Metropolregion Hamburg – Was ist sie wirklich wert?

INTERVIEW IHK-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt (Stade) über die OECD-Studie, länderübergreifende Projekte und das Verhältnis zwischen der Hansestadt und dem Umland

Sie ist ein Zusammenschluss von Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Sozialpartnern: Unter dem Dach der Metropolregion Hamburg machen Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern und Vertreter der jeweiligen Institutionen gemeinsame Sache, wenn es um die Steigerung der Wirtschaftskraft, die globale Wahrnehmung der Region und vor allem die Verbesserung der Infrastruktur geht. Eine komplexe Gliederung sorgt dafür, dass alle Beteiligten Gehör finden und Mitsprache haben. Seit Anfang 2018 ist Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade mit Hamburger Wurzeln, seit 2017 Mitglied im Regionsrat der Metropolregion Hamburg und seit 2018 Vorsitzende der Facharbeitsgruppe Wirtschaft. Mit ihr sprach B&P-Redakteur Wolfgang Becker.

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Welchen Stellenwert hat die Wirtschaft in der Institution Metropolregion Hamburg?
Einen weit höheren als bisher! Seit etwa eineinhalb Jahren sind wir offiziell Teil der Institution „Metropolregion Hamburg“ und haben so die Möglichkeit, unsere Interessen und vor allem die unserer Unternehmen und Arbeitnehmer einzubringen. Das halte ich für sehr wichtig. Dazu müssen wir allerdings Themen definieren, die für alle vier Bundesländer relevant sind.

Sind die Erwartungen an die Metropolregion als Organisation nicht manchmal etwas zu hoch gesteckt?
Ich denke, es ist immer eine Frage, wieviel der Einzelne bereit ist einzubringen. Durch die Größe und Vielfalt der Gremien neigt vielleicht der eine oder andere schon mal dazu, sich zurückzulehnen, aber ich schaue eher darauf, was wir selbst dazu tun und auch umsetzen können. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Metropolregion wirkt ja immer etwas abstrakt, weil sie nicht sofort greifbar ist. Deshalb ist es wichtig, Erfolgsgeschichten zu erzählen. Unser Ziel muss es sein, das Abstrakte mit konkreten Projekten, die von den Menschen in der Region wahrgenommen werden, spürbar zu machen. Es gibt einen Staatsvertrag und einen strategischen Handlungsrahmen mit klaren Zielen. Die Ausweitung des HVV-Bereichs und die Ausweitung der S-Bahn nach Stade ist natürlich eines der Leuchtturmprojekte in der Geschichte der Metropolregion. Hinzu kommen innovative Themen aus dem Energiebereich, etwa die Nutzung von Wasserstoff, und eine stärkere Kooperation bei der Aus- und Weiterbildung. Ich weiß nicht, ob wir ohne die Metropolregion so weit gekommen wären.

Das ist ein Thema sozusagen vor der Haustür, aber die Metropolregion Hamburg soll ja auch im weltweiten Wettbewerb mit anderen Wirtschafts-und Lebensregionen präsentiert und nach vorn gebracht werden. Gelingt das?
Zurzeit ist die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, d. Red.) damit beauftragt, über etwa eineinhalb Jahre eine Studie zu erstellen, um genau zu analysieren, welche Strahlkraft die Metropolregion tatsächlich hat. Wir haben starken Wert darauf gelegt, die Stadt-Land-Verflechtungen zu untersuchen. Da geht es unter anderem um bezahlbaren Wohnraum und die Pendlerströme. Was macht diese Region lebenswert und wie können wir weltweit Unternehmen dazu bewegen, sich hier anzusiedeln? Ein großer Pluspunkt ist aus meiner Sicht das Vorhandensein von viel Energie – beispielsweise durch Offshore-Windparks. Das wird künftig eines der ganz großen Themen werden. Die Ergebnisse der Studie erwarten wir für das zweite Quartal 2019. Da sind wir natürlich sehr gespannt und arbeiten auch intensiv mit.

Wird Hamburg in der Studie für sich betrachtet oder im Vergleich zu anderen Metropolregionen?
Die OECD verfügt über fundierte Erfahrungen im Erstellen solcher territorialen Studien und natürlich wollen wir auch wissen, wie wir im Vergleich zu anderen Regionen stehen. Keine Region ist wie die andere. Rotterdam können Sie kaum mit Seoul vergleichen und Paris nicht mit Toronto. Daher müssen die OECD-Mitarbeiter die Metropolregion Hamburg erstmal richtig kennen. Deshalb wurden viele Interviews mit Vertretern aus den Kommunen, Verbänden, Kammern und Sozialpartnern geführt. In der zweiten Phase finden derzeit Experteninterviews statt. Und in der dritten Phase kommen die Entscheider aus der Politik, Wissenschaft und der Wirtschaft zu Wort. Das wird in Lüneburg oder Stade stattfinden.

Charakteristikum einer Metropolregion ist logischerweise die Existenz einer Metropole, in diesem Fall Hamburg. Wie beurteilen Sie das zumindest früher oft angespannte Verhältnis zwischen der Hansestadt und den umliegenden Städten und Kommunen – hat sich da etwas verändert?
Ich bin vor viereinhalb Jahren von Hamburg nach Stade gewechselt und kenne beide Sichtweisen ganz gut. Ich glaube, die umliegenden Kommunen dürften gegenüber Hamburg gern etwas selbstbewusster auftreten. Gerade Schleswig-Holstein und Hamburg arbeiten sehr eng zusammen. In Niedersachsen ist es, durch die Größe des Bundeslandes, etwas schwieriger – dort haben wir drei Metropolregionen, ein wesentlicher Unterschied zu den anderen Partnern. Deshalb gibt es keine pauschale Antwort. Ich denke aber, dass gerade wir im Süderelbe-Raum uns noch stärker zusammentun müssten – sowohl Hamburg gegenüber als auch Hannover gegenüber. Da sehe ich schon noch eine Schwäche. Hannover dürfte sich mit Blick auf die Metropolregion Hamburg gern etwas stärker einbringen. Ich weiß aber, dass es mittlerweile Gespräche dazu gibt, die es vorher so nicht gab.

Ein praktisches Beispiel: Der Hamburger Senat plant die Einrichtung von vier Innovationsparks (siehe auch Bericht Seite X), einen davon in Harburg. Zeitgleich plant der Landkreis Harburg nahe der Landesgrenze in Buchholz mit großem Engagement einen Technologie- und Innovationspark (TIP). Inwieweit sind diese Planungen eigentlich inhaltlich abgestimmt? Und: Wäre die Koordinierung solcher Vorhaben auch ein Thema für die Metropolregion?
Hier würde eher die gemeinsame Länderplanung greifen, da Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern davon nicht betroffen sind. Natürlich müsste es da eine verstärkte Abstimmung geben. Die Metropolregion Hamburg hat aber gemeinsame Gewerbeflächen für den gesamten Bereich aufbereitet. Wir erhöhen über diese internationalen Datenbanken die Transparenz über unser Flächenangebot und wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten. In diesem Fall geht es jedoch auch um die Länderfinanzierung und die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Universitäten – hier die Leuphana, dort die Technische Universität Hamburg. Als IHK sind wir über unsere Innovationsförderung involviert und versuchen das TIP-Projekt zu begleiten und zu beraten. Wir beschäftigen mit unserer Schwester-IHK in Lüneburg sogar einen gemeinsamen Mitarbeiter, um deutlich zu machen, dass wir uns als eine Region verstehen und gemeinsam antreten. Das ist im behördlichen Umfeld sicherlich noch anders. Aber es funktioniert und ist der richtige Weg, als Region und nicht in statischen Bezirken zu denken.

Wenn Sie sich die Metropolregionen in Deutschland anschauen – wo steht Hamburg da aus ihrer Sicht?
Meine persönliche Meinung: Ganz gut, aber noch mit Luft nach oben, was die Konkretisierung von Projekten angeht. Ich hoffe, dass die OECD-Studie zu dem Schluss kommt, dass wir unsere wirtschaftliche Vielfalt stärker hervorheben sollten. Wir können noch innovativer sein, noch mutiger Zukunftsthemen anpacken. Die Erzeugung „grüner Energie“ an der Küste ist ein ganz großes Plus. Auch die Modellthemen zur Mobilität vor dem Hintergrund des IST-Kongresses 2021 in Hamburg sind sehr interessant – und meine Hoffnung ist, dass Hamburg dabei auch das Umland im Blick hat und beteiligt. Diese Themen sind auch einer der Gründe, warum wir uns aktiv in die Metropolregion einbringen. Wir wollen nicht nur klagen und wir wissen auch nicht alles besser. Wir wollen mit den anderen Trägern Hand in Hand arbeiten, um unsere Region voran zu bringen.

Maike Bielfeldt

Maike Bielfeldt ist Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade und als solche auch in verantwortlicher Funktion für die Metropolregion Hamburg tätig. Sie gehört dem höchsten Gremium, dem Regionsrat, an und sitzt der Facharbeitsgruppe Wirtschaft vor, in der etwa 40 Mitglieder aus den Landesbehörden, Kommunen, Kammern, Verbänden und Sozialpartnern vier Mal pro Jahr tagen. Aktuelle Themen sind die Digitalisierung, die Kultur- und Kreativwirtschaft, die Zusammenarbeit bei der Gewerbeflächenentwicklung (Gefis/GEFEK II), der Preis „Metropolitaner des Jahres“, die Fachkräftesicherung sowie innovative Energiekonzepte und Mobilität. Speziell die niedersächsischen Träger der Metropolregion wollen die Verkehrsanbindung des Umlandes an Hamburg verbessern, eine Modellregion Windwasserstoff schaffen sowie Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Berufsschulen stärker vernetzen. Foto IHK Stade/Michael Hensel