. . . und fröhlich lacht das Designer-Baby

Referierte vor Apothekern auf dem NZW-Kongress in Harburg: Thomas Schulz, „Spiegel“-Korrespondent in den USA, mit einem Schwerpunkt im Bereich Zukunftsmedizin. || Foto: Wolfgang Becker

NZW-Kongress bei Lindtner: Thomas Schulz über die Medizin-Revolution im Silicon-Valley

Was ist das nächste große Ding? Diese Frage beschäftigt nicht nur, aber vor allem die Menschen, die sich mit den Chancen der Digitalisierung befassen. Die Ausschau halten nach neuen Geschäftsideen. Forscher. Unternehmer. Investoren. Das nächste große Ding ist auch ein Thema in der Medizin, und darüber referierte Thomas Schulz, US-Korrespondent des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, vor gut 100 Teilnehmern des onkologisch-pharmazeutischen Fachkongresses NZW Hamburg bei Lindner. Er hat sich intensiv mit der Zukunftsmedizin beschäftigt.
Was Schulz vortrug, eröffnete den Blick in einen Abgrund. Im Silicon-Valley geht es nicht mehr und nicht weniger als um die deutliche Verlängerung des Lebens, das Stoppen des Alterns, den gen-transparenten Menschen, Ersatzorgane aus dem 3D-Drucker und die digitale Datenmedizin. Das Geld für erfolgversprechende Start-ups kommt nicht selten von den üblichen Verdächtigen: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg & Co. Staatliche Kontrolle? „Fehlanzeige“, sagt Schulz. „Zunächst einmal kann jeder forschen, was er will – bevor am Ende staatliche Zulassungsprozesse greifen.“

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Der Festredner, der auch ein Buch über die Zukunftsmedizin geschrieben hat, nannte einige Beispiele: Krebsfrüherkennung per Blutprobe, ein DNA-Sequenztest für alle Infektionskrankheiten (600 Millionen US-Dollar haben Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan für The BioHub bereitgestellt, eine gemeinsame Forschungseinrichtung von Berkeley, UCSF/San Francisco und Stanford), 3D-Druck-Organe aus Biotinte (Schulz: „Das Gewebe gibt es schon, Dauer noch etwa acht Jahre.“) und Calico, ein 2013 von Google gegründetes Biotechnologieunternehmen, das Methoden gegen die menschliche Alterung entwickeln soll, mit einer Milliarde Dollar Venture Capital ausgestattet ist und die weltbesten Genetiker beschäftigt. Schulz: „Ich könnte 50 weitere Beispiele aufzählen.“

Hinter dieser Entwicklung steckt laut Schulz die California-Ideologie: „Utopismus + Kapitalismus“. Durch die Ideen-Diffusion, also den Austausch von Ideen beispielsweise mit anderen Forschern, würden die Entwicklungsprozesse in der Informationstechnologie kombiniert mit Biologie und Gentechnologie exponentiell beschleunigt. Der Referent: „Die beunruhigendste Erkenntnis: Selbst die klügsten Köpfe verstehen mittlerweile nur noch bestimmte Aspekte der Entwicklung, niemand mehr das große Ganze.“ Mittlerweile gebe es in China erste Studien an Menschen; Roboter erkennen Hautkrebs mit derselben Trefferquote wie Hautärzte, nur schneller; und DNA-Sequenzer seien nur noch so groß wie USB-Sticks.
Schulz weiter: „1880 lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen bei 40 Jahren, heute sind es 80 Jahre, 2030 bereits 100 Jahre – und 2090 dann 180 Jahre? Als zwei Professoren der Mayo-Klinik mit der Idee eines längeren Lebens im Silicon Valley anklopften, hatten sie binnen kürzester Zeit 200 Millionen Dollar Startkapital für ein Startup beisammen.“ Designer-Babys seien heut technisch möglich – alles eine Frage des Geldes. Das sei der Aufbruch in die biologische Klassengesellschaft. Sein Fazit: „Wir stehen am Beginn einer neuen medizinischen Ära, aber es gibt viele ethische Fragen. Die jedoch werden die technische Entwicklung und die Auswirkungen auf die Arbeitswelt nicht aufhalten.“ Noch sei auch unklar, wer die Gewinner sein werden – die Pharma-Industrie? Oder die Daten-Besitzer?