Mit Drohnen gegen „Zweite-Reihe-Parker“

Das offizielle „PolitikZeit“-Foto: AGA-Hauptgeschäftsführer Volker Tschirch (von links), Wirtschaftssenator Michael Westhagemann, AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse und Thomas Bothe, Mitglied der Geschäftsleitung Mittelstandsbank Nord – Niederlassung Hamburg, Commerzbank AG. Foto: Martina Berliner

„PolitikZeit“: Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann referiert beim AGA Unternehmensverband

Man muss miteinander reden. Nur im persönlichen Austausch und durch gemeinsames Handeln geht es voran. Davon ist Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann überzeugt. Der Einladung des AGA Unternehmensverbands ist er deshalb gern gefolgt. Vor mehr als 120 Gästen der Kaufmannschaft und des konsularischen Korps erklärt er im Haus des Handels und der Dienstleister im Rahmen der Veranstaltungsreihe „PolitikZeit“ seine Sicht zum aktuellen Status der Metropolregion und zu künftigen Entwicklungschancen. Westhagemann brennt für seine im November vergangenen Jahres übernommene Aufgabe als Senator. Sein leidenschaftlich vorgetragener und frei gehaltener Impulsvortrag gerät länger als geplant. „Eigentlich haben Sie schon alles angesprochen, was ich Sie fragen wollte“, eröffnet AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse die anschließende Diskussion.

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3000 Baustellen täglich

Ein Thema, das Westhagemann und Kruse gleichermaßen auf den Nägeln brennt, sind die Staus im Stadtgebiet. „Im Schnitt haben wir am Tag 3000 Baustellen in Hamburg. Aber das ist notwendig, denn wir wollen die Infrastruktur wieder in Ordnung bringen, die jahrelang auf Verschleiß gefahren wurde“, sagt Westhagemann. Er gibt aber zu, dass die Koordination mangelhaft ist. „Ich dachte, das läge allein an unserer Behörde. Aber so ist es nicht.“ Der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer, erläutert er, sei nur für etwa ein Drittel der Bauarbeiten an Hamburger Verkehrswegen zuständig. Der Rest läge in Verantwortung der Bezirke, der Hamburg Port Authority und diverser Leitungsunternehmen. Das Problem: Die Institutionen kommunizierten bisher nicht miteinander. Das soll sich ändern. „Darum kümmere ich mich jetzt persönlich.“ Er habe erstmals alle Akteure zum Gespräch geladen.

Froh über Fahrrinnenanpassung

In naher Zukunft soll außerdem eine neue Organisation die Überwachung des Verkehrsflusses in Echtzeit übernehmen – mit Wärmebildkameras, Drohnen und Sondereinheiten der Polizei zur Verhinderung von Zweite-Reihe-Parkern, kündigt Westhagemann an. Zum Thema autofreie Innenstadt sagt der Senator: „Ich warne davor, dabei Straßen ins Visier zu nehmen, die den Verkehr innerstädtisch entlasten. Wir müssen uns auch darüber unterhalten, wie zum Beispiel die Handwerker in die City kommen.“ Auch die Verlagerung des Innenstadtverkehrs in Wohngebiete sieht er kritisch. Eine Möglichkeit, die City zu entlasten, könne der Öffentliche Nahverkehr sein: „Da investieren wir zwei- bis dreistellige Millionenbeträge.“

Das Thema städtische Mobilität sieht auch AGA-Präsident Kruse kritisch: „Meiner Ansicht nach befinden wir uns in Hamburg in einem Infrastruktur-Dilemma: Vor zehn Jahren hatten wir in Hamburg rund 710 000 Pkw, heute sind es fast 800 000 zugelassene Autos. Die aber stehen zu den Hauptverkehrszeiten im Stau, oder es wird verzweifelt nach einem Parkplatz gesucht. Denn proportional zum Anstieg der Autozahlen ist die Zahl der verfügbaren Parkplätze in der Hansestadt gesunken, ausgelöst unter anderem durch Busbeschleunigungsstreifen und zusätzliche Radwege. Dieses Spannungsfeld gilt es zu lösen.“

Gleichermaßen glücklich sind der AGA-Präsident und der Senator über den Beginn der Bauarbeiten zur Fahrrinnenanpassung der Elbe: „Das ist ein Meilenstein in der Hamburger Hafengeschichte und sichert die Grundlage des Wohlstands der Region und ganz Deutschlands. Leider hat es 17 Jahre gedauert. Das ist zu lang und mancher über­seeische Partner hat so seine eigene Meinung dazu“, so Kruse.

Klimaschutz als Chance verstehen

Um für mehr Ladung nach der Elbvertiefung zu werben, hat Westhagemann in den vergangenen Monaten Reeder aufgesucht. Denn nach der Vertiefung werden Schiffe mit bis zu 23 000 Containern Hamburg ansteuern können. Dass auch die neue Tiefe bald nicht mehr ausreichen könnte, weil Container-Riesen künftig noch größer werden, sei eher unwahrscheinlich, glaubt West­hagemann. „Selbst Reeder halten noch größere Schiffe nicht mehr für optimal. Der Umschlag würde zu lange dauern, die Schiffe wären länger unterwegs.“ Die Quintessenz seiner Reeder-Gespräche: Auch in Asien beobachtet man die Entwicklung des Hamburger Hafens aufmerksam. Qualität von Ladeabwicklung und Automatisierungsgrad werden als gut bewertet, die Hinterland-Anbindung sogar besonders gelobt.

Das Thema Klimaschutz steht auf Westhagemanns Agenda ebenfalls weit oben. Er sieht in der Krise auch eine „Riesenchance für die Industrie“ und in mit Hilfe von Windenergie produziertem Wasserstoff den umweltfreundlichen Energieträger der Zukunft. „Wasserstoff ist die Antwort darauf, wie wir Norddeutschland weiter entwickeln“, sagt Westhagemann, der als CEO der Siemens Region Nord mit Sitz in Hamburg vor allem für den Bereich Windenergie zuständig war und zudem Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Clusters für erneuerbare Energien in Hamburg (EEHH) sowie Mitglied im Hochschulrat der Technischen Universität Hamburg ist. Westhagemann ist bereits mit den Wirtschaftsministern der Nordländer im Gespräch, wie die Wasserstoff-Technologie gemeinsam aufzubauen und räumlich zu verteilen sein könnte. mab

Info:
Im AGA Unternehmensverband sind mehr als 3500 überwiegend mittelständische Unternehmen aus den fünf Küstenländern organisiert – Groß- und Außenhandels­unternehmen sowie unternehmensnahe Dienstleister. Mit seinen 40 Mitarbeitern unterstützt der AGA seine Mitgliedsunternehmen in allen Fragen der Unternehmens- und Personalführung.

Web: https://www.aga.de/