka-Bank, bot die Sparkasse Harburg-Buxtehude zu ihrem zehnten Investmenttag gleich zwei prominente Impulsgeber auf, die sich gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse, Heinz Lüers, in der Buchholzer Empore vor gut 500 Gästen den Fragen von Andreas Franik (ehemals ntv) stellten. Ein informativer Abend in politisch bewegten Zeiten zum Thema „Deutschland – Lokomotive Europas?“.

Bewegt sind die Zeiten gleich in mehrfacher Hinsicht: In Deutschland versuchten sich CDU/CSU, Grüne und Liberale über Wochen bei der Regierungsbildung. Doch die Sondierungsgespräche sind gescheitert. Alle Beteiligten schieben sich den Schwarzen Peter zu, und es drohen Neuwahlen mit ungewissem Ausgang – der Frust ist groß, vor allem bei den Wählern. In Europa sorgen neonationalistische Tendenzen in vielen Mitgliedsländern für Unruhe. Ob Brexit, Katalonien-Konflikt oder der politische Rechtsruck in den osteuropäischen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – es rumort gewaltig. Und die Situation in den USA mit einem Präsidenten, der seine Wähler mit „America first“ mobilisierte und Nordkorea mit der „totalen Zerstörung“ droht, ist ebenfalls ein Faktor, der die gewohnte Weltordnung ins Wanken bringt. Vor diesem Hintergrund diskutierten von Kampen, Kater und Lüers über die Situation in Deutschland und über die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte. Die betrübliche Nachricht für Sparer: An dem niedrigen Zinsniveau wird sich in absehbarer Zeit nicht viel ändern, so die Prognose.

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Ein weltoffener Markt

Die nach wie vor wirtschaftlich hervorragende und politisch stabile Lage ist aus Sicht von Ulrich Kater eine Folge verschiedener Faktoren: „Wir haben gut funktionierende Strukturen und einen hohen Ausbildungsstandard. Zudem wurde die deutsche Industrie über Jahre hinweg stark begünstigt – wir profitieren von einem weltoffenen Markt. In anderen Ländern ist es häufig so, dass die Eliten Großteile der Bevölkerung nicht am Wirtschaftsgeschehen teilhaben lassen. Dort herrscht keine Stabilität.“ Deutschland gehe es aber nicht so gut, weil es anderen Ländern schlecht gehe. Kater warnt indes davor, sich in Sicherheit zu wiegen: „Der Einfluss der Industrie nimmt ab, im Gegenzug steigt der Anteil der Dienstleistungen an. Und dort gelten andere Gesetze. Ein Problem: Die großen Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor kommen nicht aus Deutschland.“

Auch die nationalistischen Tendenzen in vielen Staaten und der US-amerikanische Protektionismus unter Trump kamen zur Sprache. Dazu Udo von Kampen: „Auslöser dieser Debatte war unter anderem der hohe deutsche Leistungsbilanz-Überschuss. Das kann man ja irgendwie noch verstehen. Auch in der EU wird mit gewissem Neid auf die politische und wirtschaftliche Situation in Deutschland geschaut. Das alles hat aber nationalistische Ambitionen hochgespült, die ich nicht für möglich gehalten habe.“

Die Europa-Analyse der beiden Experten: Ulrich Kater geht davon aus, dass es innerhalb der EU dazu kommen muss, dass die Starken auf lange Sicht auch für die Schwachen da sind. „Immer wenn sich Länder zusammentun, ist das so. Selbst innerhalb Deutschlands. Wenn wir uns anschauen, wie viel Geld da umverteilt wird, dann wird einem schwindelig. Das lässt sich kaum ausrechnen.“ Diese Umverteilung sei ein Grundprinzip, lasse sich aber nicht mal eben auf die gesamt EU übertragen. Kater: „Das braucht Zeit. In den USA hat es 100 Jahre gedauert, bis das heute fein austarierte System zwischen den Staaten erreicht wurde.“ Udo von Kampen plädiert für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Schon heute sei es so, dass die reichen Länder für die ärmeren bezahlen – nämlich durch die restriktive Niedigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. „Die Zinsen werden nicht erhöht, weil dies die Staaten mit hoher Verschuldung zu stark belasten würde“, so der Journalist. De facto finanzierten die reichen Länder damit die armen Länder. Es gebe allerdings positive Tendenzen in Italien, Spanien, sogar Griechenland.

Dazu Kater: „Das ist alles relativ. Wenn es bei 30 Grad minus um zehn Grad wärmer wird, haben wir immer noch minus 20 Grad.“ Es wäre aber dennoch falsch zu sagen, die Italiener trügen die Schuld an der Nullzinsphase. Kater: „Auch in den USA und in Japan sind die Zinsen im Keller. Wir haben ein ganz anderes Problem: Weltweit werden Überschüsse erzielt, selbst in den Mittelschichten ist Kapital da, das investiert werden will. Dieses weltweite Überangebot zwängt die Zinsen ein, denn es gibt auf der Gegenseite zu wenig Nachfrage. Dieses Phänomen trifft auf alle Länder zu. Außerdem haben wir jetzt die starken Jahrgänge, die das Überangebot noch verschärfen. Die demografische Grenze erreichen wir etwa 2030.“ Und: „Wenn wir in den Jahren 2020/21/22 nicht in der Lage sind, aus den Negativzinsen herauszukommen, läuft etwas schief.“ Wie sich die Niedrigzinsen auf eine regionale Sparkasse auswirken, beantwortete Heinz Lüers: „Darauf haben wir uns eingestellt. Auch in dieser Phase stehen die Sparkassen für Stabilität. Kommunen, Finanzminister und Aktien-Käufer freuen sich über die niedrigen Zinsen, Sparer und das Rentensystem leiden. Für Bauherren ist die Situation im Grunde neutral. Die Finanzierungen sind zwar äußerst günstig, aber im Gegenzug sind die Baukosten und die Grundstückspreise stark gestiegen.“

„Wir stehen für Stabilität“

Sowohl Kater als auch von Kampen gehen davon aus, dass die EU moderat weiter wachsen wird. Trumps Politik  und der Brexit haben aus ihrer Sicht eher zu einem Aufrütteln geführt. Von Kampen setzt zudem auf die deutsch-französische Achse als entscheidender Motor für die europäische Entwicklung: „Das war immer so. Mit dem Duo Merkel/Macron haben wir allen Grund, optimistisch nach vorn zu schauen.“ Kater hofft auf eine Festigung des Euros: „Inwieweit die Gemeinschaftswährung hält, werden wir bei der nächsten Krise sehen. Jede Krise macht den Euro stärker.“ wb