Öko-Strom aus eigenen Anlagen

Joachim Bode (links) und Diplom-Ingenieur Nick Zippel gehören zu den Initiatoren der noch zu gründenden Alsterwatt eG. Beim „Bürgerkrafttag“ im EnergieBauZentrum am Harburger Elbcampus stellten sie das Projekt der Öffentlichkeit vor. Foto: Wolfgang Becker

Neue Energie-Genossenschaft „Alsterwatt“ wird künftig Strom aus erneuerbaren Energien produzieren

Gemeinsam ist mehr zu erreichen. Auf dieser Erkenntnis basiert der Genossenschaftsgedanke. Ziel sogenannter Energie-Genossenschaften ist die umweltfreundliche, von Konzernen abhängige Produktion von Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien. Diese Form solidarischer Selbsthilfe trägt dazu bei, dass die Energiewende an der Basis ankommt – beim Bürger. „Alsterwatt eG“ lautet der Name der Energiegenossenschaft, die in Kürze in Hamburg aus der Taufe gehoben werden soll. Weil die Idee dazu im Technischen Ausschuss der Sanitär-Heizung-Klima-Innung Hamburg geboren wurde, sind viele der 20 Gründungsmitglieder Handwerksbetriebe aus der SHK-Branche. Auf von der Energie-Genossenschaft gemieteten, bisher freien Dachflächen und in Kellerräumen werden sie Solaranlagen, Blockheizkraftwerke und Brennstoffzellen für die Stromproduktion installieren.

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Der Eisenbahnbauverein Harburg (EBV) hat das auf und in seinen Gebäuden bereits getan. Bereits seit Anfang der 90er-Jahre investiert die Wohnungsbau-Genossenschaft verstärkt in ökologische Projekte eigener Strom- und Wärmeerzeugung. Allerdings wurde die so erzeugte Energie bisher stets ins öffentliche Netz eingespeist. Weil sich das finanziell immer weniger lohnt, wird auch der EBV von der ersten Stunde an der „Alsterwatt eG“ angehören.

Denn durch die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft wird es einfacher, den in eigenen Häusern nachhaltig hergestellten Strom direkt am Produktionsort durch die Bewohner verbrauchen zu lassen. Sogenannter Mieterstrom bietet ökologische Vorteile. Übertragungsverluste werden minimiert und „Stromautobahnen“ weniger relevant. Es zahlt sich aber auch monetär aus. Anders als herkömmlicher Netzstrom ist sogenannter Mieterstrom von Netzentgelten, Konzessionsabgaben und – sofern er aus Anlagen unter zwei Megawatt Leistung stammt – auch von der Stromsteuer befreit. Natürlich werden die Mieter vom Preisvorteil profitieren, versichert Joachim Bode, der Vorstandsvorsitzende des EBV.

Bisher sei die Bereitstellung von Mieterstrom keine Option gewesen, weil die Verwaltung zu kleinteilig und zu kompliziert erschien, erklärt er weiter. Dank der gebündelten Kompetenz und Initiative der zu gründenden Energie-Genossenschaft ändert sich das. Denn in der Alsterwatt eG finden sich kompetente Partner. Etwa die Sager & Deus GmbH, die zu den Gründungsmitgliedern gehört. Das Hamburger Umwelttechnik-Unternehmen hat eine eigene Abteilung, die sich ausschließlich der Umsetzung dezentraler Eigenstromprojekte widmet. „Sager & Deus begleitet Institutionen und Genossenschaften auf dem Weg von der Idee der wärme- und stromseitigen Selbstversorgung bis hin zum eigenen Kraftwerksbetrieb“, erklärt Geschäftsführer Nick Zippel.

Unterstützung „mit eingebautem Bürokratie-Schutzschild, moderner Software und leidenschaftlichem Support eines Profi-Teams“ verspricht der Spezial-Dienstleister „Buzzn“, der für die Energiegenossenschaft Abrechnungen, Wechselprozesse und das Meldewesen übernimmt. Selbstverständlich sind die Mieter nicht verpflichtet, das Angebot anzunehmen. Wer sich aber zum Anbieter-Wechsel entschließt, handelt umweltbewusst und genießt zudem ökonomische Vorteile.

Dass ein Energiegenossenschafts-Projekt funktioniert, zeigt sich beispielsweise in München. Dort versorgt die erst vor zwei Jahren gegründete „Isarwatt eG“ mittlerweile 17 000 Wohnungen mit umweltfreundlichem und günstigem Mieterstrom. Die Strukturen von „Alsterwatt“ werden denen von „Isarwatt“ weitestgehend gleichen. „Dass Bayern mal mein Vorbild werden könnte, hätte ich auch nie gedacht“, scherzt Joachim Bode, der vorab extra nach München reiste, um sich von den Genossen vor Ort informieren und beraten zu lassen.

Bode ist zuversichtlich, dass sich viele Wohnungsgesellschaften, aber auch Privatleute der neuen Energie-Genossenschaft anschließen werden. Nach seiner Überzeugung ist die Wohnungswirtschaft aufgerufen, einen wesentlichen Teil zur Energiewende beizutragen. Mit eigenen umweltfreundlichen Anlagen. Aber auch durch Steigerung von Akzeptanz und die Motivation für die Energiewende in breiten Teilen der Gesellschaft. Denn gemeinsam ist mehr zu erreichen.mab

Info:
Energiegenossenschaften sind genossenschaftlich organisierte Zusammenschlüsse von Institutionen, Firmen und Privatpersonen, die unter Einsatz regenerativer Ressourcen Energie produzieren. Sie werden auch als Bürgerenergiegenossenschaften bezeichnet, weil sie Bürgern die Beteiligung an der Energiewende ermöglichen. Es gibt sie bereits in vielen Ländern, etwa in Kanada, den USA, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Dänemark. In Deutschland sind 860 Energiegenossenschaften beim Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband e. V. organisiert. Laut Verband engagieren sich mehr als 180 000 Menschen in genossenschaftlichen Erneuerbare-Energien-Projekten.