„Wir fahren durch den Nebel, aber: Wir kommen vorwärts!“

AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse

INTERVIEW: Das ist die Jahresanalyse 2020 von AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse

B&P-Redakteur Wolfgang Becker sprach mit Dr. Hans Fabian Kruse am Tag, nachdem die Bundeskanzlerin den zweiten Lockdown verkündet hatte. Eine Light-Version, aber eben doch verbunden mit schmerzhaften Einschnitten. Der Kommentar von Dr. Kruse fällt überraschend sachlich und optimistisch aus.

Wenn Sie auf das Ausnahmejahr 2020 zurückblicken und schauen, wo wir heute stehen, wie sieht dann Ihre aktuelle Lagebewertung gerade auch mit Blick auf die vielschichtige Mitgliederstruktur des AGA aus?

Mein erstes Fazit: Wir fahren durch den Nebel, aber: Wir kommen vorwärts! Im März hatten wir eine völlig neue Situation in unserem Land und standen nach Ausbruch der Pandemie vor einer nie dagewesenen Herausforderung. Der Shutdown war die logische Folge. Ich habe anschließend mit vielen Unternehmern gesprochen und festgestellt, dass meine Gesprächspartner für den Zeitraum Mai bis August/September durchaus zufrieden mit der Politik waren. Sie waren mit Blick auch auf die weitreichenden politischen Entscheidungen davon überzeugt: Wir machen es richtig. Und wir können es uns leisten. Wir haben in Deutschland versucht, die Probleme mit Geld zu lösen.

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Wie hat sich der Lockdown auf die Branchen ausgewirkt, für die Sie sprechen?

Zunächst waren die Auswirkungen natürlich massiv. Optimistische Ökonomen sprachen vom V-Effekt – sie hofften auf einen steilen Anstieg der abgestürzten Kurve und eine schnelle Erholung der Wirtschaft. In der Realität haben wir einen radikalen Abschwung erlebt und bekamen dann eine ansteigende Kurve, die mit zittriger Hand gemalt wurde und vielleicht auch nicht so hoch ging wie erhofft. Jetzt muss man sagen: Auch ein W ist nicht auszuschließen. Meines Erachtens wird der Abschwung im zweiten Lockdown allerdings spürbar flacher ausfallen.

Der AGA Unternehmensverband befragt seine Mitglieder regelmäßig über den Geschäftsverlauf. Welche Zahlen haben Sie 2020 bekommen?

Wir machen diese Umfragen einmal im Quartal. Der Geschäftsindikator von 100 ist ein Mittelwert. Normalerweise haben wir im ersten Quartal immer einen Wert etwa bei 120. Im Jahr der Finanzkrise 2008/2009 sackte der auf 70 ab. Im ersten Quartal 2020 lag er bei 60. Im dritten Quartal lagen wir allerdings schon wieder knapp über 100.

Der AGA vertritt eine ganze Reihe verschiedener Branchen, wie verteilt sich die geschäftliche Erholung?

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Wir haben in der Tat sehr unterschiedliche Firmenkonjunkturen. 30 bis 40 Prozent unserer Mitgliedsunternehmen wurden von der Corona-Krise schwer getroffen. Weitere 30 bis 40 Prozent hatten mit konjunkturellen Schwankungen zu tun. Und 20 bis 30 Prozent haben in 2020 deutliche Zuwächse erzielt. Wer beispielsweise mit Hygieneartikel, Plexiglas, Fahrrädern oder Wohnmobilen handelt, der verzeichnete gute Umsatzsteigerungen. Auch Baumärkte erlebten eine rege Nachfrage und bis zu 20 Prozent Umsatzplus. Alle unsere Dienstleister, die in der Event- und Veranstaltungsbranche oder in der Luftfahrtbranche arbeiten, erleben dagegen ein katastrophales Jahr.

Nachdem die Infektionszahlen im Herbst deutlich anstiegen, musste die Regierung erneut einen Lockdown anordnen, allerdings eine Light-Version. Hat sich die wirtschaftliche Erholung damit erledigt?

Wir sind im Prinzip auf einem ganz neuen Weg. Die November-Maßnahmen würgen die Wirtschaft nicht total ab. Dennoch: Corona hat beschleunigende Wirkung auf wirtschaftliche Entwicklungen. Einige Unternehmen werden verlieren, andere gewinnen. Das müssen wir annehmen. Meine Prognose ist, dass wir den zweiten Lockdown besser verkraften werden.

Was wäre Ihr Wunsch für 2021?

Persönlich wünsche ich mir, dass wir wieder nach Übersee reisen können. Darauf freuen wir Außenhändler uns besonders. Zurzeit leben wir von stabilen, oft langjährig gewachsenen Geschäftsbeziehungen. Aber das wird auf Dauer nicht reichen. Die wichtigen Dinge werden abends beim Bier oder bei einem gemeinsamen Essen besprochen. Diese Kontakte fehlen jetzt völlig. Ich wünsche mir auch, dass wir einen Impfstoff finden und in eine neue Normalität hineinkommen. Die, so meine Erwartung, wird sich von der alten Normalität nicht sehr unterscheiden.

o Dr. Hans Fabian Kruse wurde 1959 in Hamburg geboren. Sein Studium der Betriebswirtschaftslehre und Betriebsinformatik schloss er 1984 mit dem zweisprachigen Abschluss (D/F) als „Lic. rer. pol.“ an der Universität Fribourg/Schweiz ab. 1987 wurde er mit einer Doktorarbeit über „Strategische Planung für Informationssysteme“ zum Dr. rer. pol. promoviert. Während des Studiums absolvierte er verschiedene Praktika in den Bereichen Industrie, Banken, Schifffahrt und Beratung. Anschließend war er im Hamburger Außenhandel tätig. Seit 1989 ist er geschäftsführender Gesellschafter der Wiechers & Helm GmbH & Co. KG, seit 1999 Mitglied des AGA-Präsidiums, seit 2003 Vizepräsident und seit 2008 Präsident des AGA Unternehmensverbandes.

Web: www.aga.de