„Ich war King Loui…“

Bodo Janssen, Geschäftsführer der Upstalsboom Kultur & Entwicklung GmbH, sorgte mit seinen Thesen zur Unternehmensführung in der Sparkasse Harburg-Buxtehude in Buxtehude für atemlose Spannung und jede Menge Denkanstöße zur Verbesserung der Unternehmenskultur. Foto: Wolfgang Becker

Doch dann fand er den „Upstalsboom Weg“: Wirtschaftsverein und Sparkasse präsentieren Bodo Janssen in Buxtehude

Wertschöpfung durch Wertschätzung“ klingt irgendwie nicht ausgesprochen spannend, aber was die etwa 150 Gäste des Wirtschaftsvereins Buxtehude und der Sparkasse Harburg-Buxtehude dann erlebten, sprengte selbst die kühnsten Erwartungen: Mit Bodo Janssen, Geschäftsführer der Upstalsboom Kultur & Entwicklung GmbH, war es den Veranstaltern gelungen, einen der charismatischsten Redner aus dem deutschsprachigen Wirtschaftsraum auf die Bühne der Sparkassenfiliale in Buxtehude zu holen. Der 45-Jährige schaffte es ohne jegliches Redemanuskript fast zwei Stunden lang, die Zuhörer zu fesseln und mit einer der größten Herausforderungen der Gegenwart zu konfrontieren: dem Kulturwandel in deutschen Unternehmen.

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Marc Volmer, Leiter des FirmenkundenCenters Buxtehude, verriet in seiner Begrüßung, dass der „Upstalsboom Weg“ sogar schon Thema auf Vorstandsebene sei. Und Lars Oldach, neuer Vorsitzender des Wirtschaftsvereins Buxtehude, verriet: „Ich habe den Film gesehen und bin schwer beeindruckt. Habe sofort beschlossen, mich zu verändern.“ Wertschätzung ist also auf dem Radar der Wirtschaft, aber an den Gast gerichtet sagte Oldach weiter: „So krass wie Sie hat das noch keiner gemacht.“

Das Thema: Wertschätzung

Konkret: Janssen trat 2003 nach bewegter Vorgeschichte in das elterliche Unternehmen ein und suchte seine Rolle als Manager. Was er vorfand, begeisterte ihn nicht, denn Upstalsboom hatte eine Insolvenz hinter sich und führte nun vorwiegend Hotels, die dem Unternehmen nicht gehörten. Janssen: „Wir Ostfriesen sind ja lieber tot als Sklaven – und wir waren die Sklaven der Zahlen.“ Seine Lösung: „Wir kaufen die Hotels zurück.“ Die Eltern waren einverstanden, die Banken machten mit. 2006 übernahm Upstalsboom mit Unterstützung einer Sparkasse tatsächlich das erste Hotel, 2007 kam der Senior bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Mit 34 Jahren war Bodo Janssen nun plötzlich für 450 Mitarbeiter an 25 Standorten verantwortlich und wuchs über sich hinaus: „Mein Ego wurde immer größer – ohne Ausbildung so ein Erfolg. Jeder Spiegel gehörte mir. Ich war King Loui . . .“

Mitarbeiter entscheiden selbst

Das änderte sich jäh, als plötzlich die Mitarbeiter kündigten, keine neuen gefunden werden konnten und alle Planungen nichts mehr wert waren. Der Boom war gebrochen. Janssen stellte einen Fachmann für das Personalwesen ein. Der sah sich den Fall an und veranlasste eine Mitarbeiterbefragung. Das Ergebnis war verheerend – eine Ohrfeige für den Topmanager Janssen. Der sagt: „Wir machten Management für Champignons – alle Köpfe im Dunkeln. Hebt einer den Kopf raus, wird er abgeschnitten.“

Folge: Bodo Janssen ging ins Benediktinerkloster Münsterschwarzach (bei Würzburg) zu Anselm Grün und lernte, was es heißt, die Menschen, mit denen er arbeitete, wertzuschätzen. Ein langer Weg: „Ich war eineinhalb Jahre lang im Kloster, nicht durchgängig, aber immer wieder“, blickt Janssen zurück. Dort setzte er sich mit seiner größten Lebenskrise auseinander – 1998 war er von Kidnappern entführt worden. Acht Tage lang war er in der Gewalt der Erpresser, erlebte acht Scheinhinrichtungen und wurde kurz vor seiner bereits durch Schlaftabletten eingeleiteten Tötung vom MEK befreit. Im Kloster ging er zurück in diese Zeit und kam am Ende durch das Coaching von Anselm Grün zu der Erkenntnis, was ihn im Leben wirklich glücklich macht: der Anblick von glücklichen Menschen. Janssen: „Die Frage war nicht ‚Warum musste ich das erleben?‘, sondern ‚Wofür war das damals gut?‘“. Seine Schilderung versetzte die Zuhörer in atemlose Spannung.

In der Folge stellte Upstalsboom alles auf den Kopf. Janssen: „Unsere Mitarbeiter bestimmen selbst ihre Gehälter. Wir machen keine Planungen mehr. Und wir erleben ein unglaubliches Wachstum – 50 Prozent im vorigen Jahr. Die Mitarbeiter entscheiden selbst.“ In der Folge werden aus „Untergebenen“ plötzlich Menschen, die – im Idealfall – in ihrer Bestimmung leben und ihre Arbeit mit Begeisterung tun, weil sie sich ernstgenommen fühlen. Janssen. „Es geht um gelingende Beziehungen im Unternehmen.“ Upstalsboom hat die Werte der Mitarbeiter zum Unternehmens-Leitbild gemacht. Das Ergebnis ist auf den Punkt gebracht „Führen mit Sinn“. Hinzu kommt ein ausgeprägtes soziales Engagement im Unternehmen, aber auch beim Schulbau in Afrika. Janssen: „Jeder unserer Mitarbeiter darf im Jahr drei Tage bezahlt frei nehmen, um sich sozial zu engagieren.“ Einer seiner Leitsätze an diesem Abend: „Es ist die Verantwortung der Unternehmen, Menschen einen Sinn zugeben, den sie sonst nirgends finden.“ wb